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Adventsserie

TWenn in Drochtersen die Stunde schlägt

Wenn in Drochtersen die Stunde schlägt

Bis Heiligabend öffnet das TAGEBLATT für seine Leser 24 Türen, die eigentlich verschlossen sind - und erzählt die spannenden Geschichten dahinter. Im zweiten Teil der Serie geht es hoch hinaus.

Donnerstag, 02.12.2021, 08:30 Uhr

Wenn die Uhr am Drochterser Kirchturm mal wieder nicht ganz richtig tickt, klingelt bei Riko Baumgarten das Telefon. „Dann sagen die Nachbarn Bescheid“, so der Küster, der in solchen Fällen die Holztreppe emporsteigt und kurbelt. „Mal geht die Uhr vier Minuten vor, mal ein paar Minuten nach. Dass sie steht, kommt eher selten vor. Momentan geht sie aber ganz genau“, betont der 57-Jährige, dem als Küster seit 2013 die Aufgabe obliegt, die historische Uhr aus dem Jahr 1910 zu stellen.

Diese Uhr wird angekurbelt

Einmal wöchentlich erklimmt Baumgarten die Treppe zum Boden über dem Kirchenschiff, wo sich die blank polierten Zahnräder des mechanischen Uhrwerks drehen, das die Firma J. F. Weule 1910 in Bockenem gebaut hat. „Vor Jahren wollten die das Uhrwerk für ihr Uhrenmuseum zurückkaufen und uns dafür ein digitales Uhrwerk einbauen – aber das wollten wir in Drochtersen nicht“, so Baumgarten, der früher auch im Kirchenvorstand aktiv war. Einmal wöchentlich zieht er das Uhrwerk auf und kurbelt. Meist sind es genau 46 Umdrehungen. Wenn Baumgarten nach oben schaut, sieht er, wie sich die Gewichte heben und senken. Pastor Sascha Hintzpeter zeigt seinen Konfirmanden auch gern die Kirche und das Uhrwerk auf dem Boden. „Die Smartphone-Generation ist auch immer begeistert – das hier ist eine ganz andere Welt.“

Durch die Luke winden

Das Uhrwerk ist über Gestänge und Züge nicht nur mit der Uhr, sondern auch mit der Schlagglocke gekoppelt, die oben unter dem Turmdach im Halbstundentakt die Uhrzeit in Drochtersen verkündet. Die kleine Glocke „ist das älteste Stück der ganzen Kirche“, erzählt Baumgarten stolz. Sie stammt aus dem Jahr 1436 und ist damit älter als die Kirche selbst, die in den Jahren 1778 bis 1780 errichtet wurde. Sie hängt im offenen Teil des Kirchturms in etwa 27 Metern Höhe über dem Meeresspiegel, die Kirche selbst liegt in etwa 4,60 Meter Höhe. Die kleine Glocke ist auch älter als die beiden großen Glocken, die zu Gottesdiensten und bei Veranstaltungen läuten.

Hier oben kommt kaum jemals jemand hin. Auch Baumgarten nicht – wegen seiner Höhenangst. Einmal im Jahr kommt der Mann für die Glockenwartung und zweimal im Jahr kraxelt Heinrich Ahrens vom Kirchenvorstand auf die schmale Holzleiter und windet sich durch die Luke auf die Plattform: Um den Weihnachtsstern, der hier im Advent leuchtet, unter der Turmhaube auf- und dann wieder abzuhängen.

Adventsserie

Das TAGEBLATT blickt in der Adventszeit hinter verschlossene Türen. Bis einschließlich Heiligabend stellt die Redaktion im Dezember 24 Orte und ihre Geschichte vor.

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