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Wrestling in Kutenholz: Wenn aus Marcel die Kampfmaschine Axel Dieter wird

Am Boden, ausgebuht von den Wrestling-Fans: Axel Dieter Junior hält sich die Hand. „Blut ist beim Wrestling immer echt“, sagt er. Fotos Fehlbus

Am Boden, ausgebuht von den Wrestling-Fans: Axel Dieter Junior hält sich die Hand. „Blut ist beim Wrestling immer echt“, sagt er. Fotos Fehlbus

Gut sitzender Anzug, Krawatte, Sparkassen-Beratergesicht. Bei diesem jungen Mann hat keiner Bedenken, sich die Firmenbilanz berechnen zu lassen. Unvorstellbar, dass hinter Marcel Barthel ein Weltmeister im Wrestling steckt.

Von Miriam Fehlbus Freitag, 03.03.2017, 13:11 Uhr

Lächelnd blickt er durch das Foyer der alten Markthalle in Hamburg. Wer eigentlich, Marcel Barthel oder Axel Dieter Junior? So leicht scheint das nicht auseinanderzuhalten zu sein. Es stecke viel von dem Privatmann Marcel Barthel in Wrestler Axel Dieter Junior sagt der 26-Jährige. Die Arroganz im Blick des Anzugträgers –sie ist auch Ausdruck des eisernen Willens eines Kämpfers, der schon als 13-Jähriger wusste, dass er einmal oben im Ring stehen wird. Axel Dieter ist einer der wenigen, die beim Profiringen in die Fußstapfen ihres Vaters getreten sind.

„Ich bin immer der Sohn der Legende“, sagt Barthel. Sein Vater, fünfmaliger Weltcup-Sieger und Profiringer Axel Dieter Senior, hat in den 70er und 80er Jahren Maßstäbe in der Wrestling-Szene gesetzt. Vor knapp zwei Jahren ist er gestorben. Stolz sei er gewesen; wie weit es sein Sohn bis dahin gebracht hat, erzählt Marcel. Der Vater war bei seinen Auftritten oft dabei. „Papa hat mitgekämpft, er hat sich geduckt, wenn ich mich geduckt habe“, sagt der Junior.

Was der damals schon über 80 Jahre alte Vater nicht mehr miterlebte: Die zweite Generation Axel Dieter sollte Ende 2016 als erster den Weltmeistertitel von Westside Xtreme Wrestling (WxW) in die Familie holen. „Ich weiß, dass er sehr stolz gewesen wäre, sagt Barthel. Der Sohn, der irdische und die Kunstfigur, blicken nachdenklich zurück. „Mein Vater war fünfmal verheiratet, hat fünf Sprachen gesprochen.“ Immer sei er seinem Sport, seiner Passion hinterhergereist. Ein Träumer, ein Optimist und Lebemann.

Seit dem Gewinn des Weltmeistertitels hat sich viel geändert. Jetzt sind sie hinter Axel Dieter Junior her. Die „Absolute Andys“, die Muskelberge, manchmal mit so vielen Haaren, dass der Yeti neidisch werden müsste. Männer, die schwitzen wollen, wenn sie sich oben vom Seil im Kampfring auf ihren Gegner stürzen. Die nicht nachlassen, wenn Klappstühle auf ihren Schädeln zerschmettert werden und die im richtigen Moment das Gute zum Sieg führen, um dem Zwölfjährigen in der ersten Zuschauerreihe ein beruhigendes Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln. Der liebe, nette Axel Dieter Junior ist irgendwo auf diesem Weg zur Antifigur der Fans geworden. Wo er auftaucht, pfeifen sie heute und machen abwertende Handbewegungen. Es gibt eine Art Drehbuch bei jedem Kampf. „Was wir machen, ist sportliche Unterhaltung“, sagt Marcel Barthel. Wer gewinnt und ob das abgesprochen ist, „das ist nicht das, worum es da geht“, sagt er. Ziel sei es, dass die Leute vergessen, warum etwas passiert. Die Wrestler vergleichen ihr Können und athletisches Handwerkszeug mit der Schauspielleistung der Akteure in einem guten Film. „Wenn du aus dem Kino kommst und heulst, dann weißt du im Grunde, das war nicht echt, aber es hat dich emotional gepackt“, sagt Barthel.

