TWenn hier das Telefon klingelt, muss es schnell gehen
Volle Konzentration auch mitten in der Nacht : Disponent Andre Holst an seinem Arbeitsplatz in der Feuerwehr- und Rettungsleitstelle des Landkreises in der Stader Ortschaft Wiepenkathen. Foto: Beneke
In Wiepenkathen laufen alle Anrufe der Notrufnummer 112 im Landkreis Stade auf: In der Feuerwehr- und Rettungsleitstelle herrscht rund um die Uhr volle Konzentration. Wenn hier das Telefon klingelt, ist es meistens ernst.
Die Leitstelle ist im ersten Obergeschoss des unscheinbaren Landkreis-Komplexes am Ohle Kamp im Stader Stadtteil Wiepenkathen untergebracht. Drei von fünf Arbeitsplätzen sind besetzt: Die Disponenten Thorsten Bruns, Andre Holst und Wilfried Hoops bestreiten diese Schicht gemeinsam. Es ist still, das Licht gedimmt. Auf einem Bildschirm der Videowand laufen Unwetterwarnungen ein, doch keine betrifft den Landkreis Stade. Auf einem anderen sind die Spätnachrichten zu sehen, der Ton ist ausgeschaltet. Daneben die Bilder der Überwachungskameras des Gebäudes. Ein Fenster ist weit geöffnet, aus der Ferne wummern Bässe durch die tiefschwarze Nacht. Auf dem Gelände befinden sich auch die Feuerwehrtechnische Zentrale und die Rettungswache des Deutschen Roten Kreuzes. Alle Rettungswagen stehen in der Fahrzeughalle.
Corona gehört zum Alltag
Draußen nieselt es, drinnen steht die CO2-Ampel auf Grün. Seit der Pandemie ist Lüften noch einmal mehr das Gebot der Stunde. „Corona ist Tagesgeschäft geworden“, sagt Disponent Andre Holst, während er Einsatzprotokolle ausdruckt, locht und abheftet. Anrufe von ratsuchenden Bürgern seien aber inzwischen die Ausnahme geworden. Selbst in der Nacht, nachdem bekannt geworden ist, dass 800 Menschen nach einem Diskothek-Besuch zum Test müssen. Auch das Leitstellen-Team spürt die Auswirkungen der Pandemie. Viele der umfangreichen Ausbildungslehrgänge, die insbesondere die neuen Teammitglieder zu absolvieren haben, werden zurzeit nicht angeboten. Praktika bei Partnerorganisationen sind kaum möglich. Weil mit der Elbe eine stark frequentierte Bundeswasserstraße zum Einsatzgebiet gehört, sind unter anderem besondere Kenntnisse in der Wasserrettung Pflicht.
Wilfried Hoops.
20 Disponenten sind in zwei Schichten rund um die Uhr im Dienst, hinzu kommen tagsüber zwei EDV-Spezialisten und zwei Mitarbeiterinnen, die sich um die Abrechnung der Rettungsdiensteinsätze mit den Krankenkassen kümmern. Zwischen 7 und 19 Uhr arbeiten in der Regel vier Disponenten, zwischen 19 und 7 Uhr drei. Zusätzlich sind immer drei Mitarbeiter in Rufbereitschaft, falls etwa wegen Unwettern die Personalstärke kurzfristig hochgefahren wird oder die Disponenten bei Großeinsätzen mit vielen Verletzten die Koordination der Rettungsmaßnahmen an der Unfallstelle und des Transports der Patienten in die umliegenden Krankenhäuser übernehmen. Platztechnisch gerät die Leitstelle inzwischen an ihre Grenzen. Noch im Herbst soll das Obergeschoss umgebaut, der Raum vergrößert und um zwei Arbeitsplätze erweitert werden.
Grüne Kacheln zeigen die verfügbaren Einsatzmittel
„Heute ist es verhältnismäßig ruhig“, sagt Holst. Ein spätabends aus dem Krankenhaus entlassener Patient ist inzwischen zu Hause angekommen, die Notfallsanitäter sind mit ihrem Rettungswagen auf dem Rückweg zur Buxtehuder Wache. Auf den geschwungenen Monitoren von Holsts höhenverstellbarem Arbeitsplatz sind Dutzende grüne Kacheln zu sehen. Es handelt sich um die verfügbaren Einsatzmittel: Rettungswagen und Feuerwehrfahrzeuge. Über das Programm Ivena werden freie Krankenhausbetten dargestellt. Das sei insbesondere in der Hochphase der Corona-Pandemie mit vielen Verlegungen von Infektionspatienten ein hilfreiches Instrument gewesen, sagt Holst.
