Von der Baugrube zum 100-Meter-Strommast
Das erste Stockwerk an Mast eins, Schuss genannt, steht bereits. Wenn er fertig ist, wird der Mast eine Höhe von fast 100 Metern haben. Fotos Nowottny
Die gigantischen Strommasten schrauben sich an der A 26 in die Höhe – die Arbeiten daran waren zuletzt gut zu beobachten. Nach der Errichtung der Stromtrasse Hamburg/Nord-Dollern geht es jetzt auf der Nachbar-Trasse weiter. Das TAGEBLATT hat die Baustellen mit dem Projektleiter besucht.
Ein Bagger gräbt im schweren nassen Marschboden, Bauarbeiter stehen in der ausgehobenen Baugrube mit ihren Sicherheitsschuhen knöcheltief im tiefschwarzen Schlamm, das Wasser läuft in großen Pfützen zusammen. Es gibt einfachere Böden für den Bau von durchschnittlich 73 Meter hohen Strommasten. Die größten unter ihnen sind 99,5 Meter hoch. „Das war die größte Herausforderung“, sagt Timo Drewes.
Normalerweise reicht es, die Grube mit einer Böschung zu begrenzen, um die riesigen Betonklötze als Fundament zu gießen. In diesem Fall merkte der Bauleiter schnell, dass andere Geschütze aufgefahren werden müssen. Spundwände hindern nun den Marschboden daran, zurück in die Grube zu drängen. Dazu kommt, dass der Baugrund zuerst befestigt werden muss, damit er vom schweren Gerät befahrbar ist. Schotterwege allerorten entlang der Trasse sind das Ergebnis.
Momentan lässt der Netzbetreiber Tennet im Landkreis an zehn Standorten gleichzeitig bauen. Vier Mitarbeiter des Unternehmens bilden das Kernteam vor Ort. Die Firma Omexon ist mit dem Leitungsbau beauftragt. Überall entlang der Strecke weisen Omexon-Schilder den Baufahrzeugen den Weg.
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Konkret geht es um den Bau von 25 Masten. Die Masten eins bis sieben befinden sich parallel zur A 26. Mast eins steht kurz hinter der Auffahrt Dollern in Richtung Stade. Mast 22 bis 24 a und b befinden sich auf dem Gelände der Dow. Die Trasse der 380-kV-Leitung ist bis Landesbergen insgesamt 155 Kilometer lang, davon liegen 10,5 Kilometer im Landkreis Stade. Die neue Trasse wird gebaut, damit mehr Strom vom Norden in den Süden übertragen werden kann.
Auf dem Dow-Gelände wird ein neues Umspannwerk errichtet. Auf Höhe Dollern wird die Leitung in das Netz Dollern-Wilster eingebunden. Berührt von dem Projekt sind die Gemeinden Agathenburg und Hollern-Twielenfleth und die Hansestadt Stade. Nach der Inbetriebnahme der 380-kV-Leitung werden rund 21 Kilometer und 60 Masten der dann nicht mehr benötigten 220-kV-Leitung in Bassenfleth, Hollern-Twielenfleth, Wöhrden-Melau und Agathenburg zurückgebaut.
Für den 10,5 Kilometer langen Teilabschnitt ist Timo Drewes zuständig. Der 27-Jährige muss alle Mast-Baustellen gleichzeitig im Blick haben. Die Bauarbeiten an den Maststandorten sind unterschiedlich weit fortgeschritten. Zum Zeitpunkt der TAGEBLATT-Besichtigung steht bei Mast eins bereits die erste Etage des Mastes. An anderen Standorten ist außer der Rodung der Bäume noch nichts zu erkennen.
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Die verschiedenen Stockwerke des Mastes werden als Schuss bezeichnet und mit dem Kran an Ort und Stelle gebracht. Wenn ein Schuss auf den anderen montiert wird, kommen die Bauarbeiter ins Spiel, die spektakulär in luftiger Höhe arbeiten. Sie sind durch Gurte gesichert und befinden sich an jeder Seite des Mastes. Der Kran liefert den nächsten Schuss an, gleichzeitig müssen die Arbeiter die Verbindungsbleche durch Schrauben befestigen. Bei der Besichtigung waren die Arbeiten noch nicht weit genug fortgeschritten, um dieses Schauspiel zu beobachten. Mittlerweile sind sie von der A 26 aus gut zu sehen.
Drewes fährt in dem Auto weiter zu Mast vier. Bevor er aussteigt, setzt er seinen Helm auf. Sicherheit wird großgeschrieben. Das ist bereits in Fleisch und Blut übergegangen. Ihm fällt sofort auf, wenn einer der Baggerfahrer mal schnell ohne Helm aus seinem Fahrzeug steigt.
Das Wasser plätschert leise in einem Graben, der vor der Baustelle von Mast vier verläuft. Eigentlich kein großes Hindernis, doch für die viele Tonnen schweren Baumaschinen war er ein Problem. Eine Brücke musste errichtet werden. Auf den ersten Blick wirkt sie unscheinbar. Doch ein Blick unter die Betonplatte verrät, dass hier ein enormer Aufwand betrieben wurde. Die dicken Stahlträger sind 30 Meter tief in der Erde, bis zu 70 Tonnen Last hält die Brücke aus.
