Waldorfschule in Apensen setzt Kinder vor die Tür
Entsetzte Eltern: Andreas von Tautphoeus (v.l.), Silvia Alexandre , Anja Koch und Thomas Hausherr erwägen eine Klage gegen die Waldorfschule.
Die entsetzten Eltern wurden erst mit Beginn des neuen Schuljahres darüber informiert, dass die 10. Klasse geschlossen wird. Sie war zu klein und damit unwirtschaftlich. Offizieller Kündigungsgrund: Die Förderung der Kinder könne nicht ermöglicht werden.
„Wir waren wie vor den Kopf gestoßen“, berichtet Thomas Hausherr. „Als wir unserer Tochter mitteilten, dass ihre Klasse geschlossen wird, hat sie stundenlang geweint.“ Andere betroffene Eltern bestätigen dies: „Für die Kinder war es ein Schock. Sie hatten einen sehr guten Zusammenhalt“, so Andreas von Tautphoeus. Das mag auch an der besonderen Situation in der Klasse gelegen haben: Sie lag seit Jahren mit sieben bis acht Schülern weit unter dem Durchschnitt der Klassengröße an der Walddorfschule in Apensen, der nach der Schließung der 10. Klasse jetzt bei 22 Schülern liegt, und war daher seit langem wirtschaftlich gesehen ein „Minusgeschäft“ für den Trägerverein. An Waldorfschulen zahlen Erziehungsberechtigte ein Schulgeld, das sich meist nach elterlichen Einkünften richtet.
„Grund für die Schließung ist die seit zwei Jahren stagnierende Schülerzahl der Klasse, die mit nur acht Schülerinnen und Schülern eine personell und wirtschaftlich leider nicht mehr tragbare Situation für die Schule darstellt“, heißt es in einer Pressemitteilung der Freien Waldorfschule Apensen. „Wir haben alles versucht, diese Klasse trotz der wirtschaftlichen Belastung bestehen zu lassen“, sagt Martin Harlan, Vorsitzender des Trägervereins und Mitglied in der Schulleitungskonferenz. „In einer so kleinen Gruppe ist der für den Unterricht vielfältige und differenzierte Austausch über die behandelten Themen und Inhalte kaum noch gegeben.“ Die seit zwei Jahren bestehende Hoffnung auf eine Vergrößerung der Klasse durch neue Schüler habe sich nicht erfüllt. „Aus wirtschaftlicher Sicht hätte man die Klasse schon vor drei bis vier Jahren schließen müssen“, ergänzt Verwaltungsleiter und Vorstand Christoph Schmeißer.
In der dem TAGEBLATT vorliegenden Kündigung zum 30. September 2017, die den Eltern erst am 8. September zugegangen ist, heißt es, sie erfolge, da dem Kind „an unserer Schule nicht die ihm gemäße Förderung möglich gemacht werden kann“. Man beziehe sich auf Punkt 7 des Schulvertrags. Darunter heißt es, dass von Schulseite grundsätzlich eine Kündigung erfolgen kann, „wenn ein Schüler die Regeln des schulischen Zusammenlebens schwerwiegend beeinträchtigt, wenn die Erziehungsberechtigten die pädagogische Konzeption der Waldorfschule nicht mitzutragen bereit sind und durch ihr Verhalten die Aufgabe der Schule deutlich beeinträchtigen ...“
„Wir möchten betonen, dass wir nicht die Waldorf-Pädagogik insgesamt infrage stellen“, sagt Silvia Alexandre, die ebenfalls zu den betroffenen Eltern gehört. „Aber hier werden Unstimmigkeiten zwischen Eltern und Schul-Management auf dem Rücken unserer Kinder ausgetragen.“ Zum Ende der neunten Klasse sei den Eltern noch bestätigt worden, dass die Klasse bestehen bleibt, zumal Ende Dezember 2016 noch eine Schülerin dazugekommen sei. Warum die Eltern nicht wenigstens vor den Sommerferien über die Schließung informiert wurden, begründet Harlan auch damit, dass jeweils „am ersten Schultag auf die Klassen geschaut wird, um zu sehen, wie die Perspektive der Kinder sind. Anschließend hat die Konferenz der zuständigen Lehrer gesagt, dass es schwer für die Klasse wird.“
Die betroffenen Eltern verstehen nicht, warum ausgerechnet eine so kleine Klasse von den Lehrern offenbar nicht in den Griff bekommen werden kann. „Das muss doch eine Traumsituation für jeden Pädagogen sein“, meint Andreas von Tautphoeus. Der Rausschmiss der Kinder sei eine pädagogische Bankrotterklärung. Schon lange seien die Kinder nicht vernünftig beschult worden. „Sie sind vom Stoff her ein, zwei Jahre zurück. Bei den Abschlussprüfungen zum Ende der zehnten Klasse wäre das aufgeflogen.“ Die Kinder der betroffenen Eltern, mit denen das TAGEBLATT gesprochen hat, sind inzwischen an öffentlichen Schulen untergekommen, müssen aber die neunte Klasse wiederholen.
„Es ist traurig, dass es nicht gelungen ist, den Eltern zu vermitteln, dass die Schließung keine Entscheidung gegen sie oder ihre Kinder ist, sondern eine für das Gelingen ihrer Lernbiografie“, sagt Friderike Steinkopff, an der Waldorfschule zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit und selbst betroffene Mutter. Die Landesschulbehörde ist informiert, hält sich aus der Sache aber weitgehend heraus: „Die Verträge zwischen Eltern und Schule liegen nicht in der Verantwortung der Landesschulbehörde. Sie werden als Privatverträge zwischen Schule und Erziehungsberechtigten geschlossen“, so Behördensprecher Christopher Winkler. Michael Kropp, Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft Freier Walddorfschulen, bedauert, dass es zu der Klassenschließung gekommen ist. „Es ist schade, dass von der Schule keine Möglichkeit gesehen wurde, die Klasse fortzusetzen – warum auch immer. Wir hätten gern geholfen, eine Lösung zu finden. Bislang ist das auch immer gelungen.“ Schließlich stehe in der Waldorfpädagogik der Mensch im Mittelpunkt.
Diese Erfahrung dürfen die vor die Tür gesetzten Kinder, die ihre Schullaufbahn eigentlich in Apensen beenden wollten, nun nicht mehr machen.