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Peter Schlüters fünfter Fall

TWilfried Eggers' neues Buch führt in den Iran

Buchautor Wilfried Eggers hat acht Jahre an seinem neuen Buch „Das armenische Tor“ geschrieben. Foto: Helfferich

Buchautor Wilfried Eggers hat acht Jahre an seinem neuen Buch „Das armenische Tor“ geschrieben. Foto: Helfferich

Gut acht Jahre schrieb Wilfried Eggers an Peter Schlüters fünftem Fall. Dass „Das armenische Tor“ bei seiner Erscheinung hochaktuell sein wird, konnte der Drochterser Rechtsanwalt, Notar und Autor nicht ahnen.

Dienstag, 20.10.2020, 14:24 Uhr

In Wilfried Eggers’ neuem Buch geht es um die Verfolgung des armenischen Volkes und um den Völkermord  an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915, der von der Türkei konsequent geleugnet wird und bis heutelange Schatten über die Beziehungen der Völker im Kaukasus wirft.  „Ich war mir nicht sicher, ob ich es hinkriegen werde“, sagt der Autor, wie sein Protagonist Peter Schlüter Anwalt und überzeugter Moorbewohner. Zwischenzeitlich hatte er das Projekt sogar zwei Jahre ruhen lassen.

Wie kommt Peter Schlüter aus dem norddeutschen Hemmstedt und damit Wilfried Eggers aus Drochtersen an so einen Fall? Auslöser waren Zeitungsberichte 2010 über den Selbstmord eines Armeniers in Abschiebehaft. „Das hatte mich so aufgeregt“, erinnert sich der 69-jährige Jurist, „das wollte ich zum Hauptthema machen.“ Es stellte sich heraus, dass dieser nach Armenien abgeschoben werden sollte, obwohl er kein armenischer Staatsbürger war, sondern in Nachitschewan, einer Exklave Aserbaidschans, gelebt hatte.

Von dort war er mit seiner Familie geflohen, nachdem sein ältester Sohn beim aserbeidschanischen Militär unter ungeklärten Umständen umgekommen war. Der Armenier sollte in ein für ihn fremdes Land abgeschoben werden – mit gefälschten Papieren.

Er begann 2012 mit der Arbeit am Buch

Im Januar 2012  begann Eggers mit der Arbeit an dem Buch. Er las Franz Werfels Roman „Die 40 Tage des Musa Dagh“ über den Völkermord an den Armeniern, „um mich auf das Thema einzustimmen“, bekam weitere Bücher geschenkt, die sich mit dem Schicksal der Armenier beschäftigen und stieß auf die Memoiren des amerikanischen Botschafters in Konstantinopel (heute Istanbul) Henry Morgenthau, der berichtete, dass zahlreiche Armenier vor dem Genozid Lebensversicherungen abgeschlossen hatten, um ihre Nachfahren abzusichern. Die Ansprüche wurden in den USA bis 2007 eingeklagt.  „Da hatte ich ein juristisches Thema“, erzählt Eggers. Und er hatte ein Mordopfer für sein Buch, das in den Iran führte. 

Wilfried Eggers im Gespräch mit Bischof Nishan Topusian . Foto: privat

Wilfried Eggers im Gespräch mit Bischof Nishan Topusian . Foto: privat

Geschätzt 150 000 Armenier leben im Iran, haben als traditionelle christliche Minderheit laut Verfassung der islamischen Republik ein Recht auf Ausübung ihrer Religion. Zwei Mal reiste Eggers dorthin, nach Täbris. Das erste Mal 2014 mit einer Reisegruppe auf Einladung der dortigen armenischen christlichen Gemeinde. Dabei lernte er den Bischof Nishan Topusian kennen, auf dessen Erzählungen viele Details des Romans basieren; etwa die Zerstörung armenischer Grabsteine durch aserbaidschanische Militärs. Auch berichtete er von einem armenischen Grenzsoldaten in der iranischen Armee, der erlebt hatte, wie aserbaidschanische Soldaten die iranischen Kollegen anfeuerten, armenische Soldaten zu töten. So wie es  tatsächlich der Aserbaidschaner Ramil Safarow getan hat, der im Februar 2004 einen armenischen Soldaten mit einer Axt getötet hatte.

