Zähl Pixel
Dorftreff

T40 Jahre volles Haus sind genug – Apensens Bahnhofsgaststätte vor Schließung

Ulrich und Anette Benecke führen seit 40 Jahren die Bahnhofsgaststätte in Apensen. Die urige Kneipe ist ein beliebter Vereins- und Dorftreff. Das Ende naht aber, da die Beneckes an die Rente denken. In diesem Jahr steht aber noch einiges an für die zwei. Foto: Giese

Ulrich und Anette Benecke führen seit 40 Jahren die Bahnhofsgaststätte in Apensen. Die urige Kneipe ist ein beliebter Vereins- und Dorftreff. Das Ende naht aber, da die Beneckes an die Rente denken. In diesem Jahr steht aber noch einiges an für die zwei. Foto: Giese

Das Lokal von Anette und Ulrich Benecke ist ein beliebter Dorftreff - nicht nur für Apensens Fußballer. Bald ist jedoch Schluss. Das Ehepaar geht in Rente. Die Kneipe wäre Vergangenheit. „Wir haben geliefert, die Gäste haben geliefert“, sagt der Wirt.

Von Jan Bröhan Dienstag, 25.01.2022, 09:00 Uhr

Fast minutengenau um 17 Uhr, zur Öffnungszeit, kommen an diesem Abend im Januar die ersten Gäste. Anette und Ulrich Benecke haben so viele Anmeldungen, dass ihre Bahnhofsgaststätte in Apensen mal wieder voll wird. Krisenzeiten haben sie nie kennengelernt. 

Zwei Paare kommen rein und fragen den hinterm Tresen stehenden Wirt, natürlich Uli genannt, nach ihrem Tisch. Sie haben reserviert für das Tagesangebot. Im Januar lockt eine Holzfällerpfanne, Bratkartoffeln mit Schweine-Nackensteak. Die Vorsuppe köchelt bei Anette Benecke schon in der Küche. Der Knobeltreff trudelt auch schon nach und nach ein. Später kommt noch eine zehn Mann starke Firmengruppe, die im hinteren Saal Platz findet. Coronabedingt können nicht alle Tische belegt werden.

Bahnhofsgaststätte in Apensen: Nach 40 Jahren ist bald Schluss

Die vorhandene Kapazität wird, wie fast an jedem Abend, ausgenutzt sein. „Seit Corona melden sich eigentlich fast alle an“, sagt Uli Benecke, der auf die jeweilige Verfügungslage penibel achtet, wie er sagt. Erst kürzlich habe er einen Freund wieder nach Hause geschickt, weil der seinen Impfstatus nicht am Mann hatte. „Ich weiß, dass er geimpft ist, aber das nützt ja nix, wenn tatsächlich kontrolliert wird.“

„Der Johann kommt später auch noch vorbei“, erzählt er seiner Frau Anette, nachdem das Telefon geklingelt hatte. Der Johann ist ein 83-jähriger Stammgast, der auf dem Weg nach Hause gern mal reinschaut und der sich gern mit den jungen Fußballern unterhält, wie Anette Benecke erzählt. In der Bahnhofsgaststätte ist es immer „generationsübergreifend“ zugegangen, zudem ist der beliebte Dorftreff schon immer Vereinskneipe gewesen. Selbst Gespannwagenfahrer kommen einmal im Monat.

Die Taubenzüchter haben im hinteren Saal ihre Plaketten, die von Erfolgen zeugen, an der Wand hängen. Die Pokale der Fußballer füllen Vitrinen und Schränke in allen Räumen. Anette und Ulrich Benecke sind im Schützenverein. Er ist amtierender Schützenkönig in Apensen, 2019 sicherte er sich die Ehre schon zum dritten Mal.

Apenser Bahnhofsgaststätte gibt es seit 1928

1979 haben sich Anette und Uli beim Jungschützenfest in Apensen kennengelernt. Ulrich Benecke ist in Dammhausen groß geworden. „Darauf legt er Wert“, sagt seine Frau und lacht. Sie selbst ist in Apensen geboren. Im Juni 1982 haben die beiden geheiratet. „Da wussten wir noch nicht, dass wir im Oktober eine Kneipe eröffnen“, sagt Anette Benecke.

Der Mann hinterm Tresen: Uli Benecke hatte in 40 Jahren schon viele lange Nächte. Der 64-Jährige denkt ans Aufhören. Fotos: Bröhan

Der Mann hinterm Tresen: Uli Benecke hatte in 40 Jahren schon viele lange Nächte. Der 64-Jährige denkt ans Aufhören. Fotos: Bröhan

Uli Benecke war als Einzelhandelskaufmann nicht mehr glücklich im Job und hatte sich mit seiner Chefin überworfen. Die Bahnhofsgaststätte, die es seit 1928 gibt, stand zum Verkauf. Uli Benecke ist zufällig auf die Ausschreibung gestoßen und hat sich spontan bei der Gemeinde als potenzieller Käufer beworben. Ein bisschen Gastronomieerfahrung brachte er seinerzeit schon mit.

