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54, männlich, Brustkrebs

Peter-Klaus Rambow hatte Brustkrebs. Aber er ging rechtzeitig zum Arzt. Jetzt will er aufklären, damit auch andere sich frühzeitig behandeln lassen. Foto: Klempow

Peter-Klaus Rambow hatte Brustkrebs. Aber er ging rechtzeitig zum Arzt. Jetzt will er aufklären, damit auch andere sich frühzeitig behandeln lassen. Foto: Klempow

„Kannst’ Dich ja nicht verrückt machen lassen.“ Peter-Klaus Rambow sagt das so, in seiner besonnenen Art. Und doch schwingt alles mit, in diesem einen Satz: Schrecken, Angst und die Hoffnung. Bloß nicht verrückt machen lassen von dieser Diagnose. Krebs.

Von Grit Klempow Samstag, 06.01.2018, 14:00 Uhr

Vier Jahre ist es her, dass Rambow eine Verhärtung an der Brust ertastete. Brustkrebs ist sehr selten bei Männern. Rambow spricht offen über seine Erkrankung. Damit auch andere Männer rechtzeitig zum Arzt gehen.

Peter-Klaus Rambow ist einer, der mitten im Leben steht. Einer, der Verantwortung übernimmt, sich als Ortsbrandmeister in Assel für andere starkmacht. Einer, dem es so gar nicht liegt, nicht selber zupacken zu können. Als er das erste mal eine Verhärtung an der Brustwarze spürte, half das vom Urologen verschriebene Antibiotikum. Zwei Jahre später, im Spätsommer 2013 half das Medikament nicht. Sein Urologe überwies ihn ins Elbe Klinikum, irrtümlich in die plastische Chirurgie. Bis Rambow einen Termin in der zuständigen Gynäkologie bekam, dauerte es knapp drei Wochen. „Da ist man natürlich schon angespannt“, sagt er. Die Diagnose: Brustkrebs.

Er wusste, dass Brustkrebs auch bei Männern auftreten kann. „Das hatte ich mal irgendwo gehört. Sonst wäre ich vielleicht gar nicht sofort zum Arzt gegangen“, sagt er. Der damals 54-Jährige musste zum Ultraschall und zur Mammografie in die Klinik Dr. Hancken in Stade. Schließlich lag auch das Ergebnis der Stanzbiopsie vor. Da hieß es „es ist bösartig und muss behandelt werden“. Er habe das relativ gut weggesteckt, sagt der 58-Jährige. Trotzdem gingen ihm Fragen durch den Kopf: „Warum hast Du das jetzt gekriegt, warum eine Frauenkrankheit?“ Irgendwann sagte er sich: „Du hast es, jetzt musst Du das Beste draus machen.“ Zeitgleich mit der Diagnose Brustkrebs spürte er aber auch viel Unsicherheit im Umgang mit seiner Krankheit. Denn Brustkrebs bei Männern ist selten.

Nur einen Fall pro Jahr behandelt Chefarzt Dr. Thorsten Kokott am Elbe Klinikum in Stade. Bundesweit sind es knapp 650. Zum Vergleich: Bundesweit erkranken im gleichen Zeitraum 70 000 Frauen an Brustkrebs. In Vorsorgeprogrammen, das Mammografie-Screening läuft für Frauen von 50 bis 69 Jahren, „sind Männer gar nicht vorgesehen“. Zu selten tritt die Krankheit bei Männern auf. Bei Männern wie Frauen gebe es einen genetischen Faktor, sagt Kokott über das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Wenn es bereits Krebsfälle in der Familie gab, ist auch das ein Risikofaktor. Unter bestimmten Voraussetzungen könnte eine genetische Untersuchung veranlasst werden. Ein verändertes Brustgen wäre eines der Hinweiszeichen. Weitere Risikofaktoren sind Übergewicht (Adipositas), eine Vergrößerung der Brustdrüse (Gynäkomastie), oder auch das Klinefelter-Syndrom, eine Geschlechtschromosom-Veränderung. Wie auch bei den Frauen, so lässt sich die Ursache für eine Brustkrebserkrankung beim Mann in sehr vielen Fällen nicht nachvollziehen.