Nachdem die Baugruben ausgebaggert wurden, werden in verschiedenen Arbeitsschritten die Fundamente ausgearbeitet. Vier drei Meter hohe Betonklötze sollen den Strommast am Ende halten. Sie selbst wiegen 520 Tonnen pro Mast. Die Größe der Fundamente ist vom jeweiligen Mast-Typ abhängig, da die Fundamente die Lasten abfangen müssen. Ein Fundament besteht aus erschütterungsarm eingebrachten Bohrpfahlgruppen, die miteinander verbunden sind. Durchmesser eines einzelnen Bohrpfahles: 55 Zentimeter, dessen Tiefe: 18 bis 27 Meter. So viel zur Theorie. So gigantisch, wie sich diese Zahlen anhören, ist auch das Gefühl, davor zu stehen.
Drewes ist in seinem Element. Der Bauleiter erklärt die einzelnen Arbeitsschritte, die notwendig sind, um den Mast zu errichten. Er spricht von Sauberkeitsschicht, Bewehrung und Spreizmaß. Für Laien ist das Fachchinesisch manchmal nur schwer zu verstehen. Um das Spreizmaß zu erklären, benutzt er wiederum andere ungeläufige Begriffe. Am Ende der Diskussion kann er sich schweren Herzens damit zufriedengeben, dass das Spreizmaß die breiteste Stelle des Sockels ist, dort, wo die Beine am weitesten voneinander entfernt stehen. „Aber mich zitieren Sie damit bitte nicht“, fügt er noch schnell hinzu. 16 bis 17 Meter sind das übrigens bei Mast eins.
Mit dem Auto geht es weiter an einer abgeholzten Obstplantage vorbei. Eine intensive Arbeit stellen die Verhandlungen mit den Grundstückseigentümern dar. An vielen Stellen haben Landwirte ihre Apfelbäume stehen, wo jetzt die Strommasten errichtet werden. Den Bauarbeiten gingen viele Jahre der Planung voraus, inklusive Beteiligung der Bürger. Denn Tennet war keineswegs ein gern gesehener Gast im Landkreis. Obstbauern fürchteten teilweise um ihre Existenz. „Wir sind im regen Kontakt mit den Eigentümern“, sagt der Bauleiter. Viele Gespräche wurden geführt, am Ende konnten Einigungen erzielt werden. Wenn auch oft zähneknirschend aufseiten der Obstbaubetriebe. Trotz der allgemeinen Abneigung gegenüber des Bauprojekts: „Offensichtlich angegangen wurde ich bisher nicht“, sagt Timo Drewes.
Der Bauleiter fährt an einem gerodeten Feld vorbei. Später soll auch hier ein Mast stehen. Jeder Eigentümer hat seine besonderen Extrawünsche in den Vertrag eingebracht. Bei diesem Beispiel hat die Rodung Tennet übernommen, der Obstbauer wollte Teile des Holzes behalten. Zum Abtransport hat Tennet das Holz in kleine Stücke zerteilt. Auch das war laut Drewes Teil der Abmachung.
Eine andere gerodete Plantage war mit alten Obstbäumen bestückt, die nicht mehr bewirtschaftet wurden. Für Mast zehn hätte nur ein Teil der Fläche gerodet werden müssen. Die Vereinbarung mit dem Obstbauern: Tennet rodet die gesamte Fläche und macht den Boden nutzbar für den Anbau von neuen Apfelbäumen. „Mit jedem gibt es ein anderes Agreement“, sagt Drewes. Auch wenn die meisten Einigungen vor Baubeginn erreicht wurden, führt der Bauleiter noch immer hier und da Gespräche mit den Grundstückseigentümern.
Im August 2020 sollen die Arbeiten an allen 25 Masten abgeschlossen sein. Die Beseilung der ersten Masten erfolgt dann zusammen mit dem parallel laufenden Netzausbauprojekt Hamburg/Nord-Dollern, das über die Elbe führt. Wer über die A 26 fuhr, konnte in den vergangenen Monaten die Arbeiten an den Masten dieses Projekts beobachten. Wenn Tennet das Netz in Betrieb nimmt, sind die Arbeiten aber noch lange nicht vorbei. Masten der Provisorien müssen demontiert, Schotterwege zurückgebaut, Asphaltstraßen saniert werden. So steht es im Vertrag.
Der nasse Boden klebt an Drewes‘ Schuhen. Er versucht, den hartnäckigen Matsch an einer Palette abzustreifen. Mit mäßigem Erfolg. Seit Oktober ist sein Arbeitsplatz der Landkreis Stade. Seinen Wohnort möchte er nicht in der Zeitung lesen. Doch oft übernachtet Drewes im Hotel. Über Arbeitslosigkeit nach Abschluss des Trassenabschnitts macht er sich keine Sorgen: „Bekanntermaßen gibt es ja noch einige Projekte von der Tennet.“