Saatzucht soll bald Raisa heißen
Die Mitglieder geben grünes Licht für die Umbenennung : 99 Prozent der Stimmen (498 von 503 Stimmen) entfielen auf den Vorschlag von Vorstand und Aufsichtsrat. Fotos Beneke
Die Stader Saatzucht setzt weiter auf Wachstum und gibt sich einen neuen Namen. Im kommenden Jahr wird die Unternehmensgruppe mit der Raiffeisen-Warengenossenschaft Gnarrenburg fusionieren und fortan als Raisa firmieren.
Erhalten bleibt die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft. Bei der Gesellschafterversammlung am Freitagvormittag in der Harsefelder Festhalle stimmten 99 Prozent der Mitglieder der Umbenennung zu.
Raisa ist eine Wortkombination aus Raiffeisen und Saatzucht. Gedanken über eine Umbenennung habe es schon vor Beginn der Fusionsgespräche gegeben, berichtete Vorstand Axel Lohse. „Das Geschäftsmodell ist ein anderes geworden“, begründete er diesen Schritt. „Die eigentliche Saatzucht wird heute nicht mehr von uns selbst, sondern von der Europlant-Gruppe, einem Beteiligungsunternehmen unserer Genossenschaft, betrieben.“ Das Aufgabenfeld des Handelsunternehmens sei inzwischen viel weitergefasst, das Geschäftsgebiet habe sich längst über die Grenzen des Landkreises Stade ausgedehnt, sagte Lohse. „Es gibt kein Kern- und kein Randgebiet.“
Diese Aussage ist ein Bekenntnis zur aktuellen Geschäftspolitik – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der angestrebten Fusion mit der Raiffeisen-Warengenossenschaft Gnarrenburg, die Anfang des Jahres beschlossen werden soll. Sie existiert seit 1924 und besteht inzwischen aus mehreren fusionierten Genossenschaften. Der Lieferant für die Landwirtschaft, Haus- und Gartenbedarf, Energie und Baustoffe unterhält sieben Standorte. Zuletzt hatte sich die Stader Saatzucht vor acht Jahren mit der Raiffeisen-Warengenossenschaft Elm zusammengetan.
Auch in den nächsten Jahrzehnten werde sich die Unternehmensgruppe als starke Genossenschaft an der Seite der Landwirtschaft in der gesamten Elbe-Weser-Region zwischen Hamburg, Stade und Bremen sowie als Nahversorger des ländlichen Raumes präsentieren, unterstrich der Vorstand in seiner Rede. Der neue Name sei kurz und einprägsam. Er stünde zugleich für die Bewahrung und Fortentwicklung von Traditionen. Lohse: „Wir haben uns schon immer als Raiffeisen-Genossenschaft gesehen.“ Das Logo, die Ähre mit der Kartoffelblüte und der grünen Farbe, soll erhalten bleiben. Märkte und Tankstellen werden ebenfalls nicht umbenannt. Damit halte sich der finanzielle Aufwand durch die Umfirmierung in Grenzen.
Im Mai 2018 feiert die Genossenschaft ihren 100. Geburtstag. Die erwartete öffentliche Aufmerksamkeit zum Jubiläum soll helfen, den Namen Raisa zu etablieren. Führungskräfte, Vorstand und Aufsichtsrat hatten die Generalversammlung, die in der Harsefelder Festhalle zusammenkam, um Zustimmung zu der Neubenennung gebeten. Das Votum war eindeutig: 498 von 503 Stimmen entfielen auf den Vorschlag von Lohse & Co.; das entspricht einem Ergebnis von 99 Prozent.
Zufrieden blickten die Vorstände Axel Lohse und Ralf Löhden auf das Geschäftsjahr 2016/17 zurück. Ein Umsatz von 286 Millionen Euro und ein Überschuss von 3,3 Millionen Euro bestätigten sie in ihrem Schaffen. Dabei sei die Wirtschaftslage schwierig, der Strukturwandel in der Landwirtschaft schreite weiter voran. Die Lieferanten Bayer/Monsanto, Dow/Dupont, BASF und Chemochina/Syngenta dominieren den Markt. Aufseiten der Abnehmer geben die Einzelhandelsgiganten Edeka, Rewe, Aldi und Lidl den Ton an.