Nichtsdestotrotz: Die Krankheit tritt bei Männern selten auf. Vorsorge ist kaum möglich. Das regelmäßige Abtasten der Brust habe auch bei Frauen nicht den gewünschten Effekt gehabt, erklärt Kokott. Denn: wenn Knoten zu fühlen sind, „ist es meist ein fortgeschrittener Befund“. Deswegen sei das Mammografie-Screening die bessere und viel frühere Vorsorge – für Frauen. Männer sind meist im Alter zwischen 70 und 80 betroffen. Wenn es Auffälligkeiten beim Abtasten der Brust gibt, stellt sich für die Männer die Frage: Wohin zur Diagnostik? „Das Problem ist, es gibt keinen Brustdoktor für den Mann“, sagt Kokott. Zum Urologen? Vielleicht doch zum Hausarzt? „Der könnte eine Mammografie und einen Ultraschall veranlassen. Ab da läuft es dann die gleichen Wege wie bei einer Frau“, beschreibt der Arzt den Ablauf von Diagnose und Behandlung.

Beinahe jedenfalls: „Was hinzu kommt, wenn man als Mann Brustkrebs hat: Auf der Gynäkologie war für mich kein Platz“, sagt Rambow. Es gab dort kein Zimmer für Männer. Also lag er auf der Urologie und hatte manchmal das Gefühl, dass „seine“ Station ihn gar nicht so richtig „auf dem Zettel hatte“.

Für Rambow steht im Herbst 2013 die Operation an – und damit verbunden dieses Wechselbad der Gefühle, mit dem jeder Patient und seine Angehörigen zu kämpfen haben, wenn die Diagnose Krebs heißt: Die Erleichterung, der Glaube, mit der Operation Hilfe zu bekommen, das Warten auf die Ergebnisse aus der Pathologie, gefolgt von der Ernüchterung, von Angst und neuer Hoffnung.

Mit Optimismus und Kraft hatte er der Operation entgegengesehen, in dem Bewusstsein, „das machst Du schon“. Nach dem Eingriff sieht es zunächst gut aus, dann heißt es, sieben Lymphknoten seien entnommen worden, die Pathologen hatten einen gefunden, der vom Krebs schon befallen war. Für Rambow stehen Chemotherapie und Bestrahlung an. Das zu verkraften, „war dann noch mal ziemlich heftig.“

Über seine Tochter, die zu der Zeit Medizin studierte und mittlerweile selbst Ärztin ist, holt er sich eine zweite Meinung. Dann heißt es wieder, alle Kraft zusammennehmen. Vier Wochen nach der Operation beginnt die Chemotherapie im Elbe Klinikum, die bis ins Frühjahr 2014 dauert. Im Dreiwochen-Rhythmus bekommt er für ein paar Stunden die Medikamente. Etwa eine Woche lang spürt er die starken Nebenwirkungen. Zwischendurch fährt der Elektroinstallationsmeister immer wieder zur Arbeit. „Hier zu Hause rumsitzen, das ist nichts für mich.“ Das geht bis zur vierten Chemo gut, dann aber braucht er die drei Wochen Pause, um sich bis zur nächsten Behandlung zu regenerieren. Die Bestrahlung schließt sich an.

Wie sehr ihn diese Zeit mitgenommen hat, will sich Rambow eigentlich nicht anmerken lassen. Die eine Träne wischt er ganz nebenbei weg. Peinlich ist sie ihm nicht, aber es soll ja nicht um seine Tränen, sondern um die Sache gehen. Da schwingt er wieder mit, dieser Satz: „Kannst’ Dich ja nicht verrückt machen lassen.“

Um Gewissheit auch für die beiden erwachsenen Kinder zu haben, lassen Rambows einen Gentest machen. In der Verwandtschaft hatte es bereits Krebsfälle gegeben. Wieder heißt es warten, zermürbend für die Familie. Dann das erleichternde Ergebnis: Der Brustkrebs ist nicht erblich. Ganz vorsichtig äußert Rambow den Verdacht, dass für seine Krebserkrankung das Aluminium im Deo verantwortlich ist. Jahrelang habe er es benutzt.