Solche historisch gesicherten Ereignisse flicht Eggers immer wieder in seinen Roman ein. Es gehe darum, die Zusammenhänge zu begreifen, sagt Eggers, „die Lüge und der sich daraus ergebende Hass. Das ist die Staatsräson der Türkei und das Fundament deren Politik, und der aserbaidschanische Hass ist der der Türken.“

Ein zweites Mal flog Eggers mit seiner Frau Renate 2017 in den Iran. „Ich kam mit der Story nicht weiter und schrieb gegen eine Wand“, erinnert sich der Autor.  Dann hatte er die Gelegenheit, im Stephanos-Kloster von Täbris bei einem armenischen Symposium über Literatur einen Vortrag halten zu können. Das Drochterser Ehepaar reiste schon eine Woche vorher an. „Wir haben uns dort alles angeschaut und ich habe alles aufgeschrieben“, erzählt 69-Jährige. Zwei dicht beschriebene Notizbücher brachte er von der Reise mit. „Während andere hauptsächlich fotografiert haben, habe ich aufgeschrieben.“ Die Wege in der Stadt, Gespräche, Personen – deren Beschreibung geben dem Buch Authentizität  und dem komplexen Thema Gesichter und Leben. „Es ist viel Inhalt drin“, sagt der Autor über sein 368 Seiten umfassendes Buch, „das kann auch manchen überfordern.“ 

Unerwartete Aktualität

Mit den neuen Zusammenstößen zwischen Armenien und  Aserbaidschan um die Region Bergkarabach im Kaukasus hat Eggers’ Buch eine unerwartete Aktualität.  Die Ursachen des Konflikts liegen zum Teil Hunderte von Jahren zurück und sind äußerst komplex. Aus westlicher Sicht sind sie kaum nachzuvollziehen. Dennoch hat sich Wilfried Eggers herangewagt und es ist ihm gelungen, durch die bedrückenden Inhalte mit erzählerischer Leichtigkeit zu führen. Seine bildhafte Sprache versetzt den Leser in die Welt und Kultur des Nahen Ostens. Auf der anderen Seite wird Schlüters Heimatort Hemmstedt mit einem gehörigen Schuss Lokalkolorit versehen, der dem Stader Leser manches Déjà-vu beschert. Ein Buch, das man nicht weglegen mag und das lange nachwirkt.

Am Freitag, 6. November, liest Wilfried Eggers in der Seminarturnhalle in Stade aus seinem neuen Buch „Das armenische Tor“. Die Lesung beginnt um 20 Uhr. Karten zu 10 Euro gibt es nur im Vorverkauf bei der Tourist Info Stade (auch online).

Zum Inhalt

Wilfried Eggers' neues Buch führt in den Iran

Nach einer Veranstaltung türkischer Völkermordleugner wird die Armenierin Anahid Bedrosian, die sich während der Veranstaltung zu Wort gemeldet hatte, vergewaltigt. Fast zur gleichen Zeit ruft ein Unbekannter in Peter Schlüters Kanzlei an und bittet um ein Gespräch. Doch am nächsten Tag wird er tot aufgefunden. In den Taschen des Toten steckt eine Liste mit armenischen Namen sowie die Quittung eines Cafés im Iran. Bei seinen Recherchen taucht Schlüter immer weiter in die Geschichte des armenischen Volkes ein, die ihn schließlich auch in den Iran führt.

Das Buch

Wilfried Eggers: Das armenische Tor. Roman. Grafit Verlag. Erschienen am 15. Oktober 2020. 368 Seiten. Paperback. 14 Euro. ISBN 978-3-89425-760-6.

 

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