Hände weg vom Wespennest

LANDKREIS. Ein Wespennest am Haus oder an der Wohnung kann die gute Laune im Sommer erheblich trüben. Aber: Es darf nicht einfach entfernt werden. Was erlaubt und wie ein friedliches Miteinander möglich ist.


In diesem Artikel:

Die Sonne scheint, die Kaffeetafel unter freiem Himmel ist gedeckt, die Vorfreude auf Torte und Kuchen groß. Auch bei ungebetenen Gästen. Wespen können den Spaß am Freiluft-Schmaus gehörig vermiesen, vor allem, wenn sie es sich als Untermieter in der unmittelbaren Nähe vom Haus oder von der Wohnung bequem gemacht haben. Die Insekten fliegen besonders im Juli und August auf Kuchen, Steak & Co. Aber: „Wespe ist nicht gleich Wespe“, sagt Kurt Jungclaus, der seit mehr als 20 Jahren als ehrenamtlicher Wespenberater für den Landkreis Stade im Einsatz ist und Bürger für den richtigen Umgang mit den Insekten sensibilisieren will. „Nur zwei Wespenarten können im Spätsommer lästig werden. Es handelt sich um die Gemeine Wespe und die Deutsche Wespe.“ Die anderen sieben in Niedersachsen heimischen sozialen Faltenwespenarten – die Rote Wespe, die Mittlere Wespe, die Sächsische Wespe, die Norwegische Wespe, die Waldwespe, die Hornisse und die Haus-Feldwespe – haben es dagegen nicht auf unsere Leckerbissen abgesehen und meiden den Menschen.

Wespen und Hornissen: natürliche Schädlingsbekämpfer

Trotzdem genießen alle Arten gemeinhin einen schlechten Ruf und werden nicht selten als gefährlich verteufelt. Dabei leisten Wespen einen wichtigen Beitrag für das Ökosystem. Sie unterstützen die Bienen bei der Bestäubung von Blüten und fungieren als natürliche Schädlingsbekämpfer. Jungclaus: „Wespen und Hornissen sind sehr nützlich, weil sie Unmengen Mücken, Fliegen, Bremsen und andere Schädlinge vertilgen. Ein Hornissenvolk, das im Spätsommer bis zu 700 Tiere umfassen kann, fängt beispielsweise rund ein halbes Kilogramm Insekten pro Tag.“ Das ist so viel, wie fünf Meisenpärchen an ihre Jungen verfüttern.

Wespe, Hornisse oder Biene?

Auf den ersten Blick sehen sich Wespen, Hornissen und Bienen zum Verwechseln ähnlich. Bei genauerem Hinsehen sind jedoch deutliche Unterschiede erkennbar. Charakteristisch für Wespen sind der auffällig schwarz-gelb gestreifte Körper und die typische „Wespentaille“. Hornissen gleichen ihnen optisch, sind aber mit bis zu 3,5 Zentimetern größer als ihre Artverwandten und zeichnen sich zudem durch eine rotbraune Färbung an Kopf, Brust und Hinterleib aus. Bienen sind eher braun und weniger auffällig gestreift. Zudem ist ihr Körper dicht behaart.

Links: eine Sächsische Wespe. Die "Wespentaille" ist gut zu erkennen. Mitte: eine Biene, rechts: eine Hornisse.

Wo sich Wespen einnisten

Aber nicht nur die Tiere, auch ihre Nester unterscheiden sich. Während Bienennester aus hüllenlosen Wabenplatten bestehen,  bauen mit Ausnahme der Feldwespe alle Wespenarten mehrwabige, von einer Hülle umgebene Nester. Aus morschem Holz, das sie beim Zerkauen mit ihrem Speichel vermischen, stellen die Insekten eine Art Papier her – die perfekte Bausubstanz für einen Unterschlupf von oftmals  kunstvoller Anmutung. Je nach Holzart variiert die Papierfarbe zwischen Beige und Grau. Frei hängende Nester in der Gartenhecke oder unterm Dachüberstand stammen übrigens meistens von der Sächsischen oder Mittleren Wespe. Hornissen sowie die Deutsche und die Gemeine Wespe bauen ihre Nester bevorzugt an dunklen, geschützten Stellen: in Hohlräumen, Rolladenkästen, Gartenlauben, Nischen im Mauerwerk oder auf Dachböden. 