Rambow lebt mit der Krankheit. „Im Nachhinein habe ich mir gesagt: Hätte viel schlimmer kommen können. Es ist rechtzeitig erkannt worden, glücklicherweise.“ Das sei aber das Problem bei Männern, weil die „eben nicht rechtzeitig losgehen, wenn sie etwas merken. Schon gar nicht bei Brustkrebs“. Oft komme ein Schamgefühl dazu – ausgerechnet eine Frauenkrankheit. Wird der Brustkrebs aber zu spät wirklich erkannt und zu spät behandelt, kann die Krankheit tödlich verlaufen.

In der Reha lernte er Mitpatienten kennen, die ihre Narbe nicht in der Öffentlichkeit zeigen mochten und mit T-Shirt ins Schwimmbad stiegen. Rambow kennt dieses Schamgefühl nicht. Offen spricht er über seine Krankheit, nicht einen dummen Spruch hat er gehört. Wenn er vom Brustkrebs erzählt, reagieren die meisten erstaunt, dass es den bei Männern überhaupt gibt. Aber sein Hausarzt berichtete ihm von auffällig vielen Männern, die sich seitdem untersuchen ließen, um sicher zu gehen. „Genau das war mein Ansinnen, das bekannt zu machen, damit andere Männer davon profitieren können.“

Deshalb geht er auch an die Öffentlichkeit. Er selbst hat Unterstützung und Hilfe im Netzwerk „Brustkrebs beim Mann“ gefunden. Nach der ersten Reha nahm er Kontakt zum Netzwerk auf. „Da habe ich das Gefühl, ich bin nicht alleine mit der Krankheit.“ Bei ihren Treffen tauschen sich die Männer und auch ihre Frauen aus, knüpfen Freundschaften, geben ihre Erfahrungen und ihr Wissen um ihre Krankheit weiter. Das ist umso wichtiger, weil sie so selten auftritt. Zu Beginn seiner Hormontherapie wurden Rambow zum Beispiel falsche Tabletten verschrieben, „die bei Männern gar nicht wirken. Da gibt es nur ein Präparat“, weiß er inzwischen. Und gerade die Hormontherapie ist auch für das Gemüt nicht ohne.

Ein Arzt in der Reha sagte zu den Patienten über ihre Genesung und das Krebsrisiko: „Jetzt sind Sie wieder genauso mit im Lostopf drin wie jeder andere.“ Peter-Klaus Rambow erzählt das schmunzelnd. Er lebt sein Leben weiter wie bisher. Regelmäßig ist er zur Nachsorge bei Dr. Kokott im Elbe Klinikum Stade. Obwohl, auch das nicht einfach war: Die Nachsorge beim Gynäkologen ist für Männer nicht selbstverständlich. Rambow hatte Glück und bei der Kassenärztlichen Vereinigung einen Ansprechpartner, der sich kümmerte. Mit der Überweisung des Hausarztes kann er sich nun in der gynäkologischen Ambulanz behandeln lassen. Das klappt nicht überall so, hat Rambow von Mitpatienten erfahren.

Rambow weiß, Brustkrebs kann jeden Mann treffen. Egal, wie sportlich, wie gesundheitsbewusst er auch lebt. Sport soll sich aber auf den Verlauf der Krankheit positiv auswirken. Für das eigene Wohlbefinden sei das auf jeden Fall so, sagt Rambow, der einmal pro Woche zur Sportgruppe in Assel und zum Schwimmen geht. Dazu kommt sein Ehrenamt als Ortsbrandmeister, und die Asseler Feuerwehr ist mit 50 Aktiven, einer Jugend- und einer Kinderfeuerwehr nicht gerade klein. Rambow wird sich weiter für andere starkmachen, in der Dorfgemeinschaft, aber auch im Netzwerk. Das ist nun mal seine Art. Anpacken, mit ganzer Kraft – und versuchen, sich nicht „verrückt“ zu machen.

Das Netzwerk Brustkrebs beim Mann bietet im Internet Informationen und Kontaktmöglichkeiten:

www.brustkrebs-beim-mann.de

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