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Zeitreise: Eine Bölk holte schon Edelmetall

Zwischen 1990 und 2000 bestritt Spielmacherin Andrea Bölk 200 Bundesligapartien (872 Tore) für den BSV. Für Deutschland lief „Stoni“ 201 Mal (361) auf und nahm zwei Mal an Olympia teil. Fotos Kordländer (2)/privat (2)

Zwischen 1990 und 2000 bestritt Spielmacherin Andrea Bölk 200 Bundesligapartien (872 Tore) für den BSV. Für Deutschland lief „Stoni“ 201 Mal (361) auf und nahm zwei Mal an Olympia teil. Fotos Kordländer (2)/privat (2)

Vor mehr als 20 Jahren gelang den deutschen Handballerinnen Historisches. Die Mannschaft um die Andrea Bölk (48) und Renate Zschau (49) gewann die bisher einzige EM-Medaille für Deutschland. Bölks Tochter Emily könnte Ähnliches schaffen.

Von Tim Scholz Montag, 12.12.2016, 18:19 Uhr

Anfang der Neunziger Jahre erlebte der deutsche Frauen-Handball seine erfolgreichste Zeit. Bei der Weltmeisterschaft 1993 in Norwegen feierte die von Lothar Doering trainierte Mannschaft ihren bislang größten Triumph. Mit 22:21 nach Verlängerung setzte sich die deutsche Auswahl im Endspiel gegen Dänemark durch. Nur neun Monate später, im September 1994, standen sich die Weltspitzeteams erneut gegenüber. Zum ersten Mal ging es im Frauen-Handball um die europäische Krone.

Bei der Premieren-EM in Deutschland mischten auch zwei Buxtehuder Handballerinnen mit: Andrea Bölk, Mutter der aktuellen Nationalspielerin Emily Bölk, und Renate Zschau. Bölk gehörte damals wie ihre BSV-Mitspielerin Heike Axmann zur glorreichen Auswahl von Norwegen. Axmann zog sich später jedoch eine schwere Knieverletzung zu und verpasste die EM. Torfrau Zschau, die heute den Familiennamen Beckmann trägt, rutschte in letzter Sekunde für die Leipzigerin Michaela Schanze in den Euro-Kader.

„Ich bin eigentlich als dritte Torhüterin ins Turnier gegangen“, sagt Beckmann. Aufgrund der späten Nominierung hatte sie sich hinter den Torfrauen Sabine Adamik (TuS Walle) und Eike Bram (Borussia Dortmund) nur wenige Einsatzzeiten ausgerechnet. Sie kam aber trotzdem zum Zug. „Der Trainer meinte, dass ich ganz gut in die Mannschaft passe und gab mir die Chance“, sagt Beckmann. Für Doering waren Leistungen entscheidend.

In der „Handball-Woche“ erinnert sich der damalige Bundestrainer an Beckmanns starken Auftritt im Alles-oder-Nichts-Spiel gegen Rumänien: „Ohne ihre Paraden hätten wir große Probleme bekommen. Ihr Einsatz war kein Risiko, denn sie ist eine erfahrene Torhüterin und hat mein Vertrauen gerechtfertigt.“

Renate Beckmann erinnert sich genau an das Rumänienspiel, an die kleine und enge Halle in Magdeburg, die überragende Stimmung. „Für die Zuschauer, die Mannschaft und mich selbst habe ich alles gegeben.“ Nach drei Siegen und einer Niederlage in den ersten Vorrundenspielen schlug die deutsche Auswahl die ebenfalls zur Weltspitze zählenden Rumäninnen mit 20:18. Deutschland wurde Gruppensieger und hatte nach dem 22:18-Erfolg im Halbfinale gegen Norwegen das Traumfinale gegen Dänemark.

