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Zweiter Weltkrieg

Als die Bomben auf Neuenfelde fielen: Dokumentation gibt Kriegskindern eine Stimme

Nach einem Bombenangriff im Januar 1942 liegt das Gasthaus Pien in Trümmern. Nur der Kachelofen steht noch. Fünf Menschen starben. Foto: privat

Nach einem Bombenangriff im Januar 1942 liegt das Gasthaus Pien in Trümmern. Nur der Kachelofen steht noch. Fünf Menschen starben. Foto: privat

Drei Jahre lang hat die Neuenfelder Hobby-Historikerin Christa Dyroff mit Hilfe von Zeitzeugen die Geschichte ihres Heimatdorfes im Zweiten Weltkrieg erforscht. Ihre Dokumentation zeigt, was der Krieg selbst in dem kleinen Dorf für unsägliches Leid gebracht hat.

Von Claudia Michaelis Sonntag, 27.02.2022, 14:00 Uhr

Als sie zum 75. Jahrestag der „Operation Gomorrha“ eine Dokumentation über die verheerende Bombardierung Hamburgs im August 1943 und das Sterben der Menschen im Feuersturm sah, sei sie sehr erschüttert gewesen, erzählt Christa Dyroff. Und sie fragte sich: „Was passierte während des Zweiten Weltkriegs eigentlich in Neuenfelde?“ Obwohl selbst alteingesessene Neuenfelderin, wusste sie wenig über die Geschehnisse im Dorf in jener Zeit. 1948 geboren, gehöre sie zu der Generation, in der zu Hause und in der Schule wenig über den Krieg gesprochen wurde, weiß Christa Dyroff.

Ihr Vater Nicolaus Bundt, mit 17 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen und in Russland verwundet, hatte nach seiner Rückkehr nie gesprochen über seine Erlebnisse im Krieg. Und sie hatte auch nie gefragt – wie so viele ihrer Generation, die das heute sehr bedauern, weiß sie. „Die Kriegsgeneration hat so viel zu erzählen – und es werden immer weniger, die ein Zeugnis dieser Zeit ablegen können. Deshalb wollte ich diese Erinnerungen für die Nachwelt bewahren“, sagt Christa Dyroff. So beschloss sie, die Geschichte ihres Heimatdorfes zu erforschen und eine Dokumentation mit den Erinnerungen der Zeitzeugen zu erstellen.

Die heutigen Zeitzeugen waren damals alle noch Kinder und Jugendliche, „aber auch sie haben ihre Erinnerungen. Die möchte ich festhalten und für die Zukunft bewahren“, sagt Dyroff. Die Hobby-Historikerin engagiert sich seit vielen Jahren im Heimatverein „900 Jahre Neuenfelde“, der quasi die Schirmherrschaft für das Projekt übernahm.

Sehr persönliche Beschreibungen der Kriegsgeschehnisse

So machte sie sich daran, ihre Mitbürger zu befragen. Grundlage bot ihr das Tagebuch des Feuerwehrmannes Heinrich Matthees, der alle Alarme im Dorf sorgsam notiert hatte. Darin fand sie die Namen von Familien und ging los, befragte die Menschen nach ihren Erlebnissen, durchstöberte Archive und alte Fotos: „Ich habe tolle Leute kennengelernt, und viele waren dankbar, dass das jetzt jemand aufgeschrieben hat“, sagt sie. Nach drei Jahren und ungezählten Stunden ist daraus nun die Dokumentation „‘Pass op, dat geiht nich good!‘ – Neuenfelde im Zweiten Weltkrieg“ geworden. Der Titel ist das Zitat eines damals 17-jährigen Jungen, der im Schein der Flak einen feindlichen Flieger auf sich und die Seinen zukommen sah: Und er behielt recht: Bei dem alliierten Bombenangriff am 17. Januar 1942 wurden das Gasthaus Pien und ein benachbartes Bauernhaus zerstört, vier Mitglieder der Familie und das Hausmädchen kamen ums Leben.

In den Erinnerungen der Neuenfelder werden Bombenangriffe, Nächte in Kellern und Bunkern, das Leben unter Kriegsbedingungen und NS-Diktatur sehr persönlich beschrieben. Sie zeigen den Krieg aus der Perspektive der Kinder – junge Menschen, zitternd vor Angst mit der Puppe im Arm auf der Flucht vor den Fliegerangriffen.

Christa Dyroff hat drei Jahre lang Zeitzeugen in Neuenfelde befragt – und deren Erinnerungen an die Kriegszeit aufgeschrieben. Die Dokumentation gibt ein bewegendes Zeugnis vom Leid und Sterben in dem kleinen Dorf nahe Hamburg. Foto: Michae

Christa Dyroff hat drei Jahre lang Zeitzeugen in Neuenfelde befragt – und deren Erinnerungen an die Kriegszeit aufgeschrieben. Die Dokumentation gibt ein bewegendes Zeugnis vom Leid und Sterben in dem kleinen Dorf nahe Hamburg. Foto: Michae

Oft verschwiegener Vorfall wird aufgearbeitet

Aber auch kleine Fluchten, die Erlebnisse eines fast normalen Alltags oder bei der Kinderlandverschickung haben die Neuenfelder Dyroff erzählt. Gefunden hat sie noch vorhandene Bunker, ehemalige Herbergen von Kriegsgefangenen, alliierte und NS-Propaganda, manche Täter und viele Opfer, Mitläufer und Menschen im Widerstand, Soldaten und im Rahmen der Euthanasie Ermordete.

Auch ein bisher gern totgeschwiegener Vorfall wird aufgearbeitet, sachlich und ohne moralische Wertung: Als aus einem abgeschossenen Flieger amerikanische Soldaten mit ihren Fallschirmen im Dorf niedergingen, wurden einige von ihnen von der Bevölkerung erschlagen. Die Täter wähnten sich im Recht, hatte ihnen doch die Führung der NSDAP im Mai 1944 quasi einen Freibrief für Morde an Besatzungsmitgliedern alliierter Bomber ausgestellt.

„Ich bin sehr dankbar, dass mir so viele Menschen die Tür geöffnet, ihre Erlebnisse erzählt und ihre Fotos und Dokumente zur Verfügung gestellt haben. Ohne diese Unterstützung hätte es die Dokumentation so nicht gegeben“, sagt Christa Dyroff. Der 73-Jährigen geht es nicht um Schuld oder Gesinnung, nicht um das Entlarven oder Verurteilen von Unterstützern oder Mitläufern des NS-Regimes. Sie möchte ihr Buch auch als eine Mahnung an die nächsten Generationen verstehen. „Damit sich so etwas niemals wiederholt.“

Das Buch

Das 160 DIN-A4-Seiten umfassende Werk enthält über 120 – zum Teil farbige – Fotos und Abbildungen und kostet 25 Euro. Erhältlich ist die Dokumentation in Neuenfelde in der Drogerie Quast, im gut sortierten Buchhandel sowie portofrei online unter t1p.de/pass-op.

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