„Zur Stumpfen Ecke“ in Harburg ist ein Mekka für durstige Szene-Typen
Wirt Jan Laboor im urigen Schankraum der „Stumpfen Ecke“ : Das klassische Stereotyp der Eckkneipe wird hier aufgebrochen. Foto Sonnleitner
Die Kneipe „Zur Stumpfen Ecke“ kann sich mit Fug und Recht die älteste Kultkneipe in Harburg nennen. Seit weit mehr als 100 Jahren wird in dem Lokal im Seeveviertel Bier getrunken, geraucht und geklönt und ab und zu auch Live-Musik gehört.
„Es sind die Gäste, wegen derer man hierher kommt, da sind viele Freunde dabei“, sagt Stammgast Heike Buchholz. Das Stammpublikum mache 90 Prozent aus, der Rest lerne sich kennen. Es ist in der Tat diese ungezwungene Atmosphäre, die von den Gästen ausgeht, die diese kleine, feine Eckkneipe urig und gemütlich, vor allem unprätentiös macht. Man kennt sich, man mag sich, man spricht, ohne aufdringlich zu sein.
Jan Laboor steht als Wirt hinter dem Tresen. Er ist seit Januar 2014 Geschäftsführer der „Stumpfen Ecke“. „Früher liefen hier zwei belebte Straßen aufeinander“, berichtet er, was gut auf einer alten Luftaufnahme von 1905 zu sehen sei. Heute hingegen sei die „Stumpfe Ecke“ von den angrenzenden Wohngebieten eingekesselt. Laboor hatte zuvor im Theater gearbeitet, anschließend zehn Jahre am Flughafen.
Nun schmeißt der gebürtige Berliner den Laden hier. „Es gibt viele Leute, die uns neu entdecken, junge Leute rücken nach“, stellt er zufrieden fest. Die Kneipe hat ein modernes Antlitz, mit dem vergilbten Muff einer klassischen Gardinenkneipe wenig zu tun, ohne den Charme der klassischen, vom Aussterben bedrohten Eckkneipe zu verleugnen. Heute legt ein DJ Musik der Metal-Band Iron Maiden auf. Rund 20 Platten und CDs stapeln sich auf einem Barhocker, es läuft gerade der Kultsong „The Number Of The Beast“.
Einmal in der Woche laufen mittwochs zwei Stunden nur Lieder einer Band. Da sind dann für den normal situierten deutschen Biertrinker auch eher exotische Rocksänger wie Patti Smith oder die Band The Cure dabei.
Doch geht es hier, nicht nur was das Alter betrifft, um den Aufbruch klassischer Stereotypen. Besonders stolz ist Laboor, dass er unter seinen neun Biersorten auch gerade im Trend liegendes Craftbeer hat, das oft aus kleineren Biermanufakturen stammt. Gerade zapft er ein frisches obergäriges Zwickel. „Wir sind die einzige Kneipe in Harburg, die das hat“, sagt er nicht ohne Stolz.
Der Schankraum ist 70 Quadratmeter groß, Laboor betont, dass die „Stumpfe Ecke“ weder Dartscheibe noch Spielautomat habe. Die Musik kommt von der Anlage, ist also immer kostenlos, auch wenn sich die Gäste gerne mal selber betätigen können. Auch Internetradio ist im Angebot. Es wird kein deutscher Schlager gespielt. Irgendwie scheint es, man wolle sich in der „Stumpfen Ecke“ von der klassischen Kneipe abgrenzen und dennoch dazugehören.
An der Wand hängt ein Filmplakat des Hamburger Filmklassikers von 1972, „Rocker“, gerade werden Glasinstallationen der Künstlerin Ilona Hoffmann ausgestellt, ein Kubus aus geschmolzenen Parfümflaschen ist dabei oder ein Werk aus zusammengefügtem Elbglas. In der Ecke steht ein Piano. Die Einrichtung der „Stumpfen Ecke“ ist, wie es sich für eine Eckkneipe gehört, rustikal aus Holz. Auch Live-Musik gibt es hin- und wieder zu hören, Singer-Songwriter sind dabei oder Drei-Mann-Bands ohne Schlagzeug wegen der Lautstärke.
„Hier kommen keine Ätztypen rein, es gibt keine Schlägereien“, betont Kurt Buchholz, der Mann von Heike. Sie sagt, weil es kein Angemotze gebe, ginge sie hier gerne auch als Frau rein. Die beiden sind seit 25 Jahren Stammgäste hier und brauchen von ihrem Zuhause zehn Minuten zu Fuß. Kurt und Heike sitzen auf der Trainerbank, einer Sitzkonstruktion direkt am Tresen, die so genannt wird, weil hier mal ernst, mal flachsend über Fußball schwadroniert wird. Es sei eher eine St.-Pauli-Kneipe, berichten sie.
Die „Stumpfe Ecke“ hat wochentags zwischen 18 und 1 Uhr geöffnet, „am Wochenende ist beim Last Order Schluss“, sagt Laboor. Die Besucherzahl sei ein Überraschungsei, mal kämen am Freitag nur 20, mal sei es am Mittwoch knüppeldickevoll. Draußen gibt es im Sommer zehn Außenplätze. Einmal im Jahr feiert die „Stumpfe Ecke“ eine Outdoorparty und geht dann ins Exil.
Diesmal findet es am 6. August im Metal-Club „Tipsy Apes“ statt. Besonders aber freut Laboor, der selber trotz harter Nachtschichten und einiger Altersfurchen noch jugendlich wirkt, die soziale Durchmischung. Da sitzen Rentner oder Hartz-4-Empfänger neben jungen Leuten, die sich über Musik oder das bunte Harburger Kulturtreiben unterhalten. Und noch eines ist den Machern der Kneipe noch wichtig: Wer flucht, muss ins Phrasenschwein zahlen.
Harburgs Szene
In lockerer Folge stellt das TAGEBLATT angesagte Kult-Kneipen und -cafés in Harburg und im Süderelbe-Raum vor. Heute: „Zur Stumpfen Ecke“ an der Rieckhoffstraße im Seeveviertel in Harburg.
Von außen ganz klassisch Kneipe : Die „Stumpfe Ecke“ im Seeveviertel.