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Mein erstes Mal als Fährfrau

TMit Kraft und Kalli über die Oste

Um die 100 Jahre alte Prahmfähre an der Kette und mit Unterstützung der Strömung in Gräpel über die Oste zu ziehen, muss sich TAGEBLATT-Redakteurin Grit Klempow ins Zeug legen. Fotos: Beneke

Um die 100 Jahre alte Prahmfähre an der Kette und mit Unterstützung der Strömung in Gräpel über die Oste zu ziehen, muss sich TAGEBLATT-Redakteurin Grit Klempow ins Zeug legen. Fotos: Beneke

Die alte Fähre tuckert auf den Fluss hinaus. Der Motor arbeitet, ich lausche. Als Fährfrau auf der Oste braucht es ein gutes Ohr für den Takt eines alten Deutz-Diesels, Kraft in den Armen – und ein Gespür für die Gezeiten.

Samstag, 08.08.2020, 18:00 Uhr

Die Oste zwischen Elm und Osten – ein Sehnsuchtsort. Hier ist der Fluss genau richtig: Mit der Flut drängt das Wasser stromaufwärts, bei Ebbe fließt es kraftvoll gen Mündung. Es ist still hier zwischen den Deichen, pure Entschleunigung, im flachen Grün des Gezeitenlandes, weit weg von allem.

Weit weg ist gerade jetzt auch die Stille. Im Motorhäuschen der Prahmfähre Brobergen springt der Deutz-Diesel an und klopft und klopft und klopft im Leerlauf. Schneller noch klopft mein Herz. Ich bin aufgeregt. Als bekennender Oste-Fähren-Fan ist dieser Moment besonders. Das erste Mal Fährfrau auf der Oste. Mein Kapitän Karl („Nee, sach mal lieber Kalli“) Steffens ist mit Rat und Tat an meiner Seite. Ist auch besser so – vor Aufregung hätte ich fast vergessen, den Verkehr auf dem Fluss im Blick zu haben.

Das erste Manöver war erfolgreich

Aber von der einen bis zur anderen Flussbiegung ist nichts zu sehen. Ich packe die Kurbel, sie vibriert in der Hand – und überlege. Nach rechts drehen oder nach links? Kalli grinst verschmitzt und lässt seinen Finger kreisen. Ich drehe also die Kurbel nach links, bis die Schleifkupplung im Getriebe greift, der Motor legt im Takt zu, die Fähre fährt auf den Fluss hinaus. Das erste Manöver hat geklappt.

Kapitän Kalli schnackt auf Abstand mit den Fahrgästen, kassiert ist das Fährgeld (1 Euro pro Radfahrer) schon. Kapitän ist mein heutiger Chef-Fährmann wirklich. „Ich bin ein Kind der Oste“, sagt er. 47 Jahre hat er in Dänemark gelebt, war Kapitän auf Großer Fahrt. Musste er trotzdem die Prüfung für die ehrenamtlichen Fährleute in Brobergen ablegen? „Ja“, sagt Kalli und grinst verschmitzt. „Hab ich auch bestanden.“ Unsere ganz kleine Fahrt ist gleich beendet, ich muss Tempo rausnehmen.

Eine Hand an der Kurbel gilt es auf den Takt des alten Deutz-Motors zu lauschen.

Eine Hand an der Kurbel gilt es auf den Takt des alten Deutz-Motors zu lauschen.

Hilfe! Kalli!

Der Schiffsoldtimer von 1924, der Sturmfluten und Eisgang kennt, hat nur einen Vor- und einen Rückwärtsgang. Weil er an einem Stahlseil hängt, das die Ufer verbindet, genügt das auch. Das heißt aber nicht, dass ich den falschen Gang erwischen will. Mit der Fähre auf die Zufahrt zu brackern und festzusitzen – das soll mir als Fährfrau besser nicht passieren. Also jetzt andersrum kurbeln. Aber welches andersrum? Andere Hand, andere Richtung, anderer Blick. Hilfe! Kalli! Der hat das große Fragezeichen auf meinem Gesicht längst gesehen, sein Zeigefinger kreist, ich drehe nach rechts, bis die Kupplung nicht mehr greift. Der Motor beruhigt sich, ich auch. Die Landeklappe setzt auf Broberger Seite sacht auf, die Radfahrer schieben los.