Marcel Barthel war norddeutscher Meister im Boxen, als er neun Jahre alt war. Danach war er zwei Jahre Amateurringer. Auf Wunsch der Mutter begann er zunächst eine Ausbildung zum Bürokaufmann, die er auch abschloss. „Die Schule ist mir nie schwer gefallen“, erinnert sich Marcel alias Axel Dieter. Nach dem Realschulabschluss jonglierte er mit Zahlen, bevor der Catcher in ihm stärker wurde und es ihn von Hannover endgültig nach Hamburg zog, um Profiringer zu werden – wie der Vater.

„Ich habe die ersten Nächte unter dem Ring in der Trainingshalle geschlafen“, erzählt der 26-Jährige mit dem braven Haarschnitt. Wohnraum war schon damals in der Hansestadt rar. Seinen ersten Profikampf absolvierte Axel Dieter Junior 2008 in der Kutenholzer Festhalle – gegen Absolute Andy. Zur erneuten Auflage dieses Kampfes soll es an gleicher Stelle am Sonnabend, 18. März, kommen. Wer gewinnt? „Es gibt immer Überraschungen“, sagt Axel Dieter. Das Publikum redet mit. Die Würfe enden manchmal mit Verletzungen. „Wenn du Blut beim Wrestling siehst, ist das immer echt“, sagt Barthel. Er freut sich auf den Abend. Wie auf die anderen 70 bis 80 Auftritte im Jahr, teilweise in Großbritannien. Er lebt gerade seinen Traum.

Am Sonnabend, 18. März, macht die „We Love Wrestling Tour“ in der Festhalle in Kutenholz Station. Beginn der Kämpfe ist um 20 Uhr. Der Kader ist gespickt mit hochkarätigen Akteuren. Insgesamt werden an diesem Abend 16 Wrestler aus fünf verschiedenen Nationen ihre Muskeln spielen lassen. Der Hauptkampf des Abends ist der Kampf zwischen Axel Dieter Jr. und dem um einige Jahre erfahreneren Absolute Andy. Es geht um die größte Auszeichnung im Europäischen Wrestling , den Titel des wXw Unified World Wrestling Champions.

Wrestling in Kutenholz hat Tradition. Festhallenwirt Dieter Murck, selbst ein großer Wrestling-Fan, serviert während des Abends in einem abgesteckten Areal ein Büfett. Wer an Tischen direkt am Ring speisen will, muss sich allerdings eine der 150 ViP-Karten sichern. (Kartenbuchungen per Telefon unter 0 47 62/ 29 80 oder per Email unter festhalle.kutenholz@t-online.de). Reguläre Platzkarten gibt es unter wXw-Shop.com, auf eventim.de, an Eventim-Vorverkaufsstellen und bei der Festhalle Kutenholz. Die Preise gehen von 16,99 bis 29,99 Euro beziehungsweise 42,99 Euro für Tickets inklusive Büfett Einlass am Sonnabend ist ab 18.30 Uhr.

Im Anzug, mit überlegenem Blick in die Menge: Marcel Barthel alias Axel Dieter Junior.

Im Anzug, mit überlegenem Blick in die Menge: Marcel Barthel alias Axel Dieter Junior.

WxW-Promoter Björn Behrens, aufgewachsen in Jork , hat mit dafür gesorgt, dass Kutenholz Wrestling-Kult ist. An seiner Seite: Marius Al-Ani (links) und Absolute Andy (rechts).

WxW-Promoter Björn Behrens, aufgewachsen in Jork , hat mit dafür gesorgt, dass Kutenholz Wrestling-Kult ist. An seiner Seite: Marius Al-Ani (links) und Absolute Andy (rechts).

Da staunt sogar der Ringrichter: Francis Kaspin hebt seinen Gegner über Kopf und lässt ihn beim jüngsten Tourstopp in Hamburg wie ein Fliegengewicht aussehen.

Da staunt sogar der Ringrichter: Francis Kaspin hebt seinen Gegner über Kopf und lässt ihn beim jüngsten Tourstopp in Hamburg wie ein Fliegengewicht aussehen.

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