Wilfried Schmickler: Nachdenklicher Wutbürger
Bitterböse bis komisch: Wilfried Schmickler zog alle Register. Foto Felsch
Nein, es ist nicht „Das Letzte“, was Wilfried Schmickler, am Freitagabend auf der Halepaghenbühne zum Besten gibt.
Es ist die Wahrheit, rein und ungeschminkt. Nicht immer schön, wie das mit Wahrheiten so ist und die einer, wie der „Rausschmeißer“ aus den Mitternachtsspitzen, der Pantheon- und Kleinkunstpreisträger, derart auf den Punkt bringt, dass einem das Lachen oft im Halse stecken bleibt.
So erging es auch dem Buxtehuder Publikum. Trotz seiner gelegentlich dazwischengeworfenen Witze, verlor Schmickler nie sein Ziel aus den Augen: Die Ungerechtigkeiten, von denen es einfach zu viele gibt, beim Namen zu nennen. Dabei drischt der „Scharfrichter unter den Kabarettisten“ beileibe nicht nur auf die Großen der Wirtschaft und Politik ein. Schmickler lässt keinen aus, auch nicht den sogenannten „Kleinen Mann“, der die Kleingeistigkeit wie kein Zweiter verkörpert, wenn er auf die Flüchtlinge schimpft, „die ihm alles wegnehmen.“ Weil es ja nicht in sein Kleinhirn passe, dass der „Neger“ mehr Erfolg habe, weil er fleißiger und besser sei. Wenn Schmickler über die derzeitigen Probleme in Deutschland spricht, fast verständnisvoll, erinnert er nur vage an den gnadenlosen Rausschmeißer, den er in der WDR-Kultsendung „Mitternachtsspitzen“ gibt. Doch der Schein trügt, der Träger hoch dotierter Kabarettpreise bleibt seinem Credo, das Unrecht dieser Welt anzuprangern, stets treu. Egal, ob er das freundlich daher sagt, in Form eines netten Gedichts, eines flachen Witzes, eines poetischen Liedes oder als hintersinnigen Bandwurmsatz, es bleibt, was es ist: Ein Aufruf zum Aufschrei gegen die herrschenden Missstände. Verursacht durch die Banken und Unternehmen, die mit Hilfe der politischen Verantwortlichen, die Armen noch ärmer machen, als sie schon sind; das Internet, das die Menschen nicht nur aushorcht, sondern auslaugt; die Mächtigen und Reichen, die immer noch nicht verstanden haben, dass die Sklaverei längst abgeschafft ist und die Unterschicht gerne da hätten, wo sie ihrer Meinung nach hingehört: Nach unten. Gründe für seine schlechte Laune sind „sexistische Schmierlappen“ wie Donald Trump und „schwanzgesteuerte Logiker“ wie Mario Barth, ebenso AfD und Pegida.
Es sei keine Weltoffenheit, wenn Eltern ihre Kinder mit dem SUV zum Chinesischkurs fahren. Es sei aber einfacher, ein guter Mensch zu sein, wenn es einem selbst gut gehe, gibt der 62-Jährige zu, dem der angebliche bevorstehende Untergang des Abendlandes keine Angst macht. Da schon eher die Erhebung des Kölner Karnevals zum Kulturerbe, meint der Rheinländer kopfschüttelnd. Okay, die Hölle, die empfinde jeder anders. Aber: „Wenn ich Gott wäre, würde ich erschreckend feststellen, dass Satan sein Reich auf Erden erheblich erweitert hat.“ Eine Erkenntnis, die nicht nur ihm nahegeht.
Mit einem letzten, hilfreichen Hinweis verabschiedet sich der „Wutbürger“ bei einem sichtlich ergriffenen Publikum: „Wenn Sie sich jetzt fragen, was Sie eigentlich von diesem Abend mit nach Haus nehmen, empfehle ich Ihnen mein Buch, meine DVD oder CD“.