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Coworking

Büros mit „freiraum“ im Alten Land

Volker Weinhard und Anette Stranghöner bieten moderne Arbeitsplätze für Coworker an. Fotos: Lankuttis

Volker Weinhard und Anette Stranghöner bieten moderne Arbeitsplätze für Coworker an. Fotos: Lankuttis

Eine Bewegung aus den Metropolen schwappt aufs Land: Die neue Arbeitswelt des Coworking hat in Steinkirchen vielversprechend begonnen. Büro-Arbeitsplätze nach Bedarf zu nutzen, bietet das Ehepaar Volker Weinhard und Anette Stranghöner an.

Von Karin Lankuttis Mittwoch, 27.10.2021, 16:00 Uhr

Statt Homeoffice am Küchentisch zu praktizieren, teilen sich Coworker ein gut ausgestattetes Büro. „Und Menschen, die alleine sind, arbeiten dann zusammen“, sagt Weinhard. Seine Firma XMSPlus, die er 2010 gegründet hat, ist der „Gastgeber“ und Weinhard ein überzeugter Coworker. „Ich hab bei XMSPlus viele Jahre ganz alleine gearbeitet, und das hat mich genervt“, sagt der Mittelnkirchener.

Coworking, auf deutsch Zusammenarbeit, ist ein Großraumbüro, das gegen eine Gebühr flexibel und kurzfristig genutzt werden kann. Jeder macht sein Ding, kann aber auch den Austausch pflegen. „In New York gibt es das schon seit zehn Jahren, ich fand das immer gut“, sagt Weinhard. Die Arbeit werde nicht mehr über Anwesenheit und Zeit an einem festen Arbeitsplatz definiert, sondern sei von Selbstbestimmung, Freiheit und Offenheit geprägt. Typisch dafür sei der digitale Nomade, der von jedem Platz der Welt mit ein paar Clicks in seinem Arbeitsfeld drin sein könne.

Bislang Verträge mit 18 Personen

Weinhard ist beruflich in der digitalen Welt unterwegs. Seine Firma hilft Unternehmen bei Fragen zu Digitalisierung, Datenschutz und Arbeitsabläufen. Wie kann zum Beispiel eine Kanzlei die Zettelwirtschaft beenden und Notizen zu Telefonaten digital erfassen? Der Ingenieur für angewandte Automatisierungstechnik mit zurzeit vier Mitarbeitern hat vor etwa einem Jahr mitten in der Pandemie sein Büro für Coworker geöffnet. Homeoffice war verbreitet, und auch eine Mitarbeiterin von Weinhard wollte nach ihrem Umzug lieber im Homeoffice bleiben. „Wir hatten freie Kapazitäten, und es gab Nachfrage“, sagt Anette Stranghöner. „Manche mögen nicht einsam am Computer arbeiten und suchen Abwechslung.“ Das Interesse an zwischenmenschlichen, ganz analogen Beziehungen – wie der Schnack in der Kaffeepause – ist ein Grund für das Coworking.

Wer ein zweijähriges Kind zu Hause hat oder wenig Platz, kann auch nicht gut in den eigenen vier Wänden arbeiten. Oder: „Eine Frau ist nur gekommen, wenn die Bauarbeiter vor der Haustür zu laut waren“, erzählt Weinhard. Wieviele wann das Büro mit dem Namen „freiraum“ nutzen, kann er nicht sagen. Insgesamt habe er bislang Verträge mit 18 Personen abgeschlossen, die unterschiedlich und flexibel vorbeischauen. Aktiv seien sechs, zum Beispiel ein Außendienstmitarbeiter, der nur tageweise ein Büro brauche, oder ein Schiffsmakler, dessen Arbeitgeber jetzt den Coworking-Platz statt der Parkgebühren in Hamburg bezahle.

