Weihnachten in Südafrika: Offenheit, Drogen und Leoparden
Der Tafelberg in Kapstadt Foto: Bernd Weißbrod dpa
Die Menschen stöhnen unter der Dürre. Das Wasser ist so knapp geworden, dass Hotelgäste aufgefordert werden müssen, nicht länger als zwei Minuten zu duschen. Christian Poppe berichtet über das Leben in Südafrika.
Bald ist Weihnachten und kaum Regen und schon gar kein Schnee in Sicht – wie denn auch, jenseits des Äquators ist ja jetzt Hochsommer. Vor zehn Tagen haben in Südafrika die großen Ferien begonnen, das Land ist jetzt im sommerlichen Weihnachtsurlaub, auf dem Weg an den Strand, in die Berge oder in den Busch.
Manche Badeorte am Indischen Ozean verzehnfachen in dieser Zeit ihre Einwohnerzahl. Wer aus den großen Städten wie Johannesburg, Pretoria oder Kapstadt nicht direkt per Flugzeug an sein Urlaubsziel kommt, ist mit dem Auto unterwegs. Dennoch läuft der Straßenverkehr erstaunlich flüssig. Lange Schlangen und Ferienstaus sind eher selten, Unfälle auch. Denn die meisten großen Schnellstraßen vor allem im Süden sind in exzellentem Zustand und führen schnurgerade kilometerweit über Land. Und sie sind vielfach mit einem Standstreifen ausgestattet. Selbst auf kurvigen Passstraßen in den Bergen sind die Fahrspuren an vielen Stellen noch breit genug für solche Seitenstreifen. Die sind nämlich das Geheimnis des ungehemmten Verkehrsflusses, weil sie bei Bedarf als unkonventionelle Ausweichspur für langsamere Fahrzeuge dienen.
Es ist auf diesen südafrikanischen Straßen üblich, dass Langsamfahrer und vor allem die Brummis ohne Aufforderung ganz selbstverständlich kurz beiseite fahren, wenn sich ein schnelleres Fahrzeug von hinten nähert. Das ist so, als würde eine um Grünstreifen und Radweg verbreiterte B 73-Spur plötzlich flottes Fahren ermöglichen. Das ganze Manöver funktioniert reibungslos ohne Tempoverlust und oft sogar bei Gegenverkehr – aber eben nur in Südafrika.
Und es zeigt, dass die Südafrikaner eben viel netter miteinander umgehen, als der gemeine Europäer: Der Überholer bedankt sich nämlich in der Regel freundlich mit einem kurzen Warnblinksignal fürs Platz machen, während der ausländische Verkehrsteilnehmer leicht daran zu erkennen ist, dass er mit seinem Mietauto einfach grußlos vorbeirauscht.
Der entspannte und freundliche Umgang miteinander, Offenheit, herzliche Hilfs- und Dienstbereitschaft der Menschen in Südafrika versetzen Besucher von der Nordhalbkugel immer wieder in verzücktes Erstaunen. Nach dem Austausch von nur wenigen Sätzen bei der Frage nach dem Weg stellt sich zum Beispiel das Gegenüber gleich mit dem Vornamen vor, schüttelt die Hand, erzählt nicht selten ungefragt die Anekdote, weshalb er sich gerade in dieser Gegend gut auskennt und bietet schließlich sogar noch an, den verdutzten Frager gleich selbst an das gewünschte Ziel zu führen.
Angenehm hilfreich sind auch die in aller Regel behördlich registrierten Parkplatzeinweiser, zu erkennen an gelben Warnwesten mit offiziellem Aufdruck. Sie sind in größeren Ortschaften sogar an den Parkstreifen der Straßen anzutreffen und übernehmen für einen angemessenen Obolus nicht nur die Parkplatzsuche und -einweisung. Sie vermitteln auch ein Gefühl der Sicherheit, was in einem immer wieder als chronisch unsicher verschrienen Land wie Südafrika für den auswärtigen Besucher besonders wichtig ist, obwohl in einigen Hamburger Stadtteilen kaum weniger Kriminalität zu befürchten sein dürfte als in Johannesburg oder Kapstadt. In den Metropolen, an Flughäfen, Bahnhöfen und Touristenzentren trägt auch klar sichtbare Polizeipräsenz dazu bei, die Furcht vor Langfingern deutlich abzumildern.
