Wohnen, Leben und Arbeiten im Nordkreis
Die drei Bürgermeister im Interview zu Perspektiven durch die geplante Küstenautobahn A 20. Foto von Allwörden
Der Norden im Landkreis Stade ist besser aufgestellt als sein Ruf. Über die Lage im Nordkreis sprach TAGEBLATT-Autor Peter von Allwörden mit den drei (SG-)Bürgermeistern aus Drochtersen, Oldendorf-Himmelpforten und Nordkehdingen.
Es gibt Menschen im Landkreis, die schauen mit einem gewissen Mitleid auf den Nordkreis, sprechen von strukturschwacher Region. Fühlen Sie sich als abgehängte Region im Landkreis Stade?
Goedecke: Also, direkt abgehängt fühlen wir uns nicht. Wir haben das Nahverkehrskonzept und es gibt zurzeit Verbesserungen bei der Buslinie. Auch von der S-Bahn bis Stade profitieren wir. Das alles hat uns ein Stück näher nach Hamburg gebracht, also an unsere Metropole. Und wenn dann noch A 26 und A 20 fertiggestellt sind, verbessert sich unsere Lage noch deutlich mehr. Auch eine Ausweitung des HVV-Tarifs bis Hemmoor kommt Nordkehdingen zugute.
Falcke: Jeder Mensch hat andere Vorstellungen von seinem Leben. Nicht für jeden ist es erstrebenswert, im fünften Stock in einer Stadt zu wohnen. Mancher bevorzugt die eigene Scholle – mit viel Grün um sich herum und mehr Ruhe. Wir sind natürlich wirtschaftlich strukturschwächer. Dafür fehlen uns derzeit auch noch die Verkehrsanbindungen. Für uns sind die beiden Bahnhöfe in Hammah und Himmelpforten wichtig, weil die Wege zur Arbeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln immer relevanter werden. Die S-Bahn bis Stade ist gut, aber bis Himmelpforten wäre sie besser.
Eckhoff: Ich nehme das mit dem Abgehängt-Sein nicht wahr, weil wir unsere Stärken sehen und vor Augen führen. Der ÖPNV hat sich weiterentwickelt. Das gilt auch für die Versorgung mit der Breitbandtechnik. Hier tut sich ganz viel im Moment. Wir bilden im Nordkreis eine Leader-Region, um gemeinsam, insbesondere im Tourismus, Entwicklungen voranzutreiben. Wir bieten in Drochtersen einen gymnasialen Zweig mit der Möglichkeit, die Abiturprüfung vor Ort abzulegen. Wir haben viele Stärken und müssen uns entsprechend nach außen präsentieren.
Wirtschaftlich spielt in der Tat die Musik in Stade und in Buxtehude, wenn man auf das produzierende Gewerbe schaut. Aber auch in Ihrer Region haben bestimmte Wirtschaftszweige eine große Bedeutung. Nennen Sie uns einige Branchen oder Betriebe.
Eckhoff: Da denke ich natürlich sofort an die Werft Hatecke, die Rettungsboote weltweit führend herstellen, und an Firma Jahncke in Assel. Aber auch die Landwirtschaft spielt eine große Rolle. Und im Tourismus hat sich viel auf der Elbinsel Krautsand getan. Es werden Hotelzimmer und Ferienwohnungen angeboten.
Falcke: Im Bereich der Samtgemeinde Oldendorf-Himmelpforten sind besonders die leistungsstarken Handwerksunternehmen zu nennen. Ich denke da an die Firmen Mittelstädt oder Hölting, um nur wenige zu nennen. Insgesamt ist das Spektrum der Betriebe mit Firmen wie beispielsweise Schifffahrtskontor tom Wörden, Stadur, Stader Saatzucht, EGV Lebensmittel, Heidemann Recycling breit aufgestellt. Das hat sich positiv auf die Arbeitsplätze im Samtgemeindegebiet und auch auf die steuerliche Entwicklung ausgewirkt.
Goedecke: Jede Region hat ihre eigenen Schwerpunkte. Bei uns in Nordkehdingen liegen sie bei der Landwirtschaft und Energieproduktion. Herausragend ist zum Beispiel das Unternehmen Böhm Nordkartoffel, die weltweit in der Kartoffelzucht unterwegs sind. Auch die ganze Erzeugung von regenerativer Energie mit Windparks, Solar- und Biogasanlagen spielt bei uns eine gewichtige Rolle. Das Deutsche Institut für Luft- und Raumfahrttechnik wird in Nordkehdingen eine Windanlage zu Forschungszwecken bauen. Natürlich spielt Firma Meyer in Wischhafen auch eine gewichtige Rolle. Mit dem CFK-Recycling ist Meyer sehr innovativ. Das sind Alleinstellungsmerkmale. Das Handwerk ist in Nordkehdingen stark. Und natürlich spielt der Tourismus eine große Rolle.
