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Zwei Buxtehuderinnen im Film bei der Berlinale

Da bewerben sich die Zwillinge Nele und Nora Labisch als 17-Jährige bei einer Fotoagentur. Zwei Jahre später laufen sie über den roten Teppich bei der Berlinale. Als Schauspielerinnen. Als Mitwirkende in einem großen deutschen Film. Und dennoch bleiben sie auf dem Teppich.

Von Wolfgang Stephan Sonntag, 18.03.2018, 09:00 Uhr

Eine Weltpremiere bei der Berlinale in Berlin, dem größten Fest des deutschen Films. Und Nele und Nora Labisch sind dabei. Ihr Film „Das schweigende Klassenzimmer“ wird von der internationalen Kritik gefeiert, die beiden Buxtehuderinnen stehen staunend am Rande. Aber auch mittendrin, denn sie sind in dem Film zwei von 19 Schülern einer Abiturklasse, die anlässlich des Ungarn-Aufstandes 1956 mit einer Schweigeminute an die Opfer erinnert.

Mit dieser zutiefst menschlichen Geste geraten die Schüler in die politischen Mühlen der DDR. Mit Folgen für alle Beteiligten, die sich lange sträuben, den oder die Anstifter zu nennen. Am Ende … „Nein, das wollen wir nicht verraten“, sagt Nele Labisch. Nur so viel: Sie sitzen beide in einem Zug gen Westen. Dass sie in einem so bewegenden Film aus der Zeit des Kalten Krieges mitmischen dürfen, ist im Gegensatz zu der Geschichte des Films, die nach dem gleichnamigen Sachbuch von Dietrich Garstka entstanden ist, eigentlich unglaublich.

„Zwillingswunder“ heißt die Casting- und Eventagentur, bei der Vater Thomas Labisch die beiden Töchter 2016 gemeldet hatte. Eigentlich aus einer netten Laune heraus, nach dem Motto: „Mal sehen, was kommt.“ Viel kam nicht – genauer gesagt: Es gab nur eine Anfrage. Von einer Casting-Dame, die für Lars Kraume arbeitet, den Regisseur, Produzenten und Drehbuchautor, der mit zahlreichen Film- und Fernsehpreisen dekoriert ist. Sie sollten ein Bewerbungs-Video über sich einsenden. Vater Thomas führte Regie, es wurde gesungen, getanzt und gesprochen.

„Ziemlich schräg“, sagt Nora in der Erinnerung. Aber so schräg, dass sie Erfolg hatten und nach Berlin eingeladen wurden. „Ach, ihr seid die mit dem peinlichen Video“, den Satz hörten sie zur Begrüßung von der Filmcrew. Nora: „Wir dachten, da wird ein kleines Filmchen gedreht.“ Doch das kleine Filmchen entpuppte sich schnell als ein großes Projekt des deutschen Films. „Mega“, das ist das Wort, das beiden pausenlos über die Lippen kommt, wenn sie von dem Projekt erzählen. Als sie erstmals das Drehbuch in ihren Händen hielten und die zwei Seiten mit ihrem Text überreicht bekamen, wurde ihnen die Tragweite des Abenteuers bewusst. „Irgendwie wurden wir über Nacht zu kleinen Schauspielerinnen“, sagt Nele. Mit Menschen im Team, die sie aus dem Fernsehen kannten, wie die Hauptdarsteller Leonard Scheicher, Tom Gramenz oder Anna Lena Klemke. Alle „mega cool“.

Und so nahm der Film seinen Lauf: 14 Drehtage mussten von Februar bis April im vergangenen Jahr in Berlin absolviert werden. Für Nora, die am Gymnasium Süd im Abiturstress stand, war das besonders happig, aber die Schule spielte „mega“ mit. Nele, einen Schuljahrgang dahinter an den BBS Buxtehude, sagt: „Mein mega cooler Schulleiter hat mich voll unterstützt.“ Und in Berlin sei es der Regisseur Lars Kraume gewesen, der die beiden Amateur-Schauspielerinnen in ihre Rolle eingewiesen hat. Was nicht immer einfach gewesen sei, „mega schwierig“, denn vor der Kamera hatten die Buxtehuderinnen mächtig Respekt, entsprechend aufgeregt seien sie mitunter gewesen. Zumindest am Anfang, dann kam die Sicherheit und am Ende fast die Routine.

 

Dann war erst einmal Ruhe, der Film im Umkreis von Berlin war abgedreht. Nora verschwand für vier Monate nach Neuseeland, Nele lernte fürs Abi. Und irgendwo stand immer die Film-Premiere im Raum. Als klar war, dass die bei der Berlinale sein wird, beendete Nora das Neuseeland-Abenteuer.

„Roter Teppich bei der Berlinale“ – die Krönung des Traums. Klar, der Film ist „mega“, was der Regisseur aus den Fragmenten der Aufnahmen gemacht habe, sei genial. Und jetzt? Nora wartet auf den Studienplatz, und Nele macht demnächst Abitur. Danach geht es auf die Schauspielschule? „Oh Gott, nein“, wehren beide ab. Weil sie glauben, dass sie ein falsches Bild vom Film-Business haben. In Wirklichkeit gehe es da bestimmt viel härter zu. Also dann doch lieber in den Schuldienst. Wie beide Eltern und der Bruder.

Schuldienst statt Glamour? Nora ist sich sicher, Nele lässt zumindest eine Überlegung durchblicken. Das wäre schon mega cool. Nicht nur wegen der Gage. Über die reden sie natürlich nicht. Aber Neuseeland war mit der Film-Kohle halt schon ganz angenehm. Mega cool.

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