Von der Utopie zur kalten Rassenhygiene
Soldaten der US-Armee stehen im Mai 1945 vor dem stark beschädigten Hofbräuhaus in München. Foto: UPI/dpa
Ausgewählte Buchempfehlungen der TAGEBLATT-Redakteure.
Es ist ein schwerer historischer Stoff, den sich Uwe Timm für seinen Roman „Ikarien“ vorgenommen hat: Die Eugenik, eine Theorie der Verbesserung des Erbguts, die zu NS-Massenermordungen geführt hat. Der Hamburger Autor hat daraus einen spannenden Roman gestrickt. In seinem Werk schickt der Autor den deutschstämmigen US-Offizier Hansen nach Kriegsende auf die Spuren des Ex-Kommunisten und Rasseforschers Alfred Ploetz, der die Gesellschaft nach biologischen Maßstäben verbessern wollte. Doch verhandelt wird noch mehr: Gescheiterte Sozialutopien, das Verhältnis der Siegermächte zur deutschen Bevölkerung und die Fragen der Täterschaft.
Uwe Timms „Ikarien“ ist ein vielschichtiger Roman. Ein ambitioniertes Projekt, mit dem es der Autor es schafft, das Phänomen der Rassenlehre, die in einer unfassbaren Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten mündete, überhaupt erträglich und lesbar zu vermitteln.
Dafür bedient er sich der Autor einiger Kunstgriffe. Alfred Ploetz stellt er einen fiktiven Charakter zur Seite, einen Freund und späteren NS-Regimekritiker. Die detektivische Arbeit leistet wiederum ein junger US-Soldat namens Michael Hansen, ebenfalls eine erdachte Figur, an dessen Seite der Leser durch den Roman geführt wird. Und auch das Thema der (verhinderten) Liebe flechtet er in das Geschehen ein – ohne dabei dem Historienkitsch zu verfallen.
Komplex ist der Geschichte auch, weil die Frage nach dem Protagonisten nicht eindeutig beantwortet werden kann. Ist es der junge US-Offizier Michael Hansen, ein junger deutsch-stämmiger Literaturwissenschaftler, der 1945 in die letzten Gefechte kurz vor Kriegsende gerät und nach der deutschen Niederlage auf das Denken des Rassenhygienikers Alfred Ploetz angesetzt wird? Oder ist es Ploetz selbst, dessen paradoxes Leben und Wirken zwischen kommunistischer Sozialutopie und knallhartem Sozialdarwinismus im Mittelpunkt des Buches steht? Oder doch der Dissident Wagner, ehemaliger Weggefährte des Arztes, den Hansen intensiv befragt und dessen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit große Teile des Romans einnehmen? Schließlich ist Ploetz zu der Zeit der Handlung bereits seit fünf Jahren tot.
Sei’s drum, denn mit jeder Figur und jedem Erzählstrang versetzt uns Uwe Timm in eine andere spannende Szenerie. Mit Michael Hansen erleben wir die Stunde null in Deutschland, in der jeder versucht, sich aus der Affäre zu ziehen. Der Soldat stößt auf lange gewundene Ausreden und Angst, „meist in der Fäkalsprache.“ Und den Versuch, alle Beweise für die NS-Zugehörigkeit verschwinden zu lassen: „An der Tapete der gegenüberliegenden Wand ein helles Rechteck. Dort hat, wie überall, wo solche hellen Stellen zutage treten, das Hitlerbild gehangen.“
In einer Nicht-Zeit, in der eine Ordnung die anderen ablöst, nimmt er sich einiges raus: Beschlagnahmt wahllos ein Cabriolet, zieht in ein Herrenhaus am See und ignoriert zunehmend das Fraternisierungverbot mit dem Feind. Die deutsche Kunsthistorikerin Molly hat es ihm angetan, auch wenn ihm ein jäh unterbrochenes Techtelmechtel mit Catherine, die er in Amerika zurücklassen musste, noch nachhängt.
An’s Eingemachte geht es in den Interviews mit Karl Wagner. Der alte Mann erzählt, selbst der kommunistischen Idee treu geblieben, wie aus dem idealistischen Ploetz ein eiskalter Rassenforscher wurde. Gemeinsam haben sie in der Jungend in elitären Zirkeln den Utopien von Étienne Cabet nachgeeifert – eine reale Figur. Der Franzose gründete 1848 die sozialistische Kolonie „Ikarien“ in den USA.
Den enttäuschenden Besuch dieser Gemeinschaft verarbeiten beide auf ihre Weise. Alfred Ploetz kommt zu dem Schluss, eine Gesellschaft sei nur auf biologischem Wege zu Guten zu verändern. Die Züchtung des arischen Herrenmenschen galt ihm als sozialer Akt, das „Ausjäten der schwach Veranlagten“ entlehnte er Darwins „Kampf ums Dasein“. Was daraus entwachsen ist, wissen wir. Uwe Timm geht der Genese dieses Denkens so unterhaltsam wie möglich nach.