„Als Weltmeister sind wir mit einem unheimlichen Rückenwind in die EM gegangen“, sagt Andrea Bölk. Der Kader war nahezu identisch, die Harmonie in der Mannschaft stimmte, die Hallen in Magdeburg und Oldenburg waren voll. Der Frauen-Handball war in den Medien präsent; mehr als eine Million Zuschauer sahen die Partien im Fernsehen. „Das war gigantisch, aber auch hart“, sagt Bölk. Deutschland bestritt sieben Spiele in acht Tagen.

Das Endspiel von Berlin war lange Zeit offen. Fünf Minuten vor dem Ende stand es 23:22 für Dänemark, dann jedoch scheiterten die deutschen Angreiferinnen, darunter auch Andrea Bölk, reihenweise an der dänischen Torhüterin. Dänemark gewann mit 27:23 und holte den ersten EM-Titel im Frauen-Handball. Für Deutschland gab es Silber.

„Im ersten Moment ist man natürlich enttäuscht“, sagt Renate Beckmann, „dennoch war es ein gutes Turnier.“ Im Endspiel sei es bei allen Deutschen nicht gut gelaufen. Andrea Bölk meint, dass Deutschland und Dänemark Anfang der Neunziger ähnlich stark gewesen seien und daher die Tagesform an jenem 25. September 1994 den Ausschlag gegeben habe – wie bereits neun Monate zuvor in Norwegen.

Renate Beckmann lebt heute mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Münster. Sie arbeitet als Physiotherapeutin und trainiert die Torhüter bei Sparta Münster. Nach wie vor verfolgt Beckmann den Frauen-Handball, sei es die EM in Schweden oder die Bundesliga in Buxtehude. Nach den Misserfolgen der Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren sagt sie: „Es macht mich traurig, wo der Handball hängengeblieben ist.“ Andere Nationen hätten nachgelegt, während die Ausbildung in Deutschland nicht entschieden vorangetrieben worden sei. Daher hofft Beckmann, dass die deutschen Handballerinnen in Schweden wieder für „positive Schlagzeilen“ sorgen.

Andrea Bölk und ihr Ehemann Matthias sind ihrer Tochter in Schweden hinterhergereist. Erst die Vorrunde in Kristianstad, dann das erste Hauptrundenspiel in Göteborg. Nun drückt Bölk ihrer Tochter von Buxtehude aus die Daumen. „Wenn man gut ins Turnier startet, ist alles möglich“, sagt Andrea Bölk, die Silbermedaillen-Gewinnerin von 1994. Ihre Tochter hat mehr als 20 Jahre später die historische Chance, es ihr nachzumachen.

EM 1994

Gruppe A

1. Dänemark, 2. Norwegen,

3. Kroatien, 4. Schweden,

5. Österreich, 6. Ukraine.

Gruppe B

1. Deutschland, 2. Ungarn,

3. Russland, 4. Tschechien,

5. Rumänien, 6. Slowakei.

Halbfinale

Dänemark – Ungarn 29:28 n.V.

Deutschland – Norwegen 22:18

Spiel um Platz 11

Ukraine – Slowakei 30:29 n.V.

Spiel um Platz 9

Österreich – Rumänien 26:24

Spiel um Platz 7

Schweden – Tschechien 24:20

Spiel um Platz 5

Kroatien – Russland 27:26

Spiel um Platz 3

Ungarn – Norwegen 19:24

Finale

Dänemark – Deutschland 27:23

Zwischen 1990 und 1997 hütete Renate Beckmann , geborene Zschau, 136 Mal das Tor des Buxtehuder SV. Sie war außerdem beim SC Leipzig und Zweitligisten SC Greven aktiv.

Zwischen 1990 und 1997 hütete Renate Beckmann , geborene Zschau, 136 Mal das Tor des Buxtehuder SV. Sie war außerdem beim SC Leipzig und Zweitligisten SC Greven aktiv.

Renate Beckmann heute.

Renate Beckmann heute.

Andrea Bölk heute.

Andrea Bölk heute.

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