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Nachhaltig bauen

TSmart-City-Idee wird real: In Harsefeld entsteht eine CO2-neutrale Siedlung

So soll die Smart City in Harsefeld aussehen: 19 Häuser mit begrünten Dächern, die mit umweltschonenden Baustoffen realisiert und energieeffizient betrieben werden. Visualisierung: Viebrock

So soll die Smart City in Harsefeld aussehen: 19 Häuser mit begrünten Dächern, die mit umweltschonenden Baustoffen realisiert und energieeffizient betrieben werden. Visualisierung: Viebrock

In Harsefeld sollen aus Dingen, die ungeliebter Müll sind, Massivhäuser mit modernstem Standard entstehen. Altholz, ausgediente Kunststofffenster und Steine vom Kartoffelacker versprechen, in der Smart City der Geest das Bauen CO2-neutral zu machen.

Von Miriam Fehlbus Sonntag, 02.01.2022, 19:30 Uhr

In Harsefelds Neubaugebiet, in Sichtweite zum Aue-Geest-Gymnasium, wird Beton gegossen. Wieder ein paar neue Einfamilienhäuser werden hier entstehen. Und doch sind es keine gewöhnlichen Bauten. Das Harsefelder Unternehmen Viebrockhaus will die Grenzen der Nachhaltigkeit austesten. Auf der UN-Weltklimakonferenz in Glasgow durfte Senior-Chef Andreas Viebrock das Smart-City-Projekt vorstellen. Jetzt geht es an die Praxis.

Die Häuser wachsen, bis Mitte Januar sollen die ersten Rohbauten, mit recycelten Kunststoffdachziegeln fertig eingedeckt stehen. „Obwohl wir hier ja eigentlich eher ein Labor bauen“, sagt Andreas Viebrock. An der Stabilität gibt es keinen Zweifel. Aber welchen Einfluss nehmen Lehmplatten statt Gipskarton auf das Raumklima? Und was machen die Pflanzen auf dem begrünten Schrägdach, wenn es im Sommer heiß und dann wieder stürmisch norddeutsch mit Starkregenereignissen ist? Solche Fragen sollen auch durch Ausprobieren beantwortet werden.

Der Plan sieht vor, im Mai 2023 mit den 19 Häusern fertig zu werden. „Dann wird das alles hier von Mai bis September zu besichtigen sein“, kündigt Andreas Viebrock an. Anschließend werden Menschen in den Häusern wohnen. Ein Teil soll für Mitarbeiter des Unternehmens vorgehalten werden. Aber auch Familien und Einzelpersonen, die in keinem Zusammenhang mit Viebrockhaus stehen, sollen als neutrale „Tester“ die Häuser mit Gärten auf begehrtem Bauland beziehen.

Nachhaltig bauen: Anregungen für Kommunen schaffen

Nachhaltigkeit beim Bauen ist derzeit das große Thema, nicht nur, aber besonders in Städten. „Wir wollen hier auch Anregungen für Kommunen schaffen“, sagt Viebrock, während er auf dem Dachboden des ersten Hauses steht. „Wie können bestehende Baugebiete so verdichtet werden, dass es nicht schlechter wird, sondern besser“, beschreibt der Harsefelder die Fragestellung. So ein Haus wie dieses mit 100 Quadratmetern Wohnfläche habe eine Dachschräge von circa 80 Quadratmetern. „Wenn ich das zum Gründach mache, habe ich bis auf 20 Quadratmeter schon das urspüngliche Grünland wieder.“ Wenn dann auf der anderen Dachschräge die Photovoltaikanlage CO2-neutrale Energie erzeuge, um das Haus zu betreiben, um das Auto zu tanken oder um Strom einzuspeisen, dann sei das schon eine sehr gute Ökobilanz. Nachhaltig wird das Haus durch seine Baustoffe.

Neudeutsch „Upcycling“ heißt es, wenn aus etwas Altem etwas besseres Neues gemacht wird, eine Aufwertung einer Sache, die eigentlich zu nichts mehr zu gebrauchen schien. Bei einem so großen Objekt wie einem ganzen Haus, zu dem der Abrissbagger rollt, geht es zunächst um Rückbau. „Unser Ziel ist es heute, dass wir 80 Prozent wiederverwenden“, sagt Andreas Viebrock. Das Hauptproblem bei alten Häusern seien die alten Fenster. „Das ist fast chancenlos, was wir an Holzfenstern da haben, ist absoluter Sondermüll“, sagt Viebrock. Deshalb zielt das Nachhaltigkeitsprinzip auf Kunststofffenster ab.

