Kanutour: Das grüne Wunder Este
Ein Online-Redakteur an der frischen Luft : Alexander Schulz paddelt in seinem „roten Ungetüm“ über die Este.Fotos Bröhan
Auf in fremde Gewässer: Redakteur Alexander Schulz ist mit seinem Kajak eigentlich auf der Schwinge zu Hause. Für die Serie „Flüsse neu entdecken“ begibt er sich mit einem roten Kanu auf die Este. Zwischen Hollenstedt und Buxtehude erlebt Schulz sein grünes Wunder.
Ich kenne die Schwinge. Mit meinem Kajak befahre ich sie regelmäßig. Von der Este hingegen habe ich keine Ahnung. Macht ja nichts, ein bisschen Abenteuer schadet nicht. Für noch mehr Abwechslung entscheide ich mich statt dem vertrauten Kajak für ein Zweier-Kanu. Und so geht’s gemeinsam mit dem Kollegen Jan Bröhan nach Hollenstedt zum Kanuverleih „Este Boote“.
Betreiber Andreas Wilhelmi begrüßt uns auf seinem Grundstück direkt an der Este. Wilhelmi ist eher der rustikale Typ. Dreitagebart, Zigarette im Mund, den Charme eines Reibeisens. „Viel ist hier nicht mehr“, brummelt er und meint damit den Verkehr auf der Este. Hier und da ein Familienausflug, ab und zu ein Junggesellenabschied. Und heute zwei Redakteure vom TAGEBLATT. Andreas Wilhelmi gibt uns eine kurze Einweisung und seine Telefonnummer. Wir sollen anrufen, wenn wir in Buxtehude sind. Er wird uns abholen. „Fünf Stunden dauert es“, sagt er. Wilhelmis Empfehlung, einen Kanuwagen fürs Umsetzen bei Moisburg mitzunehmen, schlagen wir aus. Und – so viel sei verraten – wir werden es bereuen.
„Nehmt mal die Säge mit“, raunzt uns Andreas Wilhelmi noch hinterher. Es könne sein, dass hier und da ein kleiner Ast im Weg liege. „Die könnt ihr ja zersägen“, sagt Wilhelmi. Aber natürlich nur, wenn wir wollen. Wir wollen. Soll schließlich keine Butterfahrt werden. Vom Grundstück des Kanuverleihers geht’s direkt auf die Este.
Wir sind keine fünf Minuten auf dem Wasser, da bekommt die Bezeichnung „kleiner Ast“ eine ganz neue Bedeutung. Vor uns liegt ein Baum quer über der gut sechs Meter breiten Este. Was soll’s, ich wollte ja Abenteuer. Also ziehe ich die Säge und lege los. Gefühlt hat der Stamm den Umfang eines Mammutbaums. Objektiv betrachtet waren es wahrscheinlich 20 Zentimeter Durchmesser. Jedenfalls brauche ich zehn Minuten, um ihn zu zersägen. Kollege Bröhan wird später behaupten, der Baum habe sich zu sehr durchgebogen und hin und her geschwungen, um ihn schnell zu zerteilen. Das ist nett von ihm, aber insgeheim wissen wir beide, dass meine Leistung an der Säge schlicht und ergreifend erbärmlich war. Aber der Baum ist durch, wir können weiter.
Schulz, die Säge und der Mammutbaum: ein hartes Stück Arbeit.