Das Telefon klingelt. Ein Notruf geht ein. Disponent Thorsten Bruns nimmt das Gespräch an: „Notruf Feuerwehr und Rettungsdienst. Wo ist der Notfallort?“ Nach einem festen Frageschema werden die Notrufe erfasst, um alle wichtigen Informationen in möglichst kurzer Zeit zu erhalten. In diesem Fall leitet Bruns den Anruf weiter zur Leitstelle der Polizei in Lüneburg. Der Anrufer meldet sich aus einer Shisha-Bar in Buxtehude, er habe eine Trunkenheitsfahrt beobachtet. Auf Bruns’ Bildschirm erscheinen Nummer und Standort des Anrufers auf einer Karte. Selbst wenn die Verbindung abbrechen würde, könnte er sofort Hilfe schicken.
Thorsten Bruns.
„Emergency eye“ hilft beim Einschätzen der Situation
Inzwischen haben die Disponenten sogar die Möglichkeit, sich das Bild der Smartphone-Kamera des Anrufers auf ihren Arbeitsplatz übertragen zu lassen – sofern der Anrufer zustimmt und auf einen Link klickt, der ihm per SMS gesendet wird. Bei Bränden und Verkehrsunfällen habe er die Funktion „Emergency eye“ („Notfall-Auge“) schon genutzt, erzählt Holst. Das Bewegtbild helfe, die Situation präzise einschätzen zu können.
Von der Stader Leitstelle aus werden zudem niedersachsenweit die Meldungen ins modulare Warnsystem (Mowas) eingepflegt, das unter anderem die Katastrophenschutz-Warnapp Nina und Radiosender bedient. Wenn nach einem Bombenfund Evakuierungen anstehen oder während eines Brandes die Bürger gebeten werden, Fenster und Türen geschlossen zu halten, läuft das über Mowas.
Vielfältige Vorerfahrungen
Wieder klingelt das Telefon. Diesmal meldet sich ein Anrufer aus Stade. Ein Mann sei gestürzt. „Können Sie ihn mir mal bitte geben?“, fragt Holst. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Patienten schickt er per Knopfdruck einen Rettungswagen los. „Die Kollegen sind gleich da.“ Wäre der Betroffene nicht mehr bei Bewusstsein gewesen, hätte Holst den Anrufer angeleitet, den Patienten in die stabile Seitenlage zu bringen und gegebenenfalls eine Reanimation zu beginnen.
Die Disponenten bringen neben ihrer umfangreichen Ausbildung in Rettungsdienst und Feuerwehr ganz unterschiedliche Erfahrungen aus ihren früheren beruflichen Stationen mit. Holst war vorher im Rettungsdienst tätig, Bruns als Betriebssanitäter bei der Sietas-Werft und Hoops beim Objektsicherungsdienst des Kernkraftwerks.
Der nächste Notruf kommt aus Buxtehude. In der Altstadt ist ein Mann gestürzt, er blutet am Bein. Auch zu ihm schickt Holst einen Rettungswagen. Alltagsgeschäft in der Leitstelle.
Die 24-Stunden-Reportage
Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:
- Teil 1: Andruck beim TAGEBLATT
- Teil 2: In der Rettungsleitstelle
- Teil 3: Auf Stadersand
- Teil 4: In der Intensivstation
- Teil 5: Beim Brötchen-Imbiss
- Teil 6: Im Molkerei-Tankwagen
- Teil 7: Krafttraining beim BSV
- Teil 8: Packen des Verkaufswagens
- Teil 9: Der Spül- und Saugwagen
- Teil 10: Rattenfänger bei der Arbeit
- Teil 11: 1000 Essen in der Küche
- Teil 12: Im Oste-Sperrwerk
- Teil 13: Beim Mittagstisch
- Teil 14: Auf der Greundiek
- Teil 15: Bei der Wasserschutzpolizei
- Teil 16: Beim Minigolf
- Teil 17: Die DJ’s von der Elbe
- Teil 18: Beim Streetworker
- Teil 19: Beim Strandwächter
- Teil 20: Ausbildung zum Jagdhund
- Teil 21: Am Lühe-Anleger
- Teil 22: Katzen fangen
- Teil 23: Kneipen-Kehraus
- Teil 24: Der letzte Zug