Bützfleth in den Tagen nach der Tat
Die ehemalige Beamtensiedlung In der Kolonie im Süden von Bützfleth. In einem der roten Häuser wurde der 19-jährige Afghane am Sonnabend von einem Polizisten erschossen. Oben verläuft der Obstmarschenweg; rechts geht es nach Stade, links n
Der Polizeieinsatz in einer Asylbewerberunterkunft in der Stader Ortschaft Bützfleth, bei dem ein 19-jähriger Afghane ums Leben kam, beherrscht nach wie vor das Gespräch im Ort. Ehrenamtliche und Kirchenleute betreuen die Flüchtlinge – doch das gestaltet sich mitunter schwierig.
Die Ermittlungen der Polizeiinspektion Cuxhaven und der Staatsanwaltschaft Stade laufen auf Hochtouren. Dieser Tage finden Vernehmungen und Gespräche statt. Die am Tatort dokumentierten und sichergestellten Spuren werden ausgewertet, um das Geschehen rekonstruieren zu können. Auch das Ergebnis der Obduktion von der Rechtsmedizin beim Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wird in die Gesamtbetrachtung einfließen.
In den kommenden Tagen und Wochen werde es keine Neuigkeiten für die Öffentlichkeit geben, sagt Oberstaatsanwalt Kai Thomas Breas. Die vielfach diskutierte Frage, wie viele Schüsse gefallen sind, werde er nicht kommentieren. Hier gelte es, die Ermittlungen abzuwarten. Der Sprecher der Stader Staatsanwaltschaft rechnet damit, dass diese einige Monate in Anspruch nehmen werden.
„Die Betroffenheit ist groß“, berichtet Bützfleths Ortsbürgermeister Sönke Hartlef (CDU). „Alle reagieren sehr sensibel.“ Gleichwohl würden die Bützflether vernünftig mit der Situation umgehen. Die Stadtverwaltung habe den Flüchtlingen und den ehrenamtlichen Helfern viel Unterstützung angeboten. „Da ist einiges angeschoben“, sagt Hartlef. Die fünf Mitbewohner des Getöteten sind in der Innenstadt untergebracht – auf ihren Wunsch gemeinsam in einer Unterkunft. Die Akzeptanz der Asylbewerber in Bützfleth sei weiterhin hoch, trotz der geballten Unterbringung in der ehemaligen Beamtensiedlung In der Kolonie. Hartlef: „Die Nachbarn haben mir bestätigt, dass es dort keine Auffälligkeiten gab.“
Die Pastorin der evangelischen Kirchengemeinde in Bützfleth, Heike Kehlenbeck, leistet den Flüchtlingen seelsorgerischen Beistand. „Mein Eindruck ist, dass das Leben hier im Ort relativ unbeeindruckt weitergeht“, sagt sie. Das Vertrauen in den Rechtsstaat sei groß, Aufruhr gebe es nicht. Allerdings warnt die Pastorin davor, die Ehrenamtlichen zu überfordern: „Es gibt Grenzen des ehrenamtlichen Engagements.“ Die Flüchtlinge bräuchten eine psychologische Betreuung, dies müssten externe Experten übernehmen.
„Die Kontinuität in der Zusammenarbeit ist schwierig“, sagt denn auch der in der Flüchtlingsarbeit engagierte Sozialarbeiter Herbert Wärtsch, der bis vor kurzem selbst in Bützfleth gelebt hat. Termine würden vonseiten der Asylbewerber bisweilen nicht eingehalten, der Gesprächsfaden reiße schnell ab. „Sie haben ihren eigenen Kopf, lassen sich nicht so einfach begleiten.“ Das gelte für ärztliche Therapien ebenso wie für pädagogische Projekte. Teilweise stünden die Flüchtlinge unter familiärem Druck: Sie sollen Arbeiten und Geld verdienen anstatt zu lernen, damit sie der Familie das ausgelegte Geld für die Schlepper zurückzahlen können.
Hinzu kommt: „Die Ehren- und Hauptamtlichen bekommen gar nicht alles mit.“ Was Traumata angehe, falle eine psychische Erkrankung bei einem ersten Kennenlernen häufig gar nicht auf. „Wir bemerken das erst, wenn sie Aussetzer haben“, sagt Wärtsch. „Sie fühlen sich schlecht, können sich in Bezug auf ihre Erkrankung aber nicht ausdrücken.“
Ein großes Problem seien die langen Wartezeiten bei Psychiatern und Psychotherapeuten. In akuten Fällen gebe es zwar die Möglichkeit zu Erstgesprächen, doch es bestehe ein Mangel an langfristigen Therapieplätzen. Mit Zuschüssen und Spenden finanzierte Plätze, etwa über die Arbeiterwohlfahrt, seien eine wichtige Hilfe, letzten Endes aber auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Sprachbarriere erschwere eine Therapie zusätzlich.
Bei Minderjährigen seien die Möglichkeiten zur Begleitung und Betreuung intensiver. Volljährige, die nicht mehr unter die Grundsätze der Jugendhilfe fallen, hätten es hier schwerer. Darüber hinaus seien vielen jungen Erwachsenen die Hilfsangebote gar nicht bekannt.
Dass wiederholt offenbar psychisch kranke Flüchtlinge durch Gewalttaten auffallen, sei ein Problem, das nicht vor Ort gelöst werden könne, sagt Wärtsch. Nötig wäre nach Ansicht des Sozialarbeiters eine intensivere Begleitung und Betreuung. Dies könnten aber nicht nur die Ehrenamtlichen leisten. Andererseits fehle der Druck auf die Asylbewerber – etwa, wenn sie Termine nicht wahrnehmen und wochenlang nicht mehr auftauchen. Wärtsch kommt zu der bitteren Erkenntnis: „Das Prinzip der freiwilligen Teilnahme funktioniert nicht.“