TNach den Wolfsrissen ist der Frust bei Nutztierhaltern groß
Die Provinzwerkstatt hatte das Wolfsmanagement zum Thema. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Die Wolfsrisse vom Wochenende prägten die Stimmung am bei der Provinzwerkstatt in Hüll. Gut 50 Interessierte waren da, um sich über ein wirksames Wolfsmanagement auszutauschen. Angesichts der 55 toten Schafe war das Thema fast schon obsolet.
Eingeladen hatte die Provinzwerkstatt, ein Verein, der sich im Oktober 2021 gegründet hat und bereits mit mehreren Veranstaltungen in der Kehdingen-Oste-Region zum Perspektivenwechsel eingeladen hat. Beim Thema Wolf dominierte am Montagabend die Perspektive der Tierhalter: Sie haben genug vom Wolf.
Dass das Thema den Menschen auf den Nägeln brennt, bestätigt die Stader SPD-Landtagsabgeordnete Corinna Lange. „Bis ich in den Landtag gewählt wurde, stand ich dem Wolf neutral gegenüber“, erzählt sie. Inzwischen habe sie erfahren, dass es in Niedersachsen das wichtigste Thema sei, die meisten Anfragen kämen von Bürgern und Bürgerinnen, die Angst haben vor dem Wolf.
Abgeordnete: Der Erhaltungszustand ist erreicht
Nach groben Schätzungen leben 1500 Wölfe in Deutschland, 500 in Niedersachsen. „Ich bin der Auffassung, der Erhaltungszustand ist damit erreicht“, sagt SPD-Landtagskollegin Karin Logemann aus der Wesermarsch. „Wir müssen das aktive Wolfsmanagement so regeln, dass es weniger Übergriffe gibt.“ Zwischen Rissereignis und amtlicher Bestätigung, dass ein Wolf Urheber ist, vergehe viel zu viel Zeit. „Wir müssen schneller handeln, denn der Wolf kehrt wieder zurück. Nach einem solchen Vorfall müssen Wölfe entnommen werden.“
Der Wolf wird ganzjährig geschont
Wolfsmanagement und Arbeitskreisen zum Trotz nimmt die Zahl der Wölfe weiter zu und damit auch die Anzahl der Risse. Seit 2021 unterliegt der Wolf dem Jagdrecht, bleibt aber ganzjährig geschont. „Keiner versteht, dass der Wolf über allen Tieren steht“, sagt Claus Seebeck, CDU-Landtagsabgeordneter aus Geestland.
Der Frust ist groß an diesem Abend: Einer verweist auf europäische Länder mit kleinerem Wolfsbestand, in denen aber Wölfe geschossen werden dürfen. Ein Schäfer erzählt von Mobbing in sozialen Netzwerken und von behördlichen Kontrollen nach gemeldeten Rissen. Andreas Rathjens, Landwirt aus Sittensen, wundert sich, dass innerhalb kürzester Zeit LNG-Terminals genehmigt werden, aber beim Wolf gehe es nicht voran. „Wir sollten eine Soko Wolf direkt bei der Staatskanzlei einrichten, mit Fachkompetenz und finanziellen Mitteln, um schnell reagieren zu können.“
Forderung nach wolfsfreie Zone am Deich
Der Kehdinger Oberdeichgraf Albert Boehlke erklärt: „Dem Wolf ist kein Vorwurf zu machen. Aber er hat keine Scheu vor Menschen. In anderen Ländern wird Einhalt geboten, wenn der Wolf zu weit geht.“ Der SPD-Kommunalpolitiker berichtet vom Gespräch mit Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) vor zwei Wochen: „Weil hat eine klare Meinung: Er will eine wolfsfreie Zone am Deich.“
Wie berichtet, trafen Weil und sein Umweltminister Christian Meyer (Grüne) kürzlich Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne). Noch im Herbst wolle sie Lösungsvorschläge auf den Tisch legen, die den Artenschutz nicht infrage stellen, aber den Weidetierhalterinnen und Weidetierhaltern schnell und effektiv helfen.
Schwierige Individualisierung per DNA-Probe
Kritisiert wird die Bürokratie. Schon jetzt sei die Entnahme möglich, berichtet Seebeck. Dafür braucht es nach dem Bundesnaturschutzgesetz und höchstrichterlichen Urteilen die mehrfache Individualisierung eines konkreten Wolfes per DNA-Probe. „Wenn der falsche Wolf geschossen wird, erhöhen sich die Probleme“, so Seebeck. Er schlägt vor, die Haltung von Herdenschutzhunden finanziell zu unterstützen. Davor warnen andere. Es sei ja schon schwer, einen Tierarzt zu finden, der bereit sei, diese Hunde zu behandeln. Andere schlagen vor, Wölfe zu besendern, um Problemtiere zu finden. Die Machbarkeit wird bei 500 Wölfen infrage gestellt. Zum Schluss meldet sich ein Schäfer zu Wort: „Wir hatten im letzten Winter drei Übergriffe. Die Grundsicherung war gegeben, wir wurden entschädigt. Doch für mich ist die Diskussion unerträglich. Wie lange es dauert, Lösungen zu finden.“