Wespen, Hornissen und ihre Nester stehen unter Naturschutz

Um das Nest loszuwerden, ist vielen Menschen häufig jedes Mittel recht. Mit einem Besenstiel durchstoßen, ausräuchern, mit Bauschaum ausschäumen, mit Haarspray einsprühen, den Hochdruckreiniger draufhalten oder abfackeln: In diversen Internetforen kursieren zahlreiche vermeintlich hilfreiche Tipps, ein Wespen- oder Hornissennest zu vernichten. In der Regel sind sie illegal. „Alle heimischen Wespenarten sowie ihre Lebensstätten stehen unter Naturschutz und dürfen nach Paragraph 39 Absatz 1, Satz 1 des Bundesnaturschutzgesetzes nicht ohne vernünftigen Grund vernichtet werden“, sagt Janette Hagedoorn-Schüch, Biologin beim Naturschutzamt des Landkreises Stade und Verantwortliche für den Wespenberaterring. „Hornissen gehören sogar zu den besonders geschützten Arten. Die Beseitigung eines Hornissenvolkes ist nur mit Genehmigung der Naturschutzbehörde möglich.“

Wespennest entfernen: wann es erlaubt ist und was es kostet

Wer ein Wespennest dennoch in Eigenregie entfernt, muss mit einer Geldstrafe rechnen, deren gesetzliche Höchstsätze sich bis zu 10.000, bei Hornissennestern sogar bis zu 50.000 Euro bewegen können. Wie hoch das Bußgeld tatsächlich ausfällt, liegt im Ermessen der jeweiligen Naturschutzbehörde. Betroffene schaden sich aber nicht nur finanziell, sondern womöglich auch ihrer Gesundheit. Werden die Insekten mit Giftspray angesprüht, gehen sie zum Angriff über: Sie stechen den Eindringling und können ihm am Stachel haftende Giftreste injizieren. Der Stich ist dann nicht nur schmerzhaft, sondern kann im schlimmsten Fall zu einer Infektion führen. Außerdem können derartige Sprays, wenn sie im Innenraum verwendet werden, zu Kopfschmerzen, Augenreizungen und allergischen Reaktionen führen. „Daher Hände weg vom Gifteinsatz!“, rät Hagedoorn-Schüch.

Hornissen haben im Futterhäuschen ein Nest gebaut.

Die Beseitigung eines Wespen- oder Hornissennests sollte man in jedem Fall in die professionellen Hände eines Schädlingsbekämpfers legen. Vorausgesetzt, es liegt ein triftiger Grund vor, etwa im Haushalt lebende Kleinkinder, ältere Menschen und/oder Tiere, die bedroht sind, einer der Bewohner leidet unter einer nachgewiesenen Insektengiftallergie oder die Niststätte befindet sich auf dem Balkon oder der Terrasse, sodass ein normaler Alltag unmöglich wird. Die Kosten für eine Beseitigung richten sich in erste Linie danach, wo die Insekten ihr Quartier aufgeschlagen haben und wie aufwändig es ist, dieses zu entfernen. Nach Auskunft des Schädlingsbekämpfers Aratox in Buxtehude bewegen sich die Preise zwischen 99 und 149 Euro. An schwer zugänglichen Stellen gestaltet sich die Entfernung deutlich schwieriger, und ist daher teurer.

Wespennest umsiedeln

Bei Nestern, die frei in einer Hecke oder an einem Balken hängen, kann eine Umsiedlung eine gute Alternative sein. Der erfahrene Wespenberater Kurt Jungclaus kennt sich damit aus: „Das Nest wird in einen sogenannten Umsiedelungskasten gehängt. Nach zwei bis drei Tagen, wenn sich die Tiere an die neue Situation gewöhnt haben, nehme ich den Kasten samt Nest und hänge ihn zwei bis drei Kilometer vom alten Standort entfernt wieder auf.“ Die Umsiedelungskästen baut der Hobbyimker, der rund 25 Bienenvölker sein Eigen nennt, selbst. Bei der Prozedur trägt er entsprechende Schutzkleidung. Während Jungclaus Wespen umsiedeln darf, müssen Betroffene auch bei der Umsiedelung eines Hornissenvolks die schriftliche Genehmigung beim Naturschutzamt des Landkreises Stade einholen. Die Umsiedelung ist kostenpflichtig. Konkrete Preise möchte Jungclaus nicht nennen, da diese abhängig vom jeweiligen Einzelfall seien.

Wespenberater Kurt Jungclaus mit einem Umsiedelungskasten, in dem sich ein Wespennest befindet.

Mit Wespen und Hornissen leben

Sofern keine zwingende Notwendigkeit besteht, ein Wespen- oder Hornissennest umzusiedeln, plädiert der Wespenberater dafür, den Insekten ihren Lebensraum zu lassen und nichts gegen sie zu unternehmen, sondern mit ihnen in friedlicher Koexistenz zu leben (Verhaltenstipps siehe unten). „Spätestens im November sind alle Nester verlassen“, weiß Jungclaus: „Auch die alte Königin des Wespenvolkes stirbt. Nur die neuen Jungköniginnen suchen nach der Paarung einen Unterschlupf zum Überwintern, beispielsweise unter Rinde oder im Todholz, um im Frühjahr ein neues Volk zu gründen. Das Nest ist am Herbstende verlassen und wird im nächsten Jahr nicht wieder besiedelt.“ Das Problem erledigt sich also von selbst. Bis der Zyklus im nächsten Jahr von vorn beginnt, die Königin im Frühling ein neues Nest baut und einen neuen Staat gründet. 

