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Pandemie

TTrotz steigender Zahlen: Corona-Lage im Landkreis Stade noch nicht alarmierend

Die Intensivstationen der Elbe Kliniken sind voll – aber nicht wegen der Corona-Fälle. Gleichwohl müssen Kapazitäten wegen Corona freigehalten werden. Foto: Hajduk

Die Intensivstationen der Elbe Kliniken sind voll – aber nicht wegen der Corona-Fälle. Gleichwohl müssen Kapazitäten wegen Corona freigehalten werden. Foto: Hajduk

Die Corona-Inzidenz steigt weiterhin leicht, doch alarmierend ist die Situation in der Region noch nicht, sagt der Ärztliche Direktor der Elbe Kliniken Stade, Dr. Sebastian Philipp. Die Intensivstationen seien zwar voll, aber nicht wegen der Corona-Patienten.

Von Wolfgang Stephan Freitag, 05.11.2021, 19:30 Uhr

Derweil klagen die Hausärzte über die Wirren bei den Booster-Impfungen.

Die Lage im Landkreis Stade: Am Freitag lag die seit Montag immer leicht gestiegene Inzidenz bei 82, am Sonntag lag sie immer noch bei 76. Nach den Angaben der Kreis-Dezernentin Susanne Brahmst gibt es auch in der derzeitigen Situation keinen Hotspot. Noch vor Monaten war Stade ganz oben in der Corona-Statistik, jetzt ist es Buxtehude mit 107 vor Stade mit 58 Fällen. Auffallend, so die Dezernentin, dass vor allem Familien und Kinder betroffen seien. Im Kreisgebiet betrifft das unter anderem fünf Grundschulklassen und zwei Kindergärten: Besonders tangiert ist der Kindergarten „Wilde Hummel“ in Buxtehude mit 27 Kindern in Quarantäne.

Aktuell gibt es im Kreisgebiet auch sogenannte „Impf-Durchbrüche“, Menschen, die Corona-Symptome haben, obwohl sie geimpft sind. Aber: Bei ihnen seien die Verläufe deutlich schwächer als bei Nicht-Geimpften, so die Dezernentin.

„Die Intensivstationen sind brechend voll“

Das wird auch vom Elbe Klinikum bestätigt. Am Freitag lagen sieben Menschen mit Corona-Infektionen stationär in den Kliniken in Stade und Buxtehude, eine Person musste beatmet werden. Nach Einschätzung von Sebastian Philipp hätten die schweren Corona-Erkrankungen seit Wochen vor allem die Nicht-Geimpften getroffen. Bei den jüngeren Patienten seien nahezu alle nicht geimpft gewesen.

Einerseits sei aktuell die Fallzahl der Corona-Erkrankten in den Elbe Kliniken nicht alarmierend, gleichwohl aber Corona ein großes Thema, weil Intensivbetten freigehalten werden müssen, die dringend gebraucht werden. Philipp: „Die Intensivstationen sind brechend voll.“ Was nicht heißt, dass alle Plätze belegt sind. Philipp: „Weil uns das Pflegepersonal fehlt, können wir nicht unsere volle Kapazität nutzen.“

Angespannte Lage in den Arztpraxen

Das Problem haben viele Kliniken. Bundesweit fehlen nach Berechnungen der Gewerkschaft Verdi über 80.000 Stellen im Pflegedienst der Krankenhäuser. Kliniken-Pflegedirektor Bernd Lambrecht: „Von unseren Planstellen im Pflege- und Funktionsdienst sind durchschnittlich 95 Prozent besetzt. Es gibt jedoch auch Bereiche, wie beispielsweise die Intensivstationen oder die OPs, in denen es aktuell zu größeren Vakanzen kommt, weshalb wir diese Bereiche mit qualifizierten Leiharbeitskräften unterstützen und verstärkt auf der Suche nach Fachpersonal sind.“

Im vergangenen Jahr haben beispielsweise 14 Fachkräfte mit entsprechendem Studium aus den Philippinen ihre Tätigkeit bei den Elbe Kliniken begonnen, elf haben bereits die deutsche Examensanerkennung erhalten.

Die Lage in den Arztpraxen: „Die ist extrem angespannt“, sagt Dr. Stephan Brune, Sprecher der niedergelassenen Ärzte. Weil die Verunsicherung in der Bevölkerung wegen der Auffrischungsimpfungen groß sei, gebe es erheblichen Beratungsbedarf. Das Problem seien die unterschiedlichen Einschätzungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) und vieler Politiker gewesen, die die sogenannten „Booster-Impfungen“ schon bei Menschen ab 60 Jahren empfehlen, worauf sie sich gestern auch auf Bundesebene geeinigt haben.

Brune: „Trotz dieser am Freitag von den Gesundheitsministern empfohlenen Booster-Impfung für alle Geimpften gilt für die Ärzteschaft weiterhin die Empfehlung der Stiko.“ Eine Änderung gebe es erst, wenn auch die Stiko eine entsprechende Empfehlung gebe. Es sei für die Ärzteschaft außerordentlich problematisch, dass die Patienten nach den geltenden Leitlinien beraten werden, um dann von der Politik mit immer neuen Varianten überrascht zu werden.

Die Ärzte impfen die über 70-Jährigen und Vorerkrankte – allerdings frühestens nach sechs Monaten nach der zweiten Impfung. „Brune: „Die Politiker helfen uns in diesen Zeiten mit ihren Statements wirklich nicht.“

 Mobiles Impfteam im Landkreis unterwegs

Die Bitte der Ärzteschaft an die Bevölkerung: „Prüfen Sie den sechsmonatigen Abstand anhand Ihres Impfpasses oder der digitalen Impfdokumentation und nehmen Sie erst Kontakt zu Ihrer Arztpraxis auf, wenn Sie tatsächlich an der Reihe sind.“ Brune: „Die Booster-Impfung ist wichtig, aber es ist nicht nötig, dass man exakt ein halbes Jahr nach der zweiten Impfung die Praxis aufsucht.“ Die Menschen sollten den Arztpraxen einen zeitlichen Spielraum zugestehen, denn neben den planbaren Corona- und Grippe-Impfungen werde der Praxisalltag aktuell durch eine aufkommende Infektwelle bestimmt.

Neben den niedergelassenen Ärzten impft derzeit auch ein mobiles Impfteam des Landkreises vor allem in Pflegeeinrichtungen, aber auch öffentlich, wie vor einer Woche im Altländer Viertel in Stade. Dass in Pflegeheimen mitunter noch ungeimpftes Personal arbeite, sieht Susanne Brahmst äußerst kritisch: „Ich habe dafür kein Verständnis.“ Alleine die Berufs-Ethik verlange, dass niemand zu Schaden komme, der gepflegt werde. Brahmst: „Wir können nur an die Beschäftigten appellieren, sich impfen zu lassen, denn eine rechtliche Handhabe gibt es für die Arbeitgeber nicht.“ Nicht einmal die Frage nach dem Impfstatus ist nach dem Datenschutz erlaubt.

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