TFischsterben: Tideelbe wird zur Todeszone
Elbfischer Lothar Buckow hat den Fischfang eingestellt. Foto: Vasel
„Ich habe den Fischfang eingestellt“, berichtet der Elbfischer Lothar Buckow aus Wisch. Seit einigen Tagen treiben tote oder erschöpfte Fische in der Elbe, Seeadler schlagen sich den Magen voll – unter anderem mit verendeten Lachsforellen. Der Grund: ein Sauerstoffloch.
Seine Reusen legt der Altländer nicht mehr aus, um die Natur (oder was von der Fischfauna übrig geblieben ist) zu schonen. Frühestens Mitte oder Ende Juli, sagt der letzte Berufsfischer des Alten Landes, werde er wieder als Fischer auf der Borsteler Nebenelbe oder anderswo arbeiten können.
Eigentlich würden jetzt Aale, Zander oder Lachsforellen in den Reusen landen. Doch die Fische sind tot oder auf der Flucht. Der Grund: Wieder einmal breitet sich auf der Elbe ein großes Sauerstoffloch aus – wie in fast jedem (wärmeren) Sommer. Der Tod ist allgegenwärtig. Fast die gesamte Stint- und Finte-Brut von 2021, so Buckow, sei über den Jordan gegangen. Das hat Folgen für das Öko-System: In drei bis vier Jahren wird kein geschlechtsreifer Stint aus dieser Generation mehr aus dem Nordatlantik in die Elbe zurückkehren können. Das trifft nicht nur die Fischerei (und Gastronomie), sondern auch die Vogelwelt an der Unterelbe. Der Biologe Professor Dr. Ralf Thiel hatte im TAGEBLATT gefordert, den Stint auf die Rote Liste zu setzen. Dieser machte noch bis vor acht Jahren 96 Prozent der Fischarten unterhalb des Hafens aus – gefolgt von der bedrohten Finte (zwei Prozent).
Sauerstoffkonzentration; Tödliche Grenze unterschritten
Und auch das Aktionsbündnis Lebendige Tideelbe aus Nabu, BUND und WWF sowie „Rettet die Elbe“ schlägt Alarm. Seit Tagen fallen die Sauerstoffwerte in der Tideelbe – verbunden mit einem Fischsterben. Das zeigen die Daten des amtlichen Messnetzes: Seit dem 18. Juni ist die Sauerstoffkonzentration an der Messstation in Blankenese unter die für Fische kritische Grenze von vier Milligramm pro Liter Wasser (mg/l) gesunken. Und an der Messstation in Seemannshöft wurde die tödliche Grenze von zwei Milligramm pro Liter „sogar unterschritten“. Die Fische, die nicht mehr ausweichen können, sterben jetzt in den sauerstoffarmen Bereichen in der Elbe. Das Aktionsbündnis fürchtet, dass die Bestände an Stint und Finte – die Ergebnisse des Finte-Monitorings werden vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt weiter unter Verschluss gehalten – weiter zurückgehen. Die Finte, deren Laichgeschäft unmittelbar unterhalb des Hamburger Hafens auf Höhe Neßsand vor der Gemeinde Jork stattfindet, leidet unter den schrumpfenden Laich- und Aufwuchsgebieten – wegen der Verschlickung und der Verlandung infolge der Elbvertiefung und der Airbus-Erweiterung ins Mühlenberger Loch. Insbesondere die Bereiche in der Hahnöfer und die Lühesander Nebenelben gehen zurück. Besonders gravierend seien die Auswirkungen auf die Wanderfischarten – wie Meerforellen. „Die Laichwanderung wird elbaufwärts durch das Sauerstoffloch behindert. Die Meerforellen könnten es in diesem Jahr nicht mehr schaffen, sich fortzupflanzen“, klagt Linda Kahl vom BUND. Ein Grund für das Sauerstoffloch ist der große trübe Wasserkörper ab Hafenbereich ohne eine Photosyntheseaktivität durch Algenplankton. Extreme Tideströmung und die Trübung durchs (Saug-)Baggern lassen kein Licht durch. Der Schlick, der hochgebaggert wird, verstärkt die Sauerstoffzehrung.
Saugbagger an die Kette legen
Die Naturschützer fordern, die Baggerarbeiten – aufgrund erheblicher negativer Einflüsse auf die Tideelbe – umgehend zu stoppen. „Für eine dauerhafte Erholung des angeschlagenen Flusses sollte im Sinne einer nachhaltigen Schifffahrts- und Hafenpolitik die im Zuge der Elbvertiefung erreichte Fahrrinnentiefe nicht aufrechterhalten werden“, fordert das Bündnis. Deutschland müsse endlich der Verpflichtung nachkommen, die EU-Wasserrahmenrichtlinie umzusetzen – mit einer Verbesserung der Gewässerqualität. Davon seien Politik und Verwaltung weit entfernt. Die Umweltbehörde ließ eine TAGEBLATT-Anfrage unbeantwortet.
Das Bündnis bittet die Bürger, tote Fische unter Angabe des Fundorts und mit Fotos zu melden – mit einer Mail an fischsterben@nabu-hamburg.de.