Zwei Landärzte starten in Kutenholz durch
Das neue Praxisteam in Kutenholz : Hekmatulla Afzali und Fariha Sarwary (vorne) mit Ina Marzog und Liesbeth Viebrock (hinten). Fotos Beneke
Ein Jahr lang mussten die Bürger auf die Praxen in den umliegenden Orten ausweichen, diese Zeiten sind nun passé: Die Gemeinde Kutenholz hat wieder eine an fünf Tagen in der Woche besetzte Landarzt-Praxis.
Die Mediziner Hekmatulla Afzali und Fariha Sarwary haben am Montag ihre runderneuerten Räume im Ortszentrum eröffnet. Ein breites medizinisches Angebot erwartet die Patienten – inklusive Sonografie (Ultraschall) und der Möglichkeit, kleinere chirurgische Eingriffe vornehmen zu lassen. Die Kassenärztliche Vereinigung hatte bereits vor Monaten die nötige Bereitschaft erklärt, einen neuen Sitz für eine allgemeinmedizinische Praxis einzurichten.
„Mit so vielen Menschen haben wir gar nicht gerechnet“, sagte Hekmatulla Afzali beim Empfang am Montagmittag. Dutzende Kutenholzer waren gekommen, hatten Blumen und Geschenke im Gepäck. „Kutenholz ohne einen Hausarzt – das geht gar nicht“, befand Bürgermeister Gerhard Seba (CDU). Sichtlich erfreut zeigte er sich darüber, dass nun gleich zwei Mediziner die Versorgung der Dorfbevölkerung sicherstellen. Von Montag bis Freitag soll die Praxis geöffnet sein, die beiden Ärzte wollen sich gegenseitig vertreten.
Beide stammen aus Afghanistan, sind Fachärzte für Allgemeinmedizin und bringen Erfahrungen aus der Notfall- und Intensivmedizin mit. Beide leben und arbeiten seit Jahrzehnten in der Bundesrepublik und sind im Norden Deutschlands fest verwurzelt. Hekmatulla Afzali ist auch der Raum Stade nicht fremd, er hat bereits am Elbe Klinikum in Stade und am Ostemed Klinikum in Bremervörde gearbeitet. Aktuell ist er noch stundenweise im Asklepios Klinikum in Hamburg-Barmbek tätig. Fariha Sarwary arbeitet parallel zur Praxis in Kutenholz noch in Teilzeit im Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhaus in Hamburg-Boberg, betreut dort Intensiv- und Wachkoma-Patienten. Die Mediziner wissen um die Bedeutung der Landarzt-Praxis für die Gemeinde Kutenholz und ihre Dörfer. „Wir wollen jederzeit für Sie da sein“, sagten sie am Montag. Hekmatulla Afzali sucht derzeit eine Wohnung in der Gegend.
Im Sommer 2018 hatte der Arzt Hans-Georg Hofer die Praxis verlassen. Er wollte altersbedingt kürzertreten. Damit stand der Ort endgültig ohne Doktor da. Ein Jahr lang hatte der in der Gemeinde Deinste lebende Allgemeinmediziner, der auch in Stade eine Praxis betreibt, in Kutenholz ausgeholfen. Der langjährige Kutenholzer Landarzt Dr. Peter Bockmühl war zuvor in den Hauptort Fredenbeck gewechselt.
Die Bemühungen von Politik und Verwaltung, einen Nachfolger zu finden, schienen gescheitert. Die Gemeinde ließ einen Imagefilm produzieren, schaltete europaweit Print- und Internet-Anzeigen, ließ sich von der Arbeitsagentur beraten und suchte in internationalen Jobbörsen nach geeigneten Kandidaten. Headhunter waren eingeschaltet. Sie führten Gespräche mit 300 Ärzten – und kassierten immer wieder Absagen. Die angefragten Mediziner nannten das fehlende Interesse an einer Praxisübernahme, keine Bereitschaft zum Umzug oder den Beruf des Partners als ausschlaggebende Gründe. Generell geht unter jungen Medizinern die Bereitschaft, eine eigene Praxis zu führen, stark zurück. Mehrere Zehntausend Euro hat die Kommune investiert.
Auch für Apotheker Mehmet Nursi Arslan, der sich vor fast fünf Jahren in direkter Nachbarschaft selbstständig gemacht hatte, soll der Fortbestand der Praxis ein positives Signal setzen. Im Ort war die Befürchtung groß, dass seine Existenz auf der Kippe steht, wenn Kutenholz über keinen eigenen Arzt mehr verfügt. Zwischenzeitlich hatte die Gemeinde die Räume angemietet, um schnell reagieren zu können, wenn sich ein Interessent findet. Auch Investoren für einen Neubau standen in den Startlöchern. Seit 2016 lief die Suche nach einem neuen Arzt für die 5000-Einwohner-Gemeinde.