Wenn Elbtunnel und A 20 kommen, was bedeutet das für die wirtschaftliche Entwicklung?
Goedecke: Ich glaube, dass sich das nicht so massiv auswirken wird auf Neuansiedlungen von Unternehmen, aber es sichert den Standort vorhandener Betriebe, die dann deutlich kürzere Wege haben werden. Auch im Tagestourismus werden wir ganz klar profitieren. Und wir werden einen gewissen Siedlungszuwachs erfahren.
Falcke: Unsere Gemeinde wird über zwei Autobahnzufahrten im Bereich der B 73 und der B 74 eine völlig neue Dimension der Erreichbarkeit erfahren. Ich gehe schon davon aus, dass eine gewerbliche Entwicklung stattfinden wird. Das kann natürlich auch eine Entwicklung im logistischen Bereich bedeuten. Zudem wird die Verkehrsbelastung auf der B 73 nach den vorliegenden Gutachten deutlich geringer. Durch die bessere Erreichbarkeit und besonders durch den Elbtunnel werden sich für unsere Betriebe neue Märkte erschließen. Und auch bei der Bevölkerungsentwicklung werden wir innerhalb der Metropolregion Hamburg von der Autobahn profitieren.
Eckhoff: Es ist ja fast alles gesagt. Dennoch einige Ergänzungen: Die Gemeinde Drochtersen liegt ja in dem Bereich, wo sich A 20 und A 26 kreuzen und wo der Tunnel endet beziehungsweise beginnt. Deshalb ist in der Regionalen Raumordnung des Landkreises auch ein Premium-Gewerbegebiet am Kehdinger Kreuz vorgesehen. Wie sich das entwickelt, welche Branchen sich ansiedeln, das ist natürlich nicht vorhersehbar.
Aber Autobahnen haben nicht nur Vorteile. Sie verändern Landschaft und Strukturen nachhaltig. Sehen Sie hier Gefahren durch die Autobahn?
Goedecke: Ja, negative Auswirkungen gibt es auch – vor allem für die Landwirtschaft. Es werden Flächen für die Kompensation benötigt. Da müssen wir rechtzeitig schauen, dass die Belastungen gerecht verteilt werden.
Falcke: Negative Auswirkungen? Darüber wird seit 30 Jahren gestritten. Und deswegen haben wir bisher keine Autobahn. Insgesamt bringt die Autobahn mehr Chancen als Risiken mit sich. Bei den Kompensationsmaßnahmen müssen wir die Region schützen und die Last breit verteilen.
Eckhoff: Natürlich spielt auch in Drochtersen der Flächenverbrauch eine große Rolle. Hier sind Drochterser Landwirte besonders betroffen, hier liegen viele Kompensationsflächen.
Die Naturgegebenheiten wie einmalige Vogelschutzgebiete sind sicher ein Pfund, mit dem die Region auch touristisch wuchern kann. Was des einen Freud ist manchmal des anderen Leid: Die Landwirtschaft leidet unter den Auflagen des Naturschutzes. Wie stehen Sie dazu?
Goedecke: Unsere Region bietet nun einmal Naturraum. Und das hat zum Teil schwerwiegende Auswirkungen auf unsere Landwirtschaft. Wenn ich mir einen Ackerschlag ansehe, wo tags zuvor die Gänse sich niedergelassen haben, dann wird überdeutlich, welche enormen Schäden innerhalb von wenigen Stunden entstehen können. Diese Fraß-Schäden sind ein ganz großes Problem. Da muss unbedingt eine Entschädigungsregelung gefunden werden. Momentan wird ja die Umsetzung von Natura 2000, also von Natur- und Vogelschutz, diskutiert. Wir müssen sehen, wie wir hier zu einer Lösung kommen können.
Eckhoff: Die Landschaftsschutzverordnung Kehdinger Marsch, wie es offiziell heißt, stößt auf Widerstand. Der Landkreis trägt die Bedenken zusammen. Wichtig ist das Gespräch mit der Landwirtschaft, um deren Belange mit zu berücksichtigen. Es muss eine Entwicklung in der Zukunft möglich sein.