Es ist Freitagnachmittag, Wattewolken am Himmel und als Spiegelbild auf dem glatten Wasser. Neue Fahrgäste kommen an Bord, ganz schön viel Betrieb hier. Auch Pendler nutzen täglich zwischen 10 und 18 Uhr die Fähre, weil die Bundesstraße 74 derzeit gesperrt ist. „Na, denn mal wieder los“, sagt Kalli. Sicherungskette festklicken, freie Fahrt feststellen, Kurbel drehen, ablegen, Kurbel drehen. Warten. Zu früh, noch mal andersrum kurbeln, Schwung holen, Kupplung wieder raus. Kalli zeigt auf sein Ohr.

Entschleunigung, sofort

„Du musst auf den Motor hören.“ Anlegen – geschafft. Ganz langsam stellt sich fast Routine ein. Für eine Pause machen wir auf der „Bremervörder“ Seite beim Fährkrug den Motor aus. Hier liegt die Fähre sicher zwischen den Dalben, ich darf mit der Fernsteuerung die Seilwinde am Ufer anschalten und das Fährseil absenken, das Drahtseil verschwindet im Wasser und ist keine Gefahr mehr für den Schiffsverkehr auf der Oste. Bei auflaufendem Wasser ist die Oste hier vier Meter tief, bei Ebbe nur zwei Meter.

Ein Blick aufs Wasser genügt. Entschleunigung, sofort. Die Oste ist schön, immer. Neue Fahrgäste beenden die Pause. Es gibt auch andere Tage, an denen kaum Betrieb ist. Wir hissen das Seezeichen, schwarze Metallscheiben, die allen anderen Skippern signalisieren, dass die Fähre nicht manövrierfähig ist, wenn sie unterwegs ist. Alle Seezeichen ordnungsgemäß, die Ketten geschlossen, ich darf das Seil per Fernbedienung straffen und den Motor starten. Ich kassiere das Fährgeld, verbuche es im Logbuch, kontrolliere den Verkehr und lege ab. Kinners, ich kenne mich aber auch aus! Meine Euphorie bekommt sofort einen Dämpfer.

Fährmann im Ehrenamt : Karl, Kalli, Steffens kassiert das Fährgeld.

Fährmann im Ehrenamt : Karl, Kalli, Steffens kassiert das Fährgeld.

Gespür für Gezeiten

Am anderen Ufer steht Antje Rieckmann vom Vorstand des Fährvereins Brobergen, der den charmanten Oldtimer mit seinen Ehrenamtlichen in Fahrt hält. Sofort bin ich nervös – eine Vereinschefin will ich nun auch nicht vom Anleger schubsen. Aber Kalli ist zur Stelle und gibt mir das richtige Zeichen. Ich nehme kurbelnd Fahrt raus, lausche auf den Takt des Motors, die Rampe der Fähre schiebt sich die Auffahrt hinauf – geschafft. Antje Rieckmann lächelt.

Sie ist auf dem Weg zum Fährkrug, wo Kaffee, Kuchen und Eis serviert werden. Ich habe Glück, so lange das Wasser aufläuft, ist das Anlegen leichter, und es lagert sich auch kein rutschiger Schlick auf den Specken ab. Gerade als ich ein bisschen Gespür für die Gezeiten und Gehör für den Motor entwickelt habe, ist meine Zeit als Fährfrau in Brobergen schon um. Kalli lächelt. „An und für sich bist du ganz gut anlernbar.“ Siehste wohl.

Großes Lob für die Fährfrau-Novizin

Mit dem großen Lob und meinem neuen Gespür für einen alten Deutz-Motor fahre ich stolz zum nächsten Einsatz. In Gräpel warten Fährmann Hans Genrich und sein Helfer Benjamin Kiaups auf der Prahmfähre. Mit meinem Motorgehör werde ich hier schon mal gar nichts. Der stählerne Prahm ist so gut wie leer. Allein die Alukiste an Bord kenne ich aus Brobergen. Hier wie dort sind darin Rettungswesten griffbereit. Vom anderen Ufer ertönt eine Glocke, schon legen wir zur ersten Fahrt ab. Ohne Motor. Hans und Benjamin greifen abwechselnd in die Kette, der Prahm gleitet auf den Fluss, rasselnd läuft eine Kette über ein Lager in der Mitte der Bordwand, Hans und Benjamin ziehen den Prahm mit Muskelkraft hinüber.

