TVerletzende Diskussion
Zur „Rückkehr-Diskussion von syrischen Menschen“ (diverse Artikel im TAGEBLATT) schreibt Susanne von Hennig aus Stade:
Syrische Menschen sind zu uns gekommen, weil sie in ihrem Land nicht leben konnten. Plötzlich ist vor wenigen Tagen mit Assads Abgang eine riesige Bedrohung weggefallen. Jetzt stellen sich unzählige Fragen, die Frage nach der Rückkehr von Syrerinnen und Syrern in ihr Land stellt sich zu diesem Zeitpunkt meines Erachtens aber noch nicht.
Wie entwickeln sich die Angriffe verschiedener Länder auf syrische Gebiete zu Wasser, auf dem Land und aus der Luft? Wie sicher können Menschen leben, die in Syrien geblieben sind und die, die aus den Grenzgebieten schon jetzt in ihre Heimat zurückkehren?
Werden die verschiedenen ethnischen Gruppen unter dem Dach der Übergangsregierung friedlich miteinander umgehen können, so wie es zurzeit versprochen wird?
Welche Beziehungen werden sich zwischen den Angehörigen der verschiedenen Religionen entwickeln?
Wie kann der Wiederaufbau kaputter Infrastruktur, Städte und Häuser gelingen? Sind die dazu nötigen Kompetenzen und Kapazitäten noch im Land; welche finanzielle Hilfe wird nötig sein?
Wie viel Zeit braucht es, bis nach über 50 Jahren autoritärer Assad-Herrschaft Toleranz gegenüber Andersdenkenden einkehren kann?
In dieser chaotischen Situation auf offener Bühne über das Ob / Wann / Wie einer Rückkehr von Syrerinnen und Syrern in ihre Heimat diskutieren? Wer von meinen Nachbarn hier in Deutschland würde mich, falls gestern meine Wohnung ausgebrannt und unbewohnbar geworden wäre, heute dorthin zurückschicken?
Wäre ich Syrerin, die Rückkehr-Diskussion zum jetzigen Zeitpunkt empfände ich als verletzend. Allein die egoistische Unterscheidung nach Berufsgruppen ist meines Erachtens abstoßend, Stichwort: Die syrischen Ärzte brauchen wir, die sollen unbedingt hierbleiben.
Natürlich würde ich als Syrerin versuchen, mir ein Bild der Lage zu verschaffen. Auf jeden Fall aber wollte ich selbst bestimmen, wann ich es mir zutraue, wann ich den Mut aufbringe, gegebenenfalls in mein Heimatland zurückzukehren. Und schließlich: Antizipieren wir das Szenario einer - leider möglichen - unguten Entwicklung in Syrien, im Rahmen derer die Menschen nicht nach Syrien zurückkehren könnten. Dann würde in ein paar Jahren die derzeitige Rückkehr-Diskussion rückblickend als ein Integrationshemmnis identifiziert werden.
Ich freue mich mit den Menschen in und aus Syrien über den Sturz des grausamen Machthabers und ich wünsche mir, dass Deutschland klug und besonnen seinen Teil zu einer guten Zukunft Syriens beiträgt.