Treffpunkt für Jung und Alt

Mitte August 1982 bekamen die Beneckes den Zuschlag. Im Oktober eröffnete die bis heute urige Kneipe wieder. „Am ersten Tag waren alle Getränke frei“, sagt Uli Benecke. Das Geschäft lief sofort „sehr gut an“. Anette sei sowieso bekannt wie eine bunte Hündin im Dorf gewesen, und Uli Benecke trat unter anderem auch noch bei der freiwilligen Feuerwehr ein. „Das ist im Dorf ganz wichtig“, sagt er, das „Zusammengehörigkeitsgefühl.“ Nach einem Dreivierteljahr kündigte auch Anette ihren Job als Industriekauffrau. Die Bahnhofsgaststätte brauchte alle Hände.

Ein roter Kaugummiautomat hängt noch draußen an der Wand der Bahnhofsgaststätte. Ein echtes Relikt. Die Dielen im Inneren knirschen. Die dunkelbraunen Holztische, der Tresen, die Vertäfelungen erzählen noch von vergangenen Jahrzehnten. Die Kundschaft ist aber nie stehengeblieben, jede neue Generation fühlte sich bei den Beneckes wohl. „Wir hatten hier immer Jung und Alt, von bis, alles dabei“, sagt Anette Bencke. Von Krisenzeiten in der Gastronomie seien sie immer verschont geblieben, sagt Uli Benecke. Neben der Kneipe wird auch die Küche „sehr gut angenommen“. Die Karte ist stetig gewachsen. Am besten gehen aber Schnitzel mit Bratkartoffeln und Currywurst mit Pommes.

Gehören dazu: Silvia (links) kellnert schon 20 Jahre mit, Simone hilft seit 32 Jahren in der Küche.

Gehören dazu: Silvia (links) kellnert schon 20 Jahre mit, Simone hilft seit 32 Jahren in der Küche.

„Früher wurde mehr gesabbelt“

Anette Benecke sagt, die Gäste und die Gaststätte seien „immer zusammen gewachsen“. „Es ist schön, zu sehen, wie sich zwei Hände am Tisch finden und zum ersten Mal Händchen gehalten wird“, erzählt sie, dann werden sie ein Paar, heiraten, bekommen Kinder. „Die Tauffeier findet dann bei uns statt.“ Später kommen auch die erwachsenen Kinder in die Kneipe. Solche Beispiele kennen die Beneckes viele.

Was sich über die Jahrzehnte vor allem geändert hat? Gar nicht so viel, finden die Beneckes. Feiern können die Fußballer zum Beispiel noch immer. Aber die Handygeneration sei sehr viel mit ihren Smartphones beschäftigt.

„Früher wurde mehr gesabbelt“, sagt Anette Benecke. Sie guckt ihren Mann an, kurz nachdenkend, nennt dann zwei Namen und sagt: „Die beiden zum Beispiel.“ Die seien mit der Mannschaft nach einer 3:5-Niederlage gekommen. Dann wurde so viel getrunken und so lange gequatscht, und am Ende des Abends hatten sie 6:3 gewonnen. Anette Benecke erzählt solche Anekdoten gern, amüsiert, auf eine ehrliche Art.

Seit 2012 nur noch donnerstags bis sonntag geöffnet

Uli Benecke ist jetzt 64 Jahre alt, Anette 61. Sie denken ans Aufhören. „Man ist einfach nicht mehr so belastbar“, sagt Uli Benecke. Das merke er schon an der Lautstärke. Und nach so vielen Jahren werde man auch müder, sagt er. Früher hatten sie sechs Tage in der Woche auf, 100-Stunden-Wochen waren keine Seltenheit. „Da bin ich auch mal mit drei Gästen bis drei, vier Uhr aufgeblieben.“ Seit 2012 hat die Bahnhofsgaststätte nur noch von Donnerstag bis Sonntag geöffnet, und Uli Benecke denkt ab Mitternacht ans Schließen.

Dass die Beneckes ans Rentnerdasein denken, ist in Apensen bekannt. Der beliebte Dorftreff würde fehlen, viele betreffen. Die Fußballer und andere Gruppen und Vereine verlören ihren geselligen Rückzugsort.

Anette Benecke ist die Küchenchefin. Die Küche wird gut angenommen, die Karte ist reichlich bestückt.

Anette Benecke ist die Küchenchefin. Die Küche wird gut angenommen, die Karte ist reichlich bestückt.

40. Hochzeitstag und 40 Jahre Bahnhofsgaststätte

Spielt nach all den Jahren der Verbundenheit da ein schlechtes Gewissen mit? „Nein“, sagt Uli Benecke konsequent. „Wir haben geliefert, die Gäste haben geliefert. Aber es ist auch nur ein Job, und jeder geht mal in Rente.“ Wann genau es so weit ist, wissen sie noch nicht. Zeitnah auf jeden Fall. Da sie über der Gaststätte auch wohnen, werden sie aber nicht verpachten. Die Kneipe wäre Vergangenheit.

In diesem Jahr steht aber noch viel an. Der 40. Hochzeitstag. 40 Jahre Bahnhofsgaststätte. Uli Benecke hofft auch noch auf das zuletzt zwei Mal ausgefallene Schützenfest. „Aber man kann in diesen Zeiten ja nichts planen“, sagt er. Pläne für den Ruhestand haben die begeisterten Wohnmobilisten und Großeltern von sechs Enkeln genügend. Langweilig werde ihnen nicht. Und Trubel und volles Haus hatten sie 40 Jahre lang.

Weitere Themen

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel