Vom Kampf des Dorf-Davids gegen den Filz-Goliath
Jörg Jennrich.
Allein sein Name lässt heute noch politische Freunde und Gegner gleichermaßen aufhorchen. Es gibt wohl niemanden, der in den späten 1990er-Jahren im Landkreis Harburg Politik gemacht oder das politische Geschehen verfolgt hat, der den Namen Jörg Jennrich nicht kennt.
„Der Landkreis erholt sich heute noch von Ihrer Tätigkeit“, soll der Elstorfer Christdemokrat und langjährige frühere Vize-Landrat Heiner Schönecke scherzhaft zu ihm gesagt haben, als er ihn neulich traf.
Jörg Jennrich, inzwischen 72 Jahre alt, nicht mehr Halvesbosteler, sondern Buxtehuder Bürger und „nur“ noch bei seinen „Grünen Alten“ aktiv, kann solche Sprüche ab. Herbe Kritik und kräftige Hiebe, gelegentlich auch von der Presse, haben ihn sein Leben lang begleitet. Kommunalpolitiker wie Jörg Jennrich, stets streitbar und nicht ohne einen gewissen Unterhaltungswert in ihrer politischen Aktion, sind selten geworden, nicht nur im Landkreis Harburg. Und so steht Jennrichs Vita fast beispielhaft für die Umbrüche der 1980er- und 1990er-Jahre im Landkreis Harburg, als sich mit dem gewaltigen Zuzug junger Familien aus Hamburg, hinaus in die bis dato tiefschwarze Provinz, die ersten Großstädter in den Dörfern einnisteten und dort politische Verantwortung übernahmen.
Was er erlebt hat in den 15 Jahren, nachdem der gebürtige Hamburger mit seiner jungen Familie ins ländliche Halvesbostel gezogen war und dort eher unerwartet gleich zum Dorfbürgermeister gekürt wurde, das hat Jennrich jetzt aufgeschrieben. Freunde und Weggefährten hätten ihn dazu ermuntert, nachdem er bereits die Geschichte seiner Familie, eine ebenfalls recht zeittypische Erfahrung von Krieg, Flucht und Armut in Hamburg, aufgeschrieben hatte, vor allem für seine Enkelin, die immer wieder nach der Geschichte der Familie gefragt hatte, erzählt Jennrich.
„Mok mol Börgermeester“ hat er sein zweites, in typisch Jennrich’scher Diktion verfasstes Werk betitelt, in dem er die kleinen und großen Kämpfe jener Zeit Revue passieren lässt und erzählt von politischen Jahren, in denen er Freundschaft, aber auch Hass bis hin zu Morddrohungen erlebte. Und zu kämpfen gab es ständig etwas für den Zugezogenen. Ob es Kinderkrippe und Spielkreis waren, die Jennrich als Chef der Wählergemeinschaft, der (bis heute) einzigen politischen Gruppierung im Halvesbosteler Gemeinderat, mit den Müttern des Dorfes durchboxte oder ob es galt, die letzte Telefonzelle im Dorf zu verteidigen – immer ging es darum, dörfliche Infrastruktur zu erhalten und zu verteidigen gegen den Zentralismus der Kreisverwaltung, die reichlich zu tun hatte mit dem kleinen gallischen Dorf tief im Südwesten des Kreisgebiets.
Unvergessen bei den älteren Bürgern ist sein Einsatz gegen die Tiefflüge der Alliierten, die in den 1980er-Jahren in 75 Metern Höhe über das Dorf donnerten und Mensch und Tier in Angst und Schrecken versetzten. Vom hart erstrittenen Anschluss an die Erdgasversorgung bis zum ganz persönlichen Bemühen um den leicht zurückgebliebenen Dorftrottel – es gab viel zu tun in Halvesbostel, und so gibt des Ex-Bürgermeisters subjektive Schilderung letztlich auch einen Einblick in das Wesen einer dörflichen Gemeinschaft auf der kargen Geest.
Und natürlich fehlt auch nicht jene größte Episode im politischen Leben des Jörg Jennrich, mit der Jennrich in die Annalen der Harburger Kreispolitik eingegangen ist. Schließlich war es kein anderer als Jörg Jennrich, der es möglich machte, dass nach Jahrzehnten der CDU-Herrschaft im Landkreis Harburg im Jahr 1996 das erste bunte Bündnis in der Geschichte des Kreises mit einer Ein-Stimmen-Mehrheit das Ruder im Kreistag übernehmen konnte. Und es war eben jener Jörg Jennrich, der dieses Bündnis, die sogenannte „Smarties“-Koalition aus SPD, FDP, Grünen und Wählergemeinschaft, nach nur 15 Monaten Regierungszeit wieder platzen ließ, der aus Frust über Kungelei und mangelnden Sparwillen seiner neuen Parteifreunde wieder aus der FDP austrat, zu der er kurz zuvor gestoßen war, und dann auch noch half, den Neu Wulmstorfer Liberalen Manfred Karthoff um seinen geliebten Posten als Vize-Landrat zu bringen.
Heute milder geworden
Mit diesem kurzen, aber heftigen Ausflug in die Kreispolitik endete denn auch das kommunalpolitische Wirken des Halvesbosteler Bürgermeisters. Dass einzelne Kreispolitiker und die Presse nach dem Bruch der „Smarties“ seinen Kopf forderten, wenn auch nur im übertragenen Sinne, das war dann selbst dem raue Töne gewohnten Bürgermeister zuviel, 2001 dankte Jennrich ab.
Heute sei er milder geworden, und ruhiger, sagt Jennrich. Doch wenn er merkt, dass irgendwo gemauschelt wird, kann er seinen Mund noch immer nicht halten. Und mit dem Schreiben ist er auch noch nicht fertig. Sein nächstes Buch werde ein Roman sein, kündigt er an. Er wird ihn „Schlicksal“ nennen, in Anspielung auf seinen letzten Kampf mit der Stadt Buxtehude um den Hafenschlick, und darin „die ganzen Schwachstellen verarbeiten, die ihm in Buxtehude so aufgefallen“ sind. „Einiges wird Wirklichkeit sein, anderes denke ich mir aus“, sagt er augenzwinkernd.
Wer Jörg Jennrichs politische Erinnerungen „Mok mol Börgermeester“ (ISBN 978-3-7485-2380-2) oder seine Familiengeschichte „Böse Bürde“ lesen möchte, kann beide Bücher zum Preis von je 10,99 Euro beim Buchhandel bestellen.