Ich schnappe mir bei der nächsten Tour die Arbeitshandschuhe und greife auch in die Kette. Es passiert...fast nichts. Wie bitte? Jahrelang habe ich geschrieben, dass die Kraft der Gezeiten und des Fährmanns den Koloss über die Oste gleiten lassen. Ich bin kein Kraftprotz, aber dass wir so gar nicht vorankommen? Fährmann Hans guckt auf den Fluss. Die Ladung Treibsel, die gerade noch flott Richtung Elm unterwegs war, ruht in der Flussmitte wie auf einem See.

Es ist ein bisschen unheimlich

Keine Strömung. Kenterwasser. Hans zeigt auf das Ufer: „Da ist es zuerst zu sehen.“ Tatsächlich. Gezeitenwechsel. Das Schilf steht bereits im ablaufenden Wasser. „Wir müssen die Kette umlegen“, sagt Hans. Der Prahm hat auf beiden Seiten Führungen für die Kette. Um die Kraft der Strömung flussabwärts nutzen zu können, legt Hans die Kette nun um auf die Backbordseite.

An der Fährstelle Gräpel, wo Familie Plate vom benachbarten Gasthaus Osteblick die Fähre betreibt, liegt die Kette auf dem Flussgrund und ist an beiden Ufern verankert. Querstreben helfen, die Fahrtrichtung so nachzubessern, dass der Prahm auch jeweils die Auffahrt trifft. Ein bisschen unheimlich ist es, ein so großes Gefährt in Schwung zu bringen – ohne ein Steuer oder eine Bremse zu haben. „Wir haben doch die Kette“, beruhigt Hans. Auch, wenn der Prahm mal knapp neben der Rampe landet, kann er ihn an der Kette zurück in Position ziehen. Er mag seinen Job sichtlich.

Fährmann Hans Genrich in Gräpel ist sich sicher: „Einen besseren Arbeitsplatz gibt es nicht.“

Fährmann Hans Genrich in Gräpel ist sich sicher: „Einen besseren Arbeitsplatz gibt es nicht.“

Heimliche Verschnaufpause

„Du bist immer draußen, lernst viele nette Leute kennen, die das hier einfach genießen“, sagt er. Die nächsten Genießer schieben ihre Fahrräder auf den Prahm. Also, jetzt noch mal ich mit Ebb-Schwung. Ich werfe die Kette hinten aus der Führung ins Wasser, gehe nach vorne, packe zu und ziehe. Schritt für Schritt stemme ich mich rückwärts bis zum Rolllager, über das die Kette wieder im Fluss verschwindet. Zurück nach vorne, Kette greifen, ziehen. Jetzt haben wir ordentlich Fahrt, der Schwung reicht bis zum Anleger. Hans und Benjamin treten auf einen Hebel und lassen sacht die Rampe herunter, das bremst auch.

Obwohl der Oste-Ebbstrom hilft – das Ziehen ist anstrengend und geht in die Arme. Schon wieder wollen Ausflügler übersetzen und zurück nach Bremervörde radeln. Den kurzen Klönschnack nutze ich als heimliche Verschnaufpause und überlasse die Kette wieder ganz Hans und Benjamin. Es ist Ferienzeit, die Fähre in Gräpel ein beliebtes Touristenziel. Die nächsten warten schon am anderen Ufer.

Trotz des Betriebs ist es jedes Mal besonders, wenn der 100 Jahre alte Prahm auf den Fluss gleitet, die Kette rasselt, der Abendwind sachte durch das Laub der Bäume rauscht. Die Oste entschleunigt. Jedes Mal neu. „Einen besseren Arbeitsplatz gibt es nicht“, sagt Hans. Ich kann es ihm nachfühlen. Meinen Fährdienst beende ich mit einem neuen Gespür für die Gezeiten und der Gewissheit, dass ich auf die Ostefähren zurückkomme. Vielleicht sogar irgendwann als ehrenamtliche Fährfrau, aber auf jeden Fall zum Genießen und Entschleunigen.

www.plates-osteblick.de

www.faehre-brobergen.de

Mit Kraft und Kalli über die Oste

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