Im Nachwort verrät der Autor: „Die Anfänge des Projekts ‚Ikarien‘ reichen zurück bis in das Jahr 1978“. Stellenweise merkt man dem Roman an, dass Timm lange nach einer „fassenden epischen Struktur“ gesucht hat. Besonders die Interviewpassagen sind teilweise ermüdend. Amüsant ist, dass der Autor diese Kritik gleich mitliefert. Am Ende des Romans gibt Hansens Vorgesetzter ein Feedback zu dem Ploetz-Bericht: „Ich habe reingelesen, ist etwas viel von diesem, wie heißt er, Wagner, die Rede. Eher eine Doppelbiografie. Wird ein bisschen viel erzählt. Alle möglichen Seitenpfade.“ Einfach großartig.
Uwe Timm, 1940 in Hamburg geboren, ist ein deutscher Schriftsteller und bekannt für seine intelligenten Aufarbeitungen der deutschen Geschichte. In seinem zweiten Roman „Morenga“ (1978) thematisierte er die Kolonialgeschichte des heutigen Namibia. Immer wieder beschäftigt er sich mit der Nachkriegszeit. Alfed Ploetz war der Großvater seiner Frau, wodurch der Roman „Ikarien“ eine biografische Komponente hat. Foto: Ebener/dpa.
Uwe Timms Roman „Ikarien“ ist in Deutschland am 7. September 2017 im Verlag Kiepenheuerer&Witsch erschienen. „Ikarien“ hat in der gebundenen Fassung 512 Seiten und kostet 24 Euro.
Eine Buchkritik von Birger Hamann
Schon der Prolog hat es in sich: „Zum Vorschein kam eine beachtliche Palette von Folterinstrumenten, dutzendfach erprobt, manche von ihnen in liebevoller Detailarbeit selbst gefertigt: glänzende Messer, Flach- und Spitzzangen, Brenneisen, Kabel mit Elektroden... Dann ging er zu dem schwarzen Sack und öffnete den Reißverschluss. Er blickte in ein tränenverschmiertes Gesicht, das ihm zitternd vor Angst entgegen starrte.“
Nach drei Seiten, weiß der Leser, was ihn bei Mark Rodericks erstem Thriller erwartet: Eine Bestie, die mit Hingabe andere Menschen quält, foltert, tötet.
Diesem Sadisten sind die zwei Hauptfiguren auf der Spur, wissen zunächst aber nichts voneinander. Da ist zum einen Avram Kuyper, ein Profi-Killer, der eine seltsame Nachricht seines Bruders erhalten hat, die er ihm kurz vor seinem Tod zukommen ließ. Und dann gibt es Emilia Ness, eine Interpol-Agentin, die zufällig in den gleichen Fall hineingezogen wird.
Roderick erzählt die Geschichte von Kuyper und Ness in zwei unterschiedlichen Erzählsträngen, die sich mit jedem Kapitel abwechseln. Das hilft dem Leser, beide Charaktere gut kennenzulernen – mitunter etwas zu gut. Denn die Detailversessenheit des Autors führt dazu, dass die Handlung manchmal nur sehr langsam vorankommt. Auf Seite 244, also etwa nach der Hälfte des Buches, treffen Kuyper und Ness erstmals direkt aufeinander. Und ab diesem Zeitpunkt nimmt die Handlung Fahrt auf. Der Gesetzlose und die Gesetzeshüterin setzen nach und nach das Puzzle zusammen, das sie zu dem Sadisten führt.
Was sich Roderick dabei in puncto Brutalität und Grausamkeit ausgedacht hat, ist mit dem Begriff krank nur ansatzweise beschrieben. Die Spannung steigt von Seite zu Seite. Manchmal überschlagen sich die Ereignisse. Was in der ersten Hälfte des Buches an der einen oder anderen Stelle zu langsam voranging, geht in der zweiten hin und wieder zu schnell. Roderick verdichtet das Finale derart, dass seine beiden Hauptcharaktere nicht immer nachvollziehbar handeln. Trotz dieser Schwächen im Erzähltempo ist das Buch spannend und fesselnd. Thriller-Fans (mit sehr guten Nerven) dürften ihre Freude haben.
Mark Roderick, „Post Mortem – Tränen aus Blut“,512 Seiten, Fischer, 12 Euro.
