Via Skype mit dem Psychologen reden
Nora Blum (rechts) hat Deutschlands erstes Online-Selbsthilfeportal gegen Depressionen und Angst gegründet. Gemeinsam mit ihrer Mutter, Diplom Psychologin Sabine Blum aus Hamburg, will die Selfapy-Gründerin Menschen bei der Selbsthilfe helfen. Foto Leona Ohsiek
Wir kaufen schon lange online Schuhe, buchen den nächsten Urlaub oder lernen den Partner kennen. Seit einem Jahr lassen sich nun auch Depressionen und Angst online behandeln.
Selfapy bietet Onlinekurse und persönliche Gespräche mit Psychologen via Skype. In der Realität müssen Patienten oft viele Wochen und Monate auf einen Therapieplatz warten. Nora Blum stammt aus einer Psychologenfamilie. Sie ist mit dem Beruf aufgewachsen, es ist das, was sie beschäftigt, schon immer. Mama, Cousine, Onkel, Schwager – sie alle sind Psychologen. Und trotzdem: Es gibt zu wenig Psychotherapeuten in Deutschland. Deutschlandweit leiden rund 20 Millionen Menschen an einer psychischen Erkrankung wie Burnout, Depression oder Angst. Das Risiko, irgendwann im Verlauf des Lebens an einer Depression zu erkranken, wird national wie international auf 16 bis 20 Prozent geschätzt. Doch es dauert oft viele Wochen und Monate, bis Patienten eine Therapie beginnen können. „Gerade auf dem Land ist es sehr schwer“, so die 25-jährige Nora Blum. In Niedersachsen warten Patienten im Schnitt 12,7 Wochen auf ein Erstgespräch zu einem Therapieplatz, im Osten Deutschlands sind die Wartezeiten am schlimmsten.
Das Online-Programm von Selfapy startet sofort nach Anmeldung und soll so die Zeit überbrücken. „Wir wollen nicht die Therapie ersetzen“, so Nora Blum. Sie wollen helfen, sofort und überall. „Es geht um die kritische Zeit davor, aber auch danach, wenn das Erlernte umgesetzt und in den Alltag integriert werden muss.“
Während ihres Psychologie-Studiums an der US-amerikanischen Elite-Uni in Cambridge hatte die Hamburgerin 2014 Kati Bermbach kennengelernt. Die beiden teilen die gleiche Meinung: Psychische Gesundheit sollte weder vom Geldbeutel, der Versorgungssituation noch von Scham und Stigma abhängen. Kati Bermbach erfuhr noch während ihres Studiums im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit an der Berliner Charité, wie katastrophal die Lage für die meisten Depressiven ist. Ihnen war klar: Da muss sich etwas ändern.
Im Januar 2016 geht Selfapy online. Das Online-Portal basiert auf der klassischen Verhaltenstherapie, bietet systematische Selbsthilfe und persönliche Gespräche mit Psychologen am Telefon oder via Skype. Neun Wochen lang werden Übungen bereitgestellt, um das eigene Verhalten zu verändern und so die Stimmung zu beeinflussen. Psychologen haben Einblick in die Ergebnisse und analysieren sie einmal in der Woche gemeinsam mit dem Patienten. Diese Termine seien enorm wichtig für den Erfolg des Selbsthilfekurses.
„Unser Programm funktioniert wegen der engen Betreuung so gut“, so Nora Blum. Das haben sich die Gründerinnen jetzt in einer aktuellen Studie der Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) mit 103 Probanden bestätigen lassen. Verglichen wurde der begleitete Online-Depressions-Kurs mit einer Warteliste-Kontrollgruppe. Es zeigte sich eine Reduktion der sogenannten Depressionssymptomatik um 35 Prozent. „Unsere Werte sind vergleichbar mit einer traditionellen Psychotherapie. Im Vergleich zu anderen Online-Programmen punkten wir durch unsere extrem niedrige Abbrecherquote, die auf die persönlichen Telefonate mit den Psychologen zurückzuführen ist“, so Nora Blum.
Nora Blum war ständig im Austausch mit ihrer Mutter, der Diplom-Psychologin Sabine Blum. Die Hamburgerin blickt auf eine langjährigen Tätigkeit als Psychologin zurück, seit zehn Jahren praktiziert sie in ihrer eigenen Praxis in der Himmelstraße in Hamburg-Winterhude. Sie gehört zu den Therapeuten der alten Schule, die auf die Bindung zum Therapeuten setzen. Deshalb gefiel ihr die Plattform ihrer Tochter auch so gut. Gerade erst wurde ihre Tochter gemeinsam mit ihrer Geschäftskollegin vom Forbes unter die „30 unter 30“ Social Entrepreneurs (soziale Unternehmer) in Europa gewählt. Die Mutter ist stolz.
Es riecht nach Marzipantee. Überall liegen Selbsthilfebücher und Fachliteratur herum. Am Frühstückstisch in Hamburg-Lokstedt tauschen sich Mutter und Tochter gerne aus. Beide sind herzlich und hilfsbereit, lachen viel. Sie ticken ähnlich. Erst trinken sie eine Tasse Kaffee, dann Tee. Sie haben ein inniges Verhältnis. Wann immer ihre Arbeit es zulässt, unterstützt Sabine Blum das Selfapys-Psychologen-Team. Sechs Psychologen und eine psychologische Leitung kümmern sich um die derzeit 600 angemeldeten Menschen.
Der neunwöchige Online-Kurs kostet aktuell 149,90 Euro. Noch wird der Kurs nicht von den Krankenkassen bezahlt. Doch genau dafür will Nora Blum kämpfen. Die bürokratische Abwicklung wird noch ein paar Monate in Anspruch nehmen. „Wenn sich jemand unser Programm nicht leisten kann, dann soll er sich an uns wenden, wir finden eine Lösung“, so Blum. Im Juni 2016 steckte ein Investor einen hohen sechsstelligen Betrag in ihr Unternehmen. Derzeit wird das Programm ins Englische übersetzt. Sie wollen helfen, jedem und überall.
In England, den Niederlanden, Australien oder Schweden gehören onlinebasierte Selbsthilfeprogramme bei psychischen Erkrankungen bereits zur Regelversorgung. „Es gibt immer noch eine hohe Hemmschwelle, sich direkte Hilfe zu holen“, sagt Blum. Etwa zwei Drittel der ungefähr 10 000 Suizide im Jahr entfallen auf Depressive. Nora Blum will ihnen helfen, bevor es zu spät ist.