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Die Namen der toten Kinder

„Polenkind“ steht im Friedhofsplan Assel über diesem Grab. Durch Michael Quelles Recherchen wurde bekannt, dass hier Ryszard Rozycki legt, der am 2. April 1942 starb. Er war fast genau ein Jahr alt und soll jetzt einen Grabstein bekommen. F

„Polenkind“ steht im Friedhofsplan Assel über diesem Grab. Durch Michael Quelles Recherchen wurde bekannt, dass hier Ryszard Rozycki legt, der am 2. April 1942 starb. Er war fast genau ein Jahr alt und soll jetzt einen Grabstein bekommen. F

Der Volkstrauertag ist dem Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft aller Nationen gewidmet. Grabmale können die Erinnerung daran lebendig erhalten. Nur wie, wenn es kein Grabmal gibt?

Von Anping Richter Samstag, 18.11.2017, 12:30 Uhr

Im Mai berichtete das TAGEBLATT über die vergessenen Gräber der Kinder von Zwangsarbeiterinnen, für die der Stader Michael Quelle sich um ein würdiges Gedenken bemüht. Anhand von Gräberlisten im Niedersächsischen Staatsarchiv und Einträgen in den Sterbebüchern der Gemeinden hat er die Namen und Sterbedaten vieler Kinder ausfindig gemacht.

Seine Bemühungen haben einiges in Bewegung gebracht: In mehreren weiteren Orten wird daran gearbeitet, vergessene Gräber der Babys von Zwangsarbeiterinnen zu finden, ihre Namen, Geburts- und Sterbedaten zu recherchieren und mehr über die Geschichte dieser Kinder und ihrer Eltern herauszufinden.

Das gestaltet sich in der Praxis nicht einfach. In Freiburg gibt es ein Gedenkfeld für die polnische Zwangsarbeiterin Maria Urbanski und drei verstorbene Kinder von Zwangsarbeiterinnen. Wie Pastorin Johanna Flade berichtet, hatte der Küster Günther Burwieck dort auch in der Vergangenheit schon Jahr für Jahr ein Gesteck niedergelegt. Die Grabplatte eines der Kinder hat er in einem Winkel des Friedhofs entdeckt: „Stanislaw Mikolajczak 21.04.1942 – 13.04.1944“. Für Anna Doroschinecz, die vom 21. April 1943 bis zum 26. April 1943, also nur vier Tage, lebte, fehlt eine Grabplatte, ebenso wie für den am 7. August 1943 verstorbenen Widhold Kesick. Sein Geburtsdatum ist nicht bekannt.

Pastorin Flade will die Namen der Kinder und das, was sie über die Geschichte der Zwangsarbeiter in Freiburg weiß, am Volkstrauertag am kommenden Sonntag verlesen. Nach dem Gottesdienst und der Kranzniederlegung am Ehrenmal soll es deshalb weiter zum Gedenkfeld gehen.

In Drochtersen-Assel hat Bürgermeister Mike Eckhoff bereits einen Ortstermin mit Jan Effinger vom VdK (Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge) und dem Kirchenvorstand hinter sich. Er erwartet einen ersten Entwurf des Steinmetzes für einen Grabstein für Ryszard Rozycki, der am 30. März 1941 geboren wurde und am 2. April 1942 in Assel starb. Die Verantwortung für Kriegsgräber liegt übrigens bei den Kommunen, Hilfestellung bei der Umsetzung des Gedenkens gibt der VdK.

In Steinkirchen hat Pastor Olaf Prigge bereits Fördermittel für zwei neue Grabplatten beantragt: Der polnische Offizier Waclaw Szelagowski liegt hier, wie kürzlich berichtet, begraben, bisher steht auf dem Grabstein aber nur „Hier ruht ein unbekannter Soldat.“ Außerdem geht es um ein kleines Mädchen, das Anna Gosse hieß, am 28. Mai 1944 in Brüssel geboren wurde und am 30. September 1944 in Guderhandviertel starb. „Es soll einmal einen Gedenkstein für sie gegeben haben, er ist aber verschollen“, berichtet Pastor Prigge.

Auch für die Stader Stadtarchivarin Dr. Christina Deggim, die zum vierköpfigen Beirat Nationalsozialismus in Stade gehört, der sich anhand von Michael Quelles Recherche vor Ort auf dem Friedhof in Wiepenkathen auf die Suche machte, ist die Recherche nicht leicht. „Wir standen mit dem Plan in der Hand auf dem Friedhof, haben uns alle Stellen angesehen, die infrage kamen und zwischendurch immer wieder telefonisch Daten abgefragt“, berichtet sie. Trotzdem habe kein Grab zweifelsfrei identifiziert werden können. „Eine Grabplatte an beliebiger Stelle würde dem Totengedenken widersprechen“, erläutert sie. Nun gebe es Überlegungen, eine Gedenktafel einzurichten – oder ein Totenbuch, in das die Namen der verstorbenen Kinder aufgenommen werden können.

In Jork hat Archivarin Susanne Höft-Schorpp die Namen der Kinder, die in den Sterbelisten stehen, die aber keine gemeldeten Gräber haben, verifiziert: Grina (möglicherweise auch Giena?) Baluwak, geboren 23.4.1944, gestorben 9.4.1945 in Jork; Alicja Tarabara, geboren am 4.2.1945, gestorben am 23.2.1945 in Jork; Ursula Oniske, geboren am 26.12. 1943 und gestorben am 11.5.1945 in Jork.Eine Gedenktafel ist in Vorbereitung. Mit dem Jorker Pastor Paul Henke hat Höft-Schorpp sich bereits besprochen. Er möchte die Konfirmanden sensibilisieren und wird am Sonntag mit ihnen den Gottesdienst zum Volkstrauertag gestalten. Über das Schicksal der Zwangsarbeiter hat er bereits mit ihnen gesprochen, an eine Beschäftigung mit den Lebensläufen sei für die Zukunft gedacht.

Michael Quelle ist froh, dass der Umsetzung eines würdigen Gedenkens mit solcher Aufgeschlossenheit begegnet wird. Sein Wunsch für die Zukunft: „Die Stele vor der Wilhadi-Kirche in Stade ist mit 152 Namen voll. Ich hoffe, dass das Gedenken um die Namen aller weiteren 100 NS-Opfer ergänzt wird, die in den letzten Jahren bekannt geworden sind.“

 

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