Warum Moisburg so besonders war
Auf dem Foto von 1904 beweist Moisburg gegenüber vom Amtshaus auf dem Damm eine fast kleinstädtische Anmutung . Neben der Mühle erstrecken sich Handwerkerhäuser.
Arbeitsplätze? Unternehmen? Handwerk? Gastronomie? Heute ist in wirtschaftlicher Hinsicht mit wenigen Ausnahmen nicht mehr allzu viel los im kleinen Moisburg. Das war einmal ganz anders: Über Jahrhunderte war das Amt Moisburg ein bekannter Handelsplatz.
Das Amt Moisburg war jahrhundertelang Zentrum regen Handels. Der Ort blickt auf eine lange Geschichte zurück: Um 1242 wurden Dorf und Kirche erstmals erwähnt, im 14. Jahrhundert die Wassermühle. Im Mittelpunkt des Ortes lag das Amtshaus. Es wurde 1711 auf den Resten des Moisburger Schlosses gebaut. Ursprünglich gehörten Seitenflügel und ein großer Garten zum Gebäude dazu.
Zu sehen ist das teilweise auf mittelalterlichen Ursprung zurückgehende Schloss auf einem Kupferstich von 1651. Wenig später – nämlich 1692 – erfolgte der endgültige Abriss des maroden Gebäudes. „Der Untergrund auf dem von Wasser umgebenen Schlossareal war sumpfig und daher ungünstig, um die massiv aufgestockten Gebäudeteile zu tragen“, sagt Dr. Nils Kagel (Foto). „Das Schloss hielt hinten und vorne nicht mehr.“
Der Volkskundler ist einer der wenigen – wenn nicht der einzige – aktive professionelle Moisburg-Experte. Um mehr über die besondere Geschichte des Ortes zu erfahren, musste der Neu Wulmstorfer sein Forschungsfeld überwiegend „eigenhändig“ beackern. Es liegen nur wenige fixierte Forschungsergebnisse vor. Wertvolle Erkenntnisse kann Kagel lediglich aus den Aufsätzen und Quellenpublikationen der längst verstorbenen Moisburger Heimatforscher Dr. Willi Meyne und Artur Conrad Förste übernehmen. Beide konnten im Staatsarchiv von Hannover noch Akten einsehen, die während des Zweiten Weltkrieges zerstört wurden. „Insbesondere Willi Meynes Arbeit ist als vorbildlich zu bewerten“, sagt Kagel. Der Kunsthistoriker und frühere Dorflehrer habe seine Forschungen akribisch belegt.
Kagel ist heute verantwortlich für den historischen Gebäudebestand des Freilichtmuseums Molfsee. Zuvor arbeitete er im Freilichtmuseum am Kiekeberg und erforschte die Geschichte der Region. Der Wissenschaftler befasste sich insbesondere mit der Moisburger Geschichte und schrieb unter anderem die Chronik der Gemeinde Wenzendorf, deren Dörfer früher zum Amt Moisburg gehörten. „Wenn man sich als Historiker mit der Region beschäftigt, kommt man an Moisburg nicht vorbei“, sagt der Volkskundler, der sich seit 2003 mit der besonderen Historie des Ortes befasst und kürzlich darüber einen viel beachteten Vortrag in der zum Freilichtmuseum am Kiekeberg gehörenden Moisburger Wassermühle hielt. Der Vortrag im Mühlenmuseum war ein voller Erfolg: 90 Interessierte waren dort, aus Platzgründen konnten einige Besucher nicht in die Mühle kommen, selbst Stehplätze waren belegt.
Lageplan des Amtshauses (Bildmitte) mit Vorwerk, (links) von 1760.
„Das Amt Moisburg war bedeutend als Innovationszentrum und Wirtschaftshof“, so Kagel. Beim 1711 gebauten Amtshaus Moisburg zeige sich die beeindruckende Wirtschaftskraft des Amts in den zugehörigen Gebäuden: die Amtswassermühle, die heute das Mühlenmuseum beherbergt, eine Brennerei, eine Brauerei und ein Vorwerk. Ein Grund für den Wohlstand des Amts Moisburg war, dass die Moisburger Wassermühle eine Zwangs- beziehungsweise Bannmühle war: Alle Bauern des Amtes mussten ihr Korn dort mahlen lassen. Die Mühle wurde bis 1652 in eigener Verwaltung des Amtes geführt, danach an verschiedene Müller verpachtet, nach 1872 an den Domänenpächter, der sie durch fremde Müller betreiben ließ. Nach der Domänenaufteilung 1928 kaufte sie der letzte Moisburger Müller, der sie nach dem Kriege stilllegte und sich ein Wohnhaus auf dem Grundstück baute.
Moisburg wuchs aus Dorf, Schloss und Berg zusammen, auf dem vor allem Handwerker siedelten. Im 17. Jahrhundert wohnten dort nachweislich Schuster, Schneider, Drescher, Papiermacher und Drechsler – im Vergleich zu heute gab es ein reges wirtschaftliches Leben. Zwischen dem alten Dorf, dem Schloss und den von diesem abhängigen Bauten bildet bereits die heutige Dorfstraße eine Verbindung.
