Was von den Baracken übrig blieb
Nur noch Mauerreste am Hanfberg sind erhalten: Gerd Martens und Hans Jürgen Bublies haben im Wald eine Ziegelsteinmauer aufgespürt, die den Standort einer der Baracken anzeigt, in denen nach dem Krieg Flüchtlinge in Agathenburg untergebrach
Agathenburgs Heimatforscher Gerd Martens und der ehemalige Bewohner Hans Jürgen Bublies erinnern sich noch lebhaft an die Baracken am Hanfberg. Zusammen haben sie den Standort der Hütten und die Namen der Flüchtlingsfamilien rekonstruiert.
Ein Spaziergang mit Gerd Martens (78) und Hans Jürgen Bublies (72) über den inzwischen bewaldeten Hanfberg ist wie eine Geschichtsstunde. Erinnerungen kommen hoch, wenn der alteingesessene Agathenburger und das frühere Flüchtlingskind aus Pommern durch das Unterholz stapfen, um nach Resten des Barackenlagers zu suchen.
1939 wurden in Agathenburg 358 Einwohner gezählt, 1946 waren es 741 Einwohner. Bereits vor Kriegsende in Agathenburg am 5. Mai 1945 waren jeden Tag Vertriebene aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches angekommen. Viele zogen weiter Richtung Stade, doch einige blieben. Nach Kriegsende besetzte die britische Armee das Schloss Agathenburg und zwei Wohnungen.
Ein großer Teil der Flüchtlinge wurde zunächst notdürftig im ganzen Dorf verteilt; in jedem Bauernhaus waren bis zu vier Familien untergebracht. Keine leichte Aufgabe für alle Beteiligten, weiß Martens, dessen Onkel Hinrich Korleis von den Engländern als Bürgermeister eingesetzt wurde. Die Bürgermeister und Gemeindedirektoren, Hinrich Korleis, Otto Sausmikat und später auch Heinrich Brunckhorst, „hatten ein schweres Amt“, wie Martens sagt. Ab 1946 wurde nach und nach ein Teil der Flüchtlinge – insgesamt knapp 160 Menschen – in die Wehrmachtsbaracken auf dem Hanfberg eingewiesen.
Kiesabbau in Agathenburg: Eine Luftaufnahme von 1955 zeigt die Kieskuhle am Geestrand, im Hintergrund (links und rechts) sind die Flüchtlingsbaracken zu sehen.
Wie der Heimatforscher berichtet, hatten die Baracken am Hanfberg zunächst im Krieg der Reichsluftverteidigung in Agathenburg gedient. Im September 1939 seien erstmals britische Kampfflugzeuge über Norddeutschland gesichtet worden, danach auch Aufklärungsflugzeuge. Ab August 1939 wurden deshalb erste Bauarbeiten auf dem Hanfberg auf dem Gelände von Johanne von den Bergen durchgeführt; zu ihrem Anwesen am Geesthang gehörten der Hof, die Kiesgrube und Ackerland. Die Zufahrt und die Wege auf dem Gelände wurden mit Schotter befestigt. Zwei Flak- und Scheinwerferstellungen wurden auf dem Hanfberg errichtet (Flak steht für Flugabwehrkanonen). Für die Mannschaften wurden Unterkünfte gebaut: sechs Steinbaracken und 13 Holzbaracken, eine gemauerte Toilette sowie einige Holztoiletten und ein Brunnen. Übungsgeräte für Piloten, zum Beispiel ein Blindfluggerät, wurden in einer Baracke installiert.
Hochzeit am 15. September 1956: Ruth und Walter Fiesel auf dem Rückweg von der Kapelle, vor der Bublies-Baracke und einem neuen Haus.
Nach Kriegsende machte die Wehrmacht am Hanfberg Platz für die Flüchtlinge. Die Steinbaracken und Holzhütten wurden 1946/47 umgebaut und bewohnbar gemacht: Fließendes Wasser und Toiletten gab es nicht, mit Kanonenöfen und Küchenherden wurde geheizt. Die Miete betrug im Jahr 1951 0,25 DM pro Quadratmeter Wohnfläche.
Unter Protest der Bewohner wurden im April 1949 die Geschützstände und Unterstellräume gesprengt. 1950/51 entstanden in der Straße Im Ring erste Siedlungshäuser. 1960 wurde ein Barackenräumprogramm von der Regierung aufgelegt. Im gleichen Jahr wurden die ersten Bauplätze am späteren Lerchenweg vergeben; die Häuser wurden in Eigenleistung erstellt. 1964 beschloss der Gemeinderat den Bebauungsplan Hanfberg und damit den Bau von drei Mehrfamilienhäusern und einigen Einzelhäusern.
1967 drang der Landkreis Stade auf Räumung der im Eigentum der Bundesvermögensstelle stehenden letzten Wohnungen auf dem Hanfberg. Die Gemeinde war nicht in der Lage, das Problem kurzfristig zu lösen; nach und nach verließen aber die letzten Bewohner die ehemalige Flakstellung.