Die zunehmende Regulierung durch die Bundespolitik ist den Vorständen ein Dorn im Auge. Besonders schwer macht es ihnen die Düngemittelverordnung, die Lohse als „ein Monster des Gesetzgebers“ brandmarkte. Kleine und mittelständische Landwirtschaftsbetriebe bekämen die Folgen hart zu spüren. Die neue Rechtslage bedeute „Papierkram ohne Ende – das ist nicht was, das einen Landwirt ausmacht“. Ohnehin seien die Vorgaben völlig überzogen. Seit 1950 werde kontinuierlich weniger Dünge- und Pflanzenschutzmittel aufgebracht, sodass der Nitratbelastung der Gewässer entgegengewirkt werde. Der Gesetzgeber, sagte Lohse, hätte deshalb nicht mit einer derart strikten Verordnung eingreifen müssen. Das Thema Digitalisierung haben Lohse und Löhden zur Chefsache erklärt: „Es entscheidet über unsere Zukunft, wir haben unendlich viel zu tun.“
Der Vorstand prognostiziert für die kommenden Jahre weniger Umsätze in den Bereichen Dünger, Pflanzenschutz, Vieh und Futtermittel. Lohse erwartet Verschiebungen zwischen dem stationären Handel und dem Webshop. Die Auswirkungen der Energiewende auf die Genossenschaftsgruppe seien nicht absehbar. Hintergrund: Die Tochter Raiffeisen-Energie verkauft Gas und Strom, über einen Webshop sind die Produkte der Raiffeisen-Märkte erhältlich. 26 Tankstellen als Teil eines bundesweiten Netzwerks runden das Angebot ab. „Wir müssen mehr auf Dienstleistung setzen“, sagte Lohse. Deshalb habe die Saatzucht mit Partnern neue Beratungsgesellschaften ins Leben gerufen.
Sechs Millionen Euro hat die Unternehmensgruppe im vergangenen Geschäftsjahr investiert – unter anderem in den Fuhrpark mit 80 Lkws, in den Bau zweier weiterer Rundsilos für die Getreidelagerung in Apensen, in die Modernisierung im Kartoffel- und Düngemittelsektor und in den Neubau des Raiffeisen-Marktes in Bremervörde. Im Elbe-Weser-Raum unterhält die Stader Saatzucht aktuell 18 Märkte. Derzeit laufen Planungen für die Modernisierung des Standorts Fredenbeck. In den kommenden fünf Jahren sollen Investitionen von über 30 Millionen Euro auf den Weg gebracht werden.
Bei der Generalversammlung am Freitagvormittag in Harsefeld entlasteten die Mitglieder den Vorstand und den Aufsichtsrat um seinen Vorsitzenden Henning Ehlers und billigten den Jahresabschluss 2016/17. Die Mitglieder bekommen für ihre Anteile eine Dividende von drei Prozent. Die Beschlüsse fielen einstimmig. Die Stader Saatzucht hat 2500 Mitglieder und 500 Mitarbeiter.
Nicht nur 100 Jahre Stader Saatzucht werden im kommenden Frühjahr gefeiert. Auch der 200. Geburtstag des Erfinders der genossenschaftlichen Idee, Friedrich Wilhelm Raiffeisen, soll 2018 im Fokus des öffentlichen Interesses stehen, sagte Vorstand Axel Lohse am Freitagvormittag während der Generalversammlung der Unternehmensgruppe in der Harsefelder Festhalle. Raiffeisen war literarisch tätig – „er war aber in erster Linie ein Praktiker“. Sein Gedanke der Genossenschaft sei als bewusster Gegenentwurf zum Gesellschaftsbild des Ökonomen Karl Marx zu verstehen, erklärte Lohse.
Infolge von Missernten entstand 1847 mit dem Weyerbuscher Brodverein die erste Genossenschaft. Ihre Grundsätze – Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung – galten später auch für die Darlehenskassenvereine. Darüber schrieb Raiffeisen ein Buch – „ein bahnbrechendes Werk“, befand Lohse. Als Raiffeisen 1888 starb, gab es bereits 423 Genossenschaften. Die Prüfung durch einen Anwaltsausschuss wurde zur Pflicht. Heute sind es bundesweit 7500. Sie haben 20 Millionen Mitglieder und 800 000 Beschäftigte. Damit sind die Genossenschaften die größte mittelständische Wirtschaftsorganisation.