Das Altholz ist kaum von neuem Holz zu unterscheiden: Andreas Viebrock im ersten Smart-City-Haus .

Das Altholz ist kaum von neuem Holz zu unterscheiden: Andreas Viebrock im ersten Smart-City-Haus .

„Diese sind hier zu 100 Prozent aus recyceltem Kunststoff“, sagt Viebrock, während er auf der Baustelle im Bereich Neuenteicher Weg in Harsefeld steht. Im Moment seien die Fenster bei Viebrockhaus aus 40 Prozent Kunststoff, der wiederverwendet wird. „Hier wollen wir mal zeigen, dass auch 100 Prozent gehen.“ Die Rechnung: Auf diese Weise können Fenster sieben- oder achtmal wiederverwertet werden. Bei einem Lebenszyklus des Fensters in der verbauten Form von je 40 bis 50 Jahren seien es dann zwischen 300 und 400 Jahre, in denen Fenster aus ein und demselben Stoff gebaut werden. Nachhaltig eben. Aber im Moment auch teuer: „Wenn man ein Fenster ganz aus Recyclingmaterial macht, ist so ein Fenster 25 Prozent teurer als aus neuem Material“, gibt Andreas Viebrock zu. „Nur, wir müssen immer bedenken, wenn wir etwas zum System machen, dann wird es meist günstiger“, sagt er.

Auch die Klinker-Produktion ist CO2-neutral

Die Klinkersteine an den Smart-City-Häusern werden eine bunte Mischung sein. Alte Steine und neue Steine, die einen ganz besonderen Brennstoff hatten, mischen sich in der Fläche. „Die alten Steine sind uns zufällig mit angeboten worden“, erzählt Andreas Viebrock. Die Ziegelei Rusch im Kehdinger Land hatte neben den Produkten aus ihrem Ringofen abgeklopfte Steine auf dem Hof. „Die Idee ist natürlich gut, dass man einfach alte nimmt und nicht ununterbrochen neue produziert“, sagt der innovative Harsefelder Unternehmer. 2018 stiegen die drei Söhne federführend in den Familienbetrieb mit 1100 Mitarbeitern ein.

30 Prozent alte Steine werden im Smart-City-Projekt jetzt mit neuen gemischt. Doch auch die Produktion der neuen Klinker von Rusch ist CO2-neutral. „Kirschkernklinker“ nennt Andreas Viebrock sie. Die Steine werden statt mit Gas oder Kohle mit Kirsch- oder Pflaumenkernen gebrannt. Die Kerne, Wegwerfprodukt jeder Marmeladen-Fabrik, können anders als Holz beim Verbrennen entsprechend hohe Temperaturen entwickeln.

Alter Baustoff für modernste Häuser: Bauleiter Lars Möller zeigt, was im Smart-City-Zauberbeton steckt, der die CO 2 -Emission des Betons in der Bodenplatte um die Hälfte senkt. Noch gut zu erkennen sind die kleinen Steine, die als ungelieb

Alter Baustoff für modernste Häuser: Bauleiter Lars Möller zeigt, was im Smart-City-Zauberbeton steckt, der die CO 2 -Emission des Betons in der Bodenplatte um die Hälfte senkt. Noch gut zu erkennen sind die kleinen Steine, die als ungelieb

Der Dachstuhl besteht ebenfalls zu 30 Prozent aus einem Baustoff, der so schon einmal verbaut war. Das Altholz im ersten Smart-City-Haus stammt aus einem Gebäude von 1735, das in Todtglüsingen im Kreis Harburg statt in den Krallen des Abrissbaggers auf dem Lkw gen Harsefeld landete. Neu zurechtgeschnitten ist der Unterschied zu neuem Holz kaum auszumachen. Der größte Knüller für die Region liegt aber am Boden: Zerbrochene Feldsteine, wie sie bei der Kartoffelernte entsorgt werden müssen, verringern die CO2-Emission des Betons in der Bodenplatte um die Hälfte. An Nachschub fehlt es auf der steinreichen Geest nicht.

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