In Südafrika gilt ansonsten „easy going“. Ganz gleich welche Hautfarbe, jeder Einheimische empfängt den Fremden in dem Regenbogenland mit offenen Armen und einem freundlichen Lächeln, auch wenn manch einem vielleicht nicht unbedingt danach zumute ist. Es ist immer noch so, dass der weit überwiegende Teil der farbigen Bevölkerung schlecht bezahlt jobbt oder gar als Arbeitsloser an Straßenkreuzungen bettelt und in Blechhütten der Townships lebt. Die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei 28 Prozent, in Wahrheit aber wohl noch viel höher. Ein über mehrere Jahre angelegtes Regierungsprogramm zum Bau neuer Häuser für die Township-Bewohner wird aber nur zögernd in Anspruch genommen. Manche, die so ein vergleichsweise komfortables neues Heim zugewiesen bekommen haben, hausen lieber weiterhin unter dem Blechdach ihrer Bretterhütte und vermieten das feste Haus, um die Miete in Bier und Schnaps umzusetzen. Alkohol, Drogen und Aids sind nach wie vor die Geißeln vor allem der schwarzen Bevölkerung.
Jedes zweite Wochenende, wenn der neue Lohn auf dem Konto ist, bilden sich lange Schlangen vor den Geldautomaten. Viele Frauen sind darunter, die ihren Männern zuvorkommen wollen. Denn manch einer setzt den gesamten Lohn gern gleich in Alkohol oder Drogen um.
Die Regierung bekommt das nicht in den Griff. Viele weiße Südafrikaner befürchten zudem, dass wachsende Korruption und Vetternwirtschaft das Land zugrunde richten. Sie weisen auf neureiche Landsleute mit teuren Autos und protzigen Klunkern hin, die ihre farbigen Mitmenschen mit ungeahnter Arroganz und Kaltschnäuzigkeit behandeln. Allein gegen Präsident Jacob Zuma liegen mehr als 700 Klagen wegen Korruption vor.
Ganz andere Sorgen teilen die Farmer in Südafrika mit den Bauern im Elbe-Weser-Dreieck. Was dem norddeutschen Milchbauern der Wolf, ist dem südafrikanischen Rinderzüchter der Leopard. Die riesigen Weideflächen von nicht selten um die tausend Hektar sind kaum gegen Raubtiere zu schützen. Ein Kilometer wildsicherer Zaun kann bis zu 30 000 Euro kosten. Und der Leopard steht in Südafrika ähnlich stark unter Schutz wie der Wolf in Niedersachsen.
Da bleibt nur, die hungrige Raubkatze einzufangen und in eines der vielen Wildreservate zu bringen, wo sie dann als „Big Five“-Motiv Fotosafari-Touristen im weihnachtlichen Sommerurlaub erfreuen kann.
Christian Poppe ist Medienberater und ehemaliger EADS-Kommunikationschef. Er war lange Zeit dpa-Korrespondent in Frankreich. Poppe ist Mitbegründer von „Luftfahrt ohne Grenzen“ und engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich für diese Hilfsorganisation. Poppe ist außerdem Gründungsmitglied im TAGEBLATT-Kompetenzbeirat, er lebt im Landkreis Cuxhaven.
An dieser Stelle schreiben jeden Sonnabend Autoren aus der Region zu einem von ihnen selbst gewählten Thema. Im Autoren-Pool sind Christian Poppe, Dieter Hünerkoch, Heiko Tornow, Udo Muras, Oliver Kühn, Dr. Karl-Heinz Betz, Christiane Oppermann, Andrea Reidl und Teja Adams.