Das Thema Zukunft der Kommunen und Räte wird viel diskutiert. Oldendorf und Himmelpforten haben es vorgemacht und fusioniert. In Kehdingen klappt das nicht so recht. Woran liegt das?
Falcke: Unsere Fusion befindet sich jetzt, also 2017, im vierten Jahr. Wir haben viele Schritte des Zusammenwachsens hinter uns gebracht, sind aber noch nicht am Ende dieses Prozesses. Das braucht seine Zeit. Erinnern wir uns doch an die große Gebietsreform in Niedersachsen von 1972. Das hat teilweise zehn bis 15 Jahre gedauert, bis die Kommunen zueinander gefunden und sich in einer Samtgemeinde oder Gemeinde als Einheit empfunden haben. Die spürbarste Auswirkung unserer Fusion sind die finanziellen Verbesserungen bei den Zuweisungen durch die deutlich höhere Einwohnerzahl. Ich nenne das auch gerne Einwohnerveredelung. Allein unsere Mitgliedsgemeinden haben vor dem Hintergrund in diesen vier Jahren 1,6 Millionen Euro mehr bekommen von der Samtgemeinde. Und die Samtgemeinde hat noch eine weitere Million mehr in der Kasse gehabt durch die höheren Zuweisungen vom Land. Dadurch hatten die Samtgemeinde und die Mitgliedsgemeinden mehr Spielraum, um Dinge für die Bürgerinnen und Bürger umzusetzen, die sonst nicht realisierbar gewesen wären.
Goedecke: Nach dem Prozess, den wir hinter uns haben, ist bei uns eher Enttäuschung und Frust vorhanden. (Es gab einen Versuch, aus der Samtgemeinde Nordkehdingen eine Einheitsgemeinde zu machen. Er scheiterte. Anmerkung der Redaktion) Bei uns macht die unterschiedliche Struktur Schwierigkeiten, um zu einer Fusion der Kehdinger Gemeinden zu kommen. Zum einen haben wir Drochtersen als Einheitsgemeinde und uns in Nordkehdingen als Samtgemeinde. Dabei hat Drochtersen immer deutlich gemacht: Wir führen Verhandlungen nur mit einer Einheitsgemeinde. Es gibt für uns eine zweite Variante. Da müssten wir über die Kreisgrenze gehen, um zur Samtgemeinde Hemmoor zu gehen. Da haben wir aber zwei Landräte, die das nicht so gerne wollen. Das ist also auch schwierig umzusetzen.
Noch einmal das Thema Fusion: Ist es nicht sinnvoll die Samtgemeinden mittelfristig in Einheitsgemeinden umzuwandeln?
Falcke: Das mag ja sein, dass Drochtersen damit gut fährt, aber Samtgemeinden wie Horneburg oder Harsefeld sind auch gut gefahren mit dem Samtgemeinde-Konstrukt. Das hängt sehr von den örtlichen Gegebenheiten und den handelnden Personen ab, welche Konstruktion besser passt. Ich glaube nicht, dass es eine große landesweite, quasi von oben verordnete Gebietsreform geben wird.
Goedecke: Warum die Bemühungen, aus Nordkehdingen eine Einheitsgemeinde zu machen, gescheitert sind, liegt – glaube ich – daran, dass viele die Bedeutung für eine solche Strukturveränderung für die Zukunft gar nicht erkannt haben. Wir befinden uns jetzt ja in einem neuen Prozess, bei dem mehrere Mitgliedsgemeinden sich zu einer großen Mitgliedsgemeinde zusammenschließen wollen. Ob es um Regionalplanung oder Standortwahl von bestimmten Einrichtungen geht, in der Samtgemeinde gibt es immer eine gewisse Konkurrenz unter den Mitgliedsgemeinden. Gäbe es eine große Gemeinde Kehdingen, dann könnte man anders auftreten, sich anders positionieren. Und mehr Geld gäbe es bei einem solchen großen Zusammenschluss auch.
Eckhoff: Vor Jahren hatte es erste Vorgespräche zwischen den Ratsfraktionen und den Bürgermeistern zu einer möglichen Fusion der Kehdinger Gemeinden gegeben. Und klar wurde hier: Die beiden Gemeinden müssen gleiche Strukturen haben und können dann als Einheitsgemeinden miteinander verhandeln. Wenn in Nordkehdingen sich mehrere, aber nicht alle Mitgliedsgemeinden zusammenschließen, dann müssen wir erneut miteinander sprechen und gucken, ob und wie man zu einer Zusammenarbeit finden kann. Man kann ja dann beispielsweise auch über eine Samtgemeinde mit drei Mitgliedsgemeinden sprechen.