TWo der Wind das große Rad dreht
Bis Heiligabend öffnet das TAGEBLATT 24 Türen, die sonst verschlossen sind – und erzählt die spannenden Geschichten dahinter. Heute geht es zwei Stiegen und zwei Leitern hinauf - bis man sich beinahe den Kopf stößt.
Zur Bodenluke geht es eine Treppe hinauf. Zwei Stiegen und zwei Leitern weiter oben heißt es Kopf einziehen: baumdicke Balken, ein mannshohes Zahnrad und Metallstangen unter dem Kuppeldach. Ein Kraftwerk in 24 Metern Höhe. Die Mühlenhaube vibriert im Wind.
Haube oder Kappe wird der höchste Teil der historischen Windmühle genannt. Alle paar Wochen steigt Hans Wehber hinauf. „Die Lager müssen gefettet werden“, sagt er. Sein Urgroßvater hat die Mühle gebaut. Er selbst hat sie in den 80er und 90er Jahren aufwendig restauriert. Unter dem gewölbten Dach versteckt sich ein Wunderwerk der Mechanik. Noch immer ist der Mühlenkopf drehbar. „Das muss er auch, damit die Flügel in den Wind kommen. Sie sind so konstruiert, dass sie dann am stabilsten sind“, sagt Hans Wehber. Der Aufbau ruht auf einem Zahnkranz, der einmal rund um den Turm reicht. Über weitere Zahnräder ist der Kranz mit der Windrose verbunden, ein Rad mit kleinen Flügeln. Das vermeintliche Anhängsel, das aus der Kappe ragt, sorgt dafür, dass sich der gesamte Aufbau und damit die Flügel in den Wind drehen. Die vier rot-weiß gestrichenen Stahlflügel sind mit der Flügelwelle verbunden, die durch das mannshohe, aufrecht konstruierte Zahnrad (Kammrad) verläuft. Ein Balken blockiert dieses Holzrad und damit die Flügel. Das ist zwar uralt, aber nicht mehr original. „Das ursprüngliche Rad war noch größer“, sagt Wehber. Dieses in den 80er Jahren eingebaute Rad mit der Flügelwelle stammt noch aus der Windmühle Neuland, die es längst nicht mehr gibt.
Als Wehbers Mühle noch in Betrieb war, wurde über die Mechanik der Flügelwelle eine Leiterlänge weiter unten die Königswelle angetrieben. Das ausgeklügelte System aus Gestängen, Wellen und Rädern setzte einige Etagen tiefer die eigentlichen Mahlsteine in Gang. „13 Tonnen täglich konnten wir mahlen, wenn die Mühle 24 Stunden lief“, sagt Wehber.
Mühle lief bis 1972
Sämtliche Bäcker der Umgegend und eine Brotfabrik aus Hamburg wurden von der Mühle in Himmelpforten beliefert. Das gemahlene Getreide wurde gesiebt. Gefragt war das feine weiße Mehl. Typ 405 – 405 Schalenteile auf 1000 Teile – kennzeichnet, wie fein Roggen oder Weizen zerrieben sind. Bis 1972 lief die Mühle. Flügel hatte sie zu jener Zeit allerdings nicht. 50 Jahre lang fehlten sie, ein Orkan hatte sie 1936 vom Dach gestürzt. Erst 1986 ließ Wehber von einer Spezialfirma neue anbauen und die Mechanik instand setzen. Zu jener Zeit schien das finanzierbar, weil der Denkmalschutz noch großzügig gefördert wurde.
Jetzt müsste eigentlich die Galerie erneuert werden, die ein paar Meter tiefer den Kuppelbau umrandet. Obwohl der Ausblick von hier oben beeindruckend ist, war sie nicht für die schöne Aussicht gedacht. „Die Galerie ist eine Arbeitsplattform“, erzählt Hans Wehber. Von hier aus konnte über ein Gestänge auch die Stellung der Windbretter an den Flügeln gesteuert werden. Auch die Flügel-Bremse konnte der Müller von hier aus betätigen. Wehber zeigt auf einen eisernen Ring rund um das Zahnrad. Über eine Stange ist der Ring mit dem Bremsbalken verbunden. Wird der gelöst, zieht sich das Eisen um das Rad der Flügelwelle zusammen. Ein frühes Wunderwerk der Technik, verborgen hoch oben unter dem Dach der Mühlenhaube.
Adventsserie
Das TAGEBLATT blickt in der Adventszeit hinter verschlossene Türen. Bis einschließlich Heiligabend stellt die Redaktion im Dezember 24 Orte und ihre Geschichte vor.