Eine Buchkritik von Franziska Felsch
Lesen ist alles – der Spruch auf der ersten Seite passt zum Titel des vierten Romans von Veronica Henry „Liebe zwischen den Zeilen“. Geschichten, in denen Buchhandlungen im Mittelpunkt stehen, scheinen gerade „in“ zu sein, denn es ist nicht der erste Roman dieser Art, der im Zeitalter der Digitalisierung für handfeste Drucksachen wirbt. Nostalgie spielt auch in der kleinen Buchhandlung, um die es hier geht, eine große Rolle. „Nightingale Books“ ist eine Begegnungsstätte für die unterschiedlichsten Menschen in der englischen Kleinstadt Peasebrook, die gerne hier Zuflucht suchen, mit ihrem Kummer und ihren Träumen.
Die Tochter des Buchhändlers, Emilia, verspricht ihrem im Sterben liegenden Vater, seine Buchhandlung weiterzuführen. Doch angesichts der roten Zahlen, ist sie sich bald nicht mehr so sicher. Die 32-Jährige versucht, den Ruin abzuwenden, auch weil sie merkt, wie viel dieser besondere Ort den Menschen in dem verschlafenen Städtchen bedeutet. Ihr stehen Freunde und Stammkunden bei wie Sarah, die Inhaberin des Herrenhauses, die mit Julius eine heimliche Affäre verband, die schüchterne Thomasina, die gerne Kochbücher kauft und in den Käseverkäufer Jem verliebt ist und der Musiker Marlow, für den Emilia schon lange schwärmt. Natürlich wohnen nicht nur nette Leute in dem Bilderbuchort. Es kommt nicht überraschend, wenn ein ungehobelter, gieriger Großinvestor mitmischt, der das Grundstück haben will. Mit dem Fiesling kommt aber Spannung auf, denn der setzt einen smarten Frauenhelden auf die neue Inhaberin an, die dessen Avancen nicht ganz abgeneigt zu sein scheint. Liebevoll beschreibt die Autorin ihre Figuren, ihre Schwächen und Stärken. Beim Lesen wird schnell klar, dass Bücher Kraft schenken können und es sich lohnt der Liebe zu vertrauen.
Veronica Henry, „Liebe zwischen den Zeilen“, 366 Seiten, Diana Verlag, 9,99 Euro.
Eine Buchkritik von Wolfgang Stephan
„Es ist viel schwieriger, eine gute Fischsuppe zuzubereiten, als eine neue Identität zu bekommen“ – sagt Dr. Bernhard Sommerfeld, ein praktischer Arzt, der sich im beschaulichen Norddeich niedergelassen hat. Ein Doktor aus Leidenschaft. Er behandelt seine Patienten umfassend, ist nett – so sollten Mediziner sein.
Aber dieser sympathisch beschriebene Mann ist in Wirklichkeit ein gescheiterter Sohn eines Textilfabrikanten, der auch wegen der nervenden Neureichen-Gattin drauf und dran war, sich die Pulsadern zu öffnen. Doch irgendwie fand er das Leben dann doch spannend und fuhr mit dem Zug nach Nirgendwo, also nach Ostfriesland. Irgendwann war Endstation, eben in Norddeich-Mole. Da kam er innerlich zur Ruhe und beschloss noch einmal neu anzufangen. Weil er schon immer die Medizin spannend fand, ließ er sich als Arzt nieder. Geht nicht so einfach? Geht doch. Jedenfalls beim Autor Klaus-Peter Wolf.
Wolf? Ist das nicht? Genau. Seine Romanheldin heißt in zehn Bänden aus Ostfriesland Ann Kathrin Klassen, eine Kommissarin, die natürlich irgendwann auch Dr. Bernhard Sommerfeldt begegnet. Aber als Patientin. Und von dem Arzt, begeistert ist, denn der Mediziner liebt die Kunst. Er liest gern und viel. Literarische Zitate pflastern diesen Roman.
Aber irgendwann kommen erste Zweifel, denn eine Mordserie erschüttert Ostfriesland. Ziemlich brutale Morde, die aber auf den ersten Blick nichts miteinander gemeinsam haben. Bis auf den Täter: Dr. Bernhard Sommerfeldt.
Warum das verraten werden kann? Weil Klaus-Peter Wolf ein Experiment wagt: Er schreibt diesen Roman aus der Sicht des Täters, des Killers, des Ich-Erzählers. Vom ersten Satz an kennt der Leser den Mörder. Genial. „Totenstille im Watt“ steht zu Recht auf Platz eins vieler Krimi-Bestsellerlisten. Der letzte Satz des Buches macht so richtig Freude. Aber ganz anders als Sie jetzt denken.
Klaus-Peter Wolf, Totenstille im Watt, erschienen bei Fischer-Taschenbuch, 416 Seiten. ISBN: 978-3-596-29764-1, 9.99 Euro.