Verhaltenstipps für ein friedliches Miteinander von Mensch und Wespe

  • Ausreichend Abstand zum Wespennest halten (etwa zwei bis drei Meter) und nicht die Flugbahn der Insekten blockieren. Erschütterungen (z. B. durch den Rasenmäher) vermeiden.
  • Vorhänge oder Fliegengitter an Türen und Fenstern hindern Wespen und Hornissen daran, sich in Wohnräume zu verirren.
  • Keine Panik! Hektische Bewegungen vermeiden und nicht nach den Wespen schlagen – das macht die Insekten aggressiv.
  • Nicht wegpusten! Das in der Atemluft enthaltene Kohlendioxid schürt ebenfalls Aggressionen.
  • Überreife Trauben als alternative Futterstelle und mit Gewürznelken gespickte Zitronen sollen die schwirrenden Plagegeister vom Esstisch fernhalten.   
  • Speisen und Getränke abdecken.
  • Draußen nicht aus Flaschen oder Gläsern trinken. Besser Strohhalme oder geschlossene Trinkgefäße benutzen.
  • Speisereste auf Kleidung oder im Gesicht von Kindern entfernen, um keine Wespen anzulocken.
  • Nicht barfuß über den Rasen laufen.

 

Erste Hilfe nach einem Wespenstich

Sieben Hornissenstiche töten ein Pferd, drei einen Erwachsenen und zwei ein Kind, lautet eine Binsenweisheit. „Das ist großer Unsinn“, weiß Jungclaus. „Hornissen sind friedliche Tiere, die sich nur dann verteidigen und stechen, wenn sie sich angegriffen fühlen.“ Dabei ist ein Hornissenstich nicht giftiger als der einer Honigbiene. Während Hornissen und Wespen mehrfach zustechen können, weil sie ihren Stachel nach einem Stich wieder aus der menschlichen Haut ziehen, verbleibt der Bienenstachel samt Hinterleib darin – die Biene stirbt. Wespen-, Bienen- und Hornissenstiche sind zwar schmerzhaft, für einen gesunden Menschen aber normalerweise harmlos. Das hilft, wenn ein Insekt zugestochen hat:

  • Die Stichstelle kühlen. Auch Insektenstichsalben (erhältlich in Apotheken) verschaffen Linderung. Manche schwören auf eine aufgeschnittene Zwiebel auf der Einstichstelle.
  • Gefährlich wird‘s, wenn eine Wespe verschluckt wurde und in den Rachen sticht: Durch die folgende Schwellung kann die Atmung behindert werden. Sofort den Notarzt verständigen! Bis zum Eintreffen sollte der Patient aufrecht sitzen und einen Eiswürfel lutschen.
  • Für Insektengiftallergiker (zwei bis drei Prozent der Bevölkerung) kann ein Stich lebensbedrohlich sein. Auch hier gilt: unverzüglich den Notarzt alarmieren! Betroffene sollten für den Fall der Fälle immer ein Notfallset mit sich führen.

Wespen- und Hornissenberaterring im Landkreis Stade

Der Wespen- und Hornissenberaterring des Landkreises Stade setzt sich für den Schutz dieser Insektenarten ein und will vor allem eines: aufklären. In diesem Jahr feiert er sein 20-jähriges Bestehen. Mehr als 20 ehrenamtliche Berater, die über den gesamten Landkreis verteilt sind, informieren über den Umgang mit Wespen und Hornissen. Sie beraten kostenlos am Telefon oder bei Bedarf auch vor Ort und geben Bürgern einfache Verhaltensregeln für ein friedliches Miteinander an die Hand. „Das ehrenamtliche Engagement aller Beraterinnen und Berater, das sie in ihrer Freizeit ausüben, ist ein ganz wichtiger Beitrag für den Insektenschutz“, sagt Hagedoorn-Schüch. Mehr Infos und Kontakte zu Wespen- und Hornissenberatern unter www.landkreis-stade.de

 

Kurt Jungclaus zeigt einer Familie ein verlassenes Wespennest.

Kurt Jungclaus zeigt einer Familie ein verlassenes Wespennest.

Unsere Experten

Kurt Jungclaus, ehrenamtlicher Wespenberater beim Wespen- und Hornissenberaterring Stade in Oldendorf-Himmelpforten

Janette Hagedoorn-Schüch, Diplom-Biologin beim Naturschutzamt des Landkreises Stade und Verantwortliche für den Wespen- und Hornissenberaterring

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