Wir sind zügig unterwegs, die Strömung macht das Paddeln einfach. Überall grünt es, nur das Plätschern der Este ist zu hören. Es riecht nach Wald. Ein kleiner Vogel taucht ins Wasser und schnappt sich irgendwelches Getier. Kollege Bröhan greift sofort auf seinen ornithologischen Wissensfundus zu und bestimmt die Art: „Is n‘ Eisvogel.“ Ich bin fasziniert. Nicht vom Sachverstand des Kollegen, sondern von der Naturbelassenheit der Este. Hier zwischen Hollenstedt und Moisburg hat der schmale Flusslauf etwas von einem Gewässer irgendwo in der kanadischen Wildnis. Das hatte ich so nicht erwartet. Keine Menschenseele, keine zurechtgestutzte Böschung, links und rechts nur Wildwuchs oder Weiden. Dass uns in einer Tour Äste und Spinnweben um die Ohren fliegen, liegt zwar vor allem an unserer mangelhaften Abstimmung beim Paddeln, zeigt aber auch, was den geneigten Kanufahrer auf der Este erwartet: eine beeindruckende Fahrt durch ursprüngliche Natur.
Ganz ursprünglich sind auch die sieben Stromschnellen auf der ersten Etappe. Die ersten paar nehmen wir noch mit großer Vorsicht, dann geben wir Gas. Ich zumindest. Hinten im Kanu schaufle ich vor einer Schnelle richtig mit dem Paddel. Bröhan mit dem Rücken zu mir sieht mein diebisches Grinsen nicht und merkt zu spät, dass wir schneller werden. In der Stromschnelle folgt dann die Dusche für ihn, das Wasser schwappt ihm ins Gesicht. Warum er sich aufregt, verstehe ich nicht. Es sind 30 Grad. „Bist du aus Zucker, oder was?“, frage ich und freue mich, dass ich trocken geblieben bin.
Nach einer guten Stunde kommen wir in Moisburg an. Hier heißt es umsetzen. Wir erfrischen uns kurz mit einem leckeren Kaltgetränk, bevor wir das Kanu aus dem Wasser hieven. Nach 50 Metern muss ich plötzlich an den Kanuwagen denken. Jan Bröhans bucklige Körperhaltung vorne am Kanu lässt vermuten, dass er gerade denselben Gedanken hat. Nach 300 schweißtreibenden Metern haben wir es geschafft und lassen das rote Ungetüm wieder zu Wasser.
Eine von sieben Stromschnellen bis nach Moisburg.
Ob es daran liegt, dass Bröhan und ich besser aufeinander abgestimmt paddeln, oder daran, dass die Este leichter zu befahren ist, lässt sich nicht zweifelsfrei klären. Aber ab Moisburg peitschen uns weniger Äste ins Gesicht. Der Abschnitt bis nach Buxtehude ist schön, aber nicht mehr ganz so wild wie zuvor. Ein wenig Aufregung kommt auf, als wir unter einer Holzbrücke durchfahren. Wie beim Limbo müssen wir uns zurücklegen, um dann unter der Brücke hilflos festzustellen, dass uns Tausende Mücken erwarten.
Bis nach Buxtehude brauchen wir knappe zwei Stunden. Die Strecke lädt zum Abschweifen ein. Der Fluss ist breiter, es gibt weniger Stromschnellen. Auf Höhe des Heidebads in Buxtehude ist Schluss. Kurz darauf kommt Andreas Wilhelmi mit seinem VW-Bulli angetuckert und sammelt uns ein. Beeindruckt ist er von unserer kurzen Fahrzeit. „Nur drei Stunden, ihr müsst ja richtig Gas gegeben haben“, sagt er. Haben wir das? Mir ist es nicht aufgefallen. Ich war fasziniert von der Ruhe und der Natur rund um die Este. Ein kleines Abenteuer und eine echte Alternative zur Schwinge.
Kanuverleih „Este Boote“: Am Glockenberg 5, Hollenstedt. Telefon 0 41 65/ 8 00 03; Mobil 01 71/ 8 41 57 97 - www.este-boote.de
Einen weiteren Verleih gibt es zudem in Buxtehude:
"Kanuvermietung Este": Heitmannshausen 110, Buxtehude, Telefon 0 41 61/ 8 22 00 Mobil 01 71/ 69 79 11 1 - kanuvermietung-este.de
Keine Menschenseele auf der Este, dafür viel Federvieh.