Dieser Merianstich zeigt Moisburg um 1650. Die Hinweise auf einzelne Gebäude hat der Moisburg-Forscher Dr. Nils Kagel hinzugefügt. Das „Neue Haus“ ist ein Flügel des Schlosses.
„Das Amt Moisburg hat über enorm viel Land verfügt“, erläutert Kagel. So gab es große Ackerflächen in den Niederungen der Este, um das Vieh versorgen zu können: Nachweisbar sind drei Schafställe sowie 200 Kühe allein im Vorwerk, das von den jeweiligen Grundherren an den Moisburger Amtmann verpachtet wurde, um ihm über sein Gehalt hinaus einen entsprechenden Lebensstil zu ermöglichen. Das Vorwerk war also ein Wirtschaftshof, auf dem der Amtmann ähnlich wie ein Gutsherr saß. Es befand sich gegenüber vom Amtshaus und bestand aus mehreren Gebäuden, darunter ein fast 200 Meter langes Hallenhaus, das sechs bis sieben Mal so groß war wie ein Bauernhaus und hinten ein Wohnteil mit beheizbaren Stuben besaß. Zudem gab es einen riesigen Kuhstall, einen großen Schweinestall sowie einen Pferdestall. „Das Vorwerk war ein ungewöhnlich großer Komplex“, so Kagel. Um diesen bewirtschaften zu können, waren die Bauern der Umgebung zum Dienst verpflichtet. Die Dienstpflichtigen wurden herangezogen, um etwa die Ernte einzubringen, Fuhrwerke zu fahren oder die Mühle zu reparieren.
Nach Abschaffung der Pflichtdienste auf dem Gut mussten neue Arbeitskräfte her: Schon Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Moisburg Arbeitsmigranten aus Polen, die zur Erntezeit kamen, um in der Landwirtschaft ihr Auskommen zu finden. Sie lebten im nicht mehr existierenden „Polenhaus“ am Amtshaus. „Auch damals gab es Vorbehalte gegen Fremde und man ist nicht ohne sie ausgekommen“, so Kagel.
Neben der auffällig hohen Anzahl von Mühlen im Amt Moisburg gab es zudem ertragreiche Fischteiche, eine Brennerei, eine Brauerei und für wenige Jahre sogar eine Münze, die den Moisburger Taler produzierte. In einer Quelle ist dokumentiert, dass aus Moisburg allein zum Smeds Hoff, dem heutigen Museumsbauernhof in Wennerstorf, pro Jahr 20 Liter Schnaps geliefert wurden. Die Papiermühle produzierte Papier mit eigenem Wasserzeichen, das sich auf vielen Dokumenten findet. Die Papiermühlen des Amts Moisburg in Moisburg, Staersbeck, Appelbeck und Altkloster galten als Appellationsgericht für das Gewerk. Der Moisburger Amtmann behauptete 1772, dass alle Gesellen aus ganz Deutschland hier hätten arbeiten müssen. Im Kirchenbuch der Gemeinde sind neben Papiermachern aus niedersächsischem Gebiet auch welche aus Brandenburg, Mecklenburg, Schwaben, Nürnberg, Hessen und Salzburg genannt.
Ein neues Programm für das traditionelle Moisburger Mühlenfest: Am Sonntag, 16. September, lebt die Geschichte des Ortes von 11 bis 18 Uhr für einen Tag wieder auf. Handwerker führen alte Techniken vor, es gibt traditionelles Essen, Musik und Tänze sowie viele Mitmach-Aktionen für jedes Alter rund um das Mühlenmuseum Moisburg und das historische Amtshaus auf dem Damm. Der Eintritt ist frei.
Erstmals lässt das Mühlenmuseum das historische Moisburg wieder aufleben. Rund um den Dorfkern zeigen Handwerker, wie Münzen geprägt, Papier hergestellt und Bier gebraut werden. Drechsler, Seiler, Zimmermann und Schmied führen ihre Handwerke vor. Besucher können die alten Techniken selbst ausprobieren. Händler bieten auf einem kleinen Markt wie früher unter anderem Handwerkszeug und eine große Blumenvielfalt an. Am Vormittag untermalt die Hollenstedter Blasmusik-Kapelle das Mühlenfest musikalisch. Nachmittags zeigen junge und erwachsene Tänzer des Hollenstedter Volkstanzkreises ihre Tänze.
Im Mühlenmuseum führt der Müller vor, wie früher in der Wassermühle gemahlen wurde. In Führungen erfahren Besucher mehr zur Mühlentechnik und das Müllerhandwerk. Für Kinder gibt es viel Mitmach-Programm, zum Beispiel Papier herstellen, Wasserrad bauen, Seilerei oder Getreide mahlen.
Handwerklich geht es auch im Kulinarischen zu: Auf die Brau- und Fischzuchttradition beziehen sich die Heringsbraterei und das selbst gebraute Bier, mit dem beim Mühlenfest Besucher verköstigt werden. Dazu gibt es Kaffeestuben im Blauen Salon des Amtshauses und im Mühlencafé mit dem traditionellen frischen Amtsmühlenbrot mit Schmalz, der Mühlentorte aus Buchweizenmehl und einer großen Kuchenauswahl.