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Was Schreibtische verraten

Kreatives Chaos? Der Schreibtisch von TAGEBLATT-Redakteur Björn Vasel nach Feierabend.

Kreatives Chaos? Der Schreibtisch von TAGEBLATT-Redakteur Björn Vasel nach Feierabend.

Die einen leben im Chaos zwischen Papierstapeln, Akten, Zetteln und persönlichen Utensilien. Und die anderen sitzen vor einem ordentlich aufgeräumten Schreibtisch. Was sagt das über die Protagonisten aus? 

Von Wolfgang Stephan Freitag, 19.08.2016, 17:34 Uhr

Ist der Schreibtisch tatsächlich ein Spiegelbild der Seele? Und: Lässt sich im Chaos tatsächlich produktiv arbeiten? Das TAGEBLATT beleuchtet in einer neuen Serie die Schreibtische und ihre Protagonisten.

Zeig mir deinen Schreibtisch und ich sage dir, wer du bist: Die alte Volksweisheit spaltete die Büromenschen bisher in zwei Gruppen: Die einen lieben auf ihrer Arbeitsplatte das gepflegte Chaos mit unordentlich angehefteten Fotos und die anderen räumen auf oder lassen erst gar keine Unordnung entstehen, weil sie scannen, abheften oder die Daten speichern.

Die dritte Variante ist gerade am Entstehen und wird derzeit bei Siemens in Düsseldorf vorbereitet: Parallel zum Umzug in die neu angelegte Airport City startete der Konzern das Pilotprojekt „Siemens Office“. Für die 600 Mitarbeiter stehen nur 400 Arbeitsplätze zur Verfügung, jeder kann sich seinen Platz jeden Morgen frei wählen. Und weil nie alle Mitarbeiter zur gleichen Zeit anwesend sind, reichen die vorhandenen 400 Plätze allemal aus. Niemand hat mehr einen eigenen Schreibtisch.

Der individuelle Arbeitsplatz mit eigenem Gummibaum und Nachwuchsfoto am Bildschirm gehört zumindest nach Meinung von Büroforschern der Vergangenheit an. Wie das Beispiel Siemens zeigt, beziehen die Büromenschen der Zukunft einen verkabelten Arbeitsplatz auf Zeit, der mit blanker Platte am nächsten Morgen übergeben wird. Im eigens entwickelten Rollcontainer dieser sogenannten „nonterritorialen Arbeitsplätze“ sollen alle individuellen Arbeitsmaterialien am Ende des Tages verschwinden.

Von derlei Zukunftsmodellen sind die Unternehmen und Verwaltungen in der Region allerdings noch weit entfernt. Der Blick in die Büros zeigt die klassische Variante zwischen Ordnung und Chaos. Aber was ist dran an der alten Volksweisheit vom Schreibtisch als Visitenkarte seines Besitzers.

1. Erkenntnis: Der weltweit anerkannte US-Psychologe Samuel Gosling von der Universität Austin-Texas schickte Probanden in die Büros wildfremder Leute. Nach dem Besuch sollten sie die Persönlichkeit des abwesenden Bewohners einschätzen. Alle kamen der Wirklichkeit erstaunlich nahe. Dabei beurteilten sie die Besitzer anhand ihrer Kaffeetassen, Papierstapel und Drehstühle sogar treffender als deren beste Freunde. Nach zehn Jahren Forschung ist Gosling überzeugt: „Die Art, wie wir unsere Umgebung gestalten, spiegelt unser Inneres wider.“ Kein kreativer Kopf empfängt seine Gäste im schweren Eichensessel und umgekehrt sitzen Banker kaum an einen aus einem Surfbrett entworfen Besuchertisch.

2. Erkenntnis: In der Wissenschaft finden sich auch Untersuchungen über das Chaos. Nach einer Studie des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts werden gut zehn Prozent der Arbeitszeit durch „überflüssige oder fehlende Arbeitsmaterialien“ oder „ständiges Suchen nach dem richtigen Dokument in chaotischen Dateiverzeichnissen“ verschwendet. Derart chaotische Büros und Schreibtische beschäftigen jeden Angestellten demnach gut 25 Arbeitstage im Jahr mit Suchen, Aufräumen und Organisieren.

3. Erkenntnis steht im Widerspruch zur 2. Erkenntnis, denn: „Aufräumer suchen im Schnitt 36 Prozent länger nach ihren Zetteln“, schreiben Eric Abrahamson, Professor der New Yorker Columbia University, und Journalist David Freedman in dem Buch „Das perfekte Chaos“. „Unordnung ist nicht zwangsläufig die Abwesenheit von Ordnung“, sagen Abrahamson und Freedman. Ein unordentlicher Schreibtisch kann ein hocheffizientes System der Priorisierung von Aufgaben und des Zugriffs auf Unterlagen sein. Auf einem chaotischen Schreibtisch befinden sich dringend zu bearbeitende Dokumente in der Regel eher an der Oberfläche des Durcheinanders, während Dinge, die getrost liegen bleiben können, ganz unten oder hinten vergraben liegen. Das ergebe durchaus Sinn.

4. Erkenntnis: Laut Psychologen kann der Schreibtisch sogar über Karrierechancen entscheiden. In einer Studie des britischen Wissenschaftlers Cary Cooper gaben 70 Prozent der befragten Manager an, dass sie Mitarbeiter mit einem ordentlichen Schreibtisch bevorzugen. Ein leerer Schreibtisch sei ein Zeichen von Macht und Disziplin. Wer einen Chaos-Schreibtisch hat, sei demnach meist nicht der Chef.

Ein überfüllter Schreibtisch signalisiere im Zweifelsfall nicht Engagement, sondern Überforderung. Bei Chaos-Liebhabern, „Volltischler“ genannt, wittern nach der Studie manche Vorgesetzte Disziplinlosigkeit und Unordnung,

Die neue Serie

Wie es auf den Schreibtischen in der Region aussieht, beschreibt das TAGEBLATT in einer neuen Serie: Chefvisite. Der erste in Augenschein genommene Schreibtisch gehört Landgerichts-Präsident Carl-Fritz Fitting, zu lesen heute im Wochenend-Magazin auf Seite 33.

Und der jeden Abend penibel aufgeräumte Arbeitsplatz von Birger Hamann, Chef vom Dienst beim TAGEBLATT.

Und der jeden Abend penibel aufgeräumte Arbeitsplatz von Birger Hamann, Chef vom Dienst beim TAGEBLATT.

Was Schreibtische verraten

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