Weinbau im Norden - Nische mit Potenzial
Solaris ist nach wie vor die wichtigste Weißweinsorte im Norden - aber auch andere Rebsorten werden angebaut. Foto: Frank Molter/dpa
Der Weinbau in Schleswig-Holstein wächst langsam und bleibt eine Nische. Warum der aktuelle Jahrgang dennoch vielversprechend ist.
Dollerup/Kiel. Die Weinlese in Schleswig-Holstein beginnt. Auch auf dem Hof von Carolin und Hanke Jensen in Dollerup an der Flensburger Förde startet die Ernte in den kommenden Tagen. Der Sommer sei sehr trocken und heiß gewesen, sagte Hanke Jensen der Nachrichtenagentur dpa. Zum Glück habe es aber auch gelegentlich geregnet, daher könne es ein sehr positives Jahr werden.
Auch im schleswig-holsteinischen Landwirtschaftsministerium ist man optimistisch. Eine verlässliche Bewertung des Jahrgangs sei erst nach Abschluss der Lese möglich, sagt Sprecherin Jana Ohlhoff. Die warme und sonnige Witterung in diesem Sommer lasse jedoch sowohl bei der Erntemenge als auch beim Reifegrad eine gute Entwicklung erwarten.
Weinbau im Norden vergleichsweise junges Phänomen
Weinanbau in Norddeutschland wird noch nicht lange betrieben. Das liege unter anderem daran, dass vor 2016 für viele Jahrzehnte europaweit ein Verbot für die Neuanpflanzung von Weinbergen galt, sagte der Sprecher des Deutschen Weininstituts (DWI), Ernst Büscher. Mit der Änderung eines EU-Gesetzes und der Anpassung des deutschen Rechts darf inzwischen theoretisch in jedem Bundesland kommerziell Wein angebaut werden.
In nicht traditionell weinbautreibenden Bundesländern dürfen jährlich rund fünf Hektar Rebflächen neu angelegt werden. Dieses Kontingent wird laut Landwirtschaftsministerium derzeit in Schleswig-Holstein nicht ausgeschöpft. In den Jahren 2024 und 2026 wurden demnach keine entsprechenden Anträge gestellt. Für 2025 wurden Neuanpflanzungen auf insgesamt 3,8 Hektar beantragt und genehmigt.
In Schleswig-Holstein gibt es den Weinanbau schon etwas länger
Dass in Schleswig-Holstein schon seit 2009 Wein angebaut wird, liege daran, dass das nördlichste Bundesland damals zehn Hektar Rebenpflanzrechte von Rheinland-Pfalz übertragen bekommen hat. Laut Büscher gibt es hier deshalb schon länger Weinbau als beispielsweise in Niedersachsen, wo der Weinbau erst ab 2017 möglich wurde.
Aktuell wurden nach Ministeriumsangaben Pflanzgenehmigungen in Schleswig-Holstein für insgesamt 52 Hektar erteilt. Tatsächlich mit Reben bestockt sind derzeit demnach rund 32 Hektar.

Jensens haben ein weiteres Standbein für den familiengeführten Betrieb gesucht. Foto: Frank Molter/dpa
Mittlerweile gibt es in Schleswig-Holstein an vielen Orten Wein: beispielsweise auf den Inseln Sylt, Föhr und Amrum, am Westensee und in Grebin. Die Landwirte Carolin und Hanke Jensen in Dollerup haben 2023 ihre ersten Rebstöcke gepflanzt. Mit dem Wechsel in die vierte Generation hat der Weinbau in dem familiengeführten Betrieb eine neue Rolle eingenommen. Nicht weil sie Weinliebhaber waren, sondern weil sie eine Geschäftsidee sahen, wie Hanke Jensen sagte. „Wir haben ein neues Standbein gesucht.“ Eine Nische, die nicht jeder Landwirt beackere, und etwas, das sie direkt vermarkten könnten.
Solaris bleibt wichtigste Rebsorte im Norden

Solaris ist nach wie vor die wichtigste Weißweinsorte im Norden - aber auch andere Rebsorten werden angebaut. Foto: Frank Molter/dpa
„In Norddeutschland werden überwiegend die relativ neuen robusten Rebsorten angebaut, die weniger Pflanzenschutz benötigen und dadurch mit weniger Aufwand und nachhaltig bewirtschaftet werden können“, sagte Büscher. Dazu zähle beispielsweise die Weißweinsorte Solaris. Sie reift demnach zudem sehr früh und erreicht auch in kühleren Regionen die Vollreife. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums ist sie weiterhin die wichtigste Rebsorte im Land. Solaris stehe für mehr als die Hälfte des in Schleswig-Holstein erzeugten Weißweins.
Daneben werden nach Ministeriumsangaben unter anderem die weißen Rebsorten Sauvitage, Souvignier Gris, Johanniter, Muscaris und Hibernal angebaut. Bei den roten Rebsorten seien es vor allem Regent, Cabernet Cortis, Pinotin, Rondo, Cabaret Noir und Cabernet Cantor.
Weinbau durch Klimawandel auch im Norden möglich

Der Klimawandel macht den Weinanbau auch in nördlicheren Gefilden möglich. Foto: Frank Molter/dpa
Die klimatischen Veränderungen und die Entwicklung früh reifender sowie pilzwiderstandsfähiger Rebsorten haben den Weinbau in höheren Breitengraden erleichtert, wie Büscher sagte. „Bis in die 1990er Jahre galt der 51. Breitengrad in Saale-Unstrut noch als nördliche Grenze für den Weinanbau.“ Inzwischen könne aber nicht nur in Norddeutschland, sondern auch in Dänemark, England und den Niederlanden in größerem Umfang gewerbsmäßig Wein angebaut werden.
Trotz dieser Entwicklung dürfte der Weinbau in Schleswig-Holstein laut Experten auf absehbare Zeit ein kleines Marktsegment bleiben. Im Vergleich zu den traditionellen deutschen Weinbauregionen ist die Fläche sehr klein. So umfasste Deutschlands größtes Weinbaugebiet Rheinhessen nach DWI-Angaben 2025 rund 27.657 Hektar. Es folgen die Pfalz mit 23.640 Hektar, Baden mit 15.142 Hektar und Württemberg mit 10.694 Hektar. Deutschlandweit waren 2025 insgesamt 101.965 Hektar Rebfläche ausgewiesen.
Doch die Nische hat auch etwas Gutes: „Gerade seine regionale Herkunft und sein Raritätenstatus machen den schleswig-holsteinischen Wein zugleich besonders attraktiv“, sagt Ohlhoff.