70 Jahre später stellte Hobby-Historiker Martens fest, dass es keine Unterlagen über das Barackenlager gibt. „Ich hatte gar nichts darüber“, sagt er, keinen Lageplan, kaum Fotos. Er forschte nach, durchwühlte Akten, und setzte sich mehrmals mit Hans Jürgen Bublies zusammen, der seit 1971 in Stade lebt und bis zum Ruhestand beim Straßenbauamt Stade gearbeitet hat. Zusammen trugen sie Daten, Namen und Bilder zusammen.
Beim Spaziergang am bewaldeten Geestrand suchen sie steinerne Spuren der Wehrmachtsbaracken. Die Holzhütten sind längst verschwunden, übrig geblieben sind Vertiefungen im Boden. Ziegelsteinmauern zeigen ihnen an, wo einst das Doppelhaus von zwei Familien stand. „Pass auf, da war der Brunnen“, sagt Martens an einer anderen Stelle und deutet auf ein tiefes Loch, „hier könnte er gewesen sein“. Aus dem Brunnen schöpften die 160 Bewohner Wasser. Anfangs wurde es mit einem Eimer per Hand hochgezogen, später mithilfe einer Pumpe, erinnert sich Bublies. Seine Familie wohnte erst in einer Steinbaracke am hinteren Ende der Reihe, später in einer Holzhütte näher am Dorf.
Idylle in Schwarz-Weiß: Großmutter und Mutter Bublies sitzen im Sommer 1954 vor ihrer Baracke, vor ihnen picken zwei Hühner.
Hans Jürgen Bublies, noch in Pommern, in Zühlsdorf nahe Stettin, im Dezember 1944 geboren, wurde im Januar 1945 mit seiner Familie vertrieben. Großmutter Emilie Blanke und Mutter Helene Bublies flüchteten mit dem Baby im Wäschekorb, fanden in Agathenburg zunächst Unterschlupf bei einem Bauern. Mit Vater Richard Bublies, der früh aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, lebte die Familie jahrelang im Barackenlager. Seine vier Geschwister kamen in Agathenburg zur Welt. Mit dem Fahrrad musste der Vater nach Stade fahren, um die Hebamme zu holen, erzählt er.
Einige Flüchtlinge zogen ins Ruhrgebiet, weil es dort Arbeit gab, weiß Martens, zwei wanderten nach Kanada aus. Bublies lernte Schmied, dann Kfz-Mechaniker, war später beim Bund und machte seinen Meister. 1965 bauten seine Eltern ein Haus am Hanfberg; nach der Hochzeit 1968 zog seine Frau oben mit ein. Zwei seiner Schwestern wohnen noch heute in Agathenburg.
Gerd Martens, 1939 in Agathenburg geboren, kannte viele Baracken-Kinder aus der Schule. An eine Familie, eine Mutter mit acht Kindern, erinnert er sich besonders gut: Ihr Steinhaus in der Nähe des Bolzplatzes lag tief in der Erde, hatte ein Pappdach und zwei Räume, die immer „picobello sauber“ waren.
Hans Jürgen Bublies (links stehend) mit seinen Geschwistern Gerhard, Marlies und Christel (vorn) und anderen Kindern aus der Siedlung.
An eine unbeschwerte Jugend erinnern sich die Rentner. „Wir haben es hier sehr gut gehabt“, sagt Bublies. Die Kinder konnten sich immerzu frei bewegen, gingen zu Fuß zur Grundschule, in der die 130 Schüler zunächst in einer Klasse, dann in zwei unterrichtet wurden. Auf einem Teich wurde Schlittschuh gelaufen, im Mühlenteich in Dollern lernten die Kinder Schwimmen. Auf dem Bolzplatz am Ende der Siedlung fanden Fußballspiele von Jugendlichen zwischen Berg und Dorf statt. Meistens gewann die Mannschaft vom Berg, wie Martens schmunzelnd erzählt. Auch Hochzeiten wurden gefeiert.
Vor der Baracke am Hanfberg: Die Bublies-Kinder Joachim, Christel und Gerhard spielen mit einer Ziege.
Während Vater Richard auf dem Bau als Handlanger arbeitete, mussten die Bublies-Kinder beim Bauern mithelfen, Rüben hacken, Kartoffeln sammeln und Stubben roden. Gehungert wurde nicht. Alle Familien hatten einen Gemüsegarten, in dem Kartoffeln, Moorrüben und Bohnen angebaut wurden. Ziegen, Hühner, Gänse und Schweine wurden in jedem Haushalt gehalten.
Was bleibt: ein paar Ziegelsteine, einige alte Bilder von Wehrmachtssoldaten, die Kaffee trinken, von Flüchtlingen mit Pferd und Wagen, von einer Hochzeit, von spielenden Kindern – und ein Lageplan. Im vergangenen Jahr haben die Rentner eine Skizze angefertigt. Überliefert sind damit der Standort der Hütten und Häuser, Brunnen und Wasserstelle, Schuttkuhle, Bolzplatz, gemauerte Toiletten und Holztoiletten – und die Namen aller Bewohner.
Das TAGEBLATT erinnert in seiner Reihe „Vergessene Orte“ in loser Folge an Plätze und Einrichtungen, die einst eine Rolle spielten und heute verschwunden sind.