Büro mit zwölf Arbeitsplätzen

Das Büro mit zwölf Arbeitsplätzen in zwei großzügigen Räumen liegt am Alten Marktplatz in Steinkirchen auf dem Lühedeich. Eine feine Lage mit Blick auf den Markt und die Lühe, samt gepflegtem Garten mit Lounge-Möbeln direkt am Fluss. Seit November 2019 hat der Selbstständige die 125 Quadratmeter von der Familie Heinrich gemietet, um mit seinen damals noch sieben Mitarbeitern einzuziehen.

Die Coworker bringen ihren Laptop mit, können WLAN, Tastatur, Bildschirm, Drucker sowie für Videokonferenzen einen großen Bildschirm und eine gute Kamera nutzen. Das elektronische Türschloss öffnen sie per Smartphone, eine digitale Stechuhr läuft mit. Ein Tag kostet 16 Euro, ein Monat 290 Euro. Eine moderne Küche und der Garten stehen zur Verfügung.

Während des Pressegespräches ist kein Coworker da, nur der Auszubildende, der Fachinformatiker lernt. Doch das Interesse habe seit ein paar Wochen deutlich zugenommen, erzählt Weinhard. „Diese Woche hatten wir drei Erstgespräche.“ Es sei doch mehr Kümmern nötig, als er dachte, sagt der 51-Jährige. Deshalb hat er jetzt seine Ehefrau mit einer halben Stelle als sogenannte Space-Managerin eingestellt. Sie kümmert sich um die Werbung, Einführung der Coworker und um die Gemeinschaft. „Vielleicht kochen wir mal zusammen, um den Netzwerkaustausch zu fördern“, sagt Stranghöner, die lange als selbstständige Innenarchitektin gearbeitet hat.

Weitere Gründungen im Gespräch

Sich berufsbezogen austauschen, über den Tellerrand zu blicken oder sogar Aufträge zu vermitteln, nennt Weinhard als Vorteile der neuen Arbeitswelt. Und dass Pendler sich die Fahrten sparen, werde sicher noch wichtiger. Aber auch Großstädter nutzen die Räume für Tagesveranstaltungen. Die Lage sei vorteilhaft, schwärmt Stranghöner, die auch als Altländer Gästeführerin arbeitet. Treffen mit Catering und Gästeführung haben die beiden schon ausgerichtet. Ein Hamburger Unternehmen habe ein Strategiemeeting bei ihnen gemacht, eine Kehdinger Firma ein Treffen mit internationalen Mitarbeitern abgehalten.

Bislang ist „freiraum“ der einzige Coworking-Space in der Region. In Stade und in Drochtersen seien Gründungen im Gespräch, sagt Weinhard und ist überzeugt: „Das ist eine gute Möglichkeit, Leben in leer stehende Geschäftsräume auf dem Land zu bringen.“

IT-Berater Stefan Sievers gefällt der Coworking-Platz .

IT-Berater Stefan Sievers gefällt der Coworking-Platz .

Netzwerken und austauschen

„Das ist wie arbeiten bei Freunden“, sagt Stefan Sievers. Er ist einer der ersten Coworker im „freiraum“ und hat ihn bis September vier oder fünf Tage die Woche genutzt. Der Grund scheint naheliegend: „Ich wohne obendrüber“, sagt der 41-Jährige, der zum April 2020 nach Steinkirchen in die Wohnung über den Büros gezogen ist. Doch wegen der Pandemie kam er gar nicht raus aus den eigenen vier Wän-den, bewegte sich vor allem vom Bett zum Schreibtisch im Schlafzimmer und wieder zurück.

Statt im Homeoffice zu bleiben, sei Coworking zu machen ein ganz anderes Arbeiten, freut er sich. „Das hilft, sich selbst zu organisieren.“ In der netten Umgebung mit dem aufgeräumten Schreibtisch könne er sich besser konzentrieren. Der größte Mehrwert sei aber der Austausch mit anderen Leuten, „netzwerken in lockerer Atmosphäre, das funktioniert ganz gut“. Schließlich habe er nach 15 Jahren im Geschäft manchmal einen Tunnelblick. Er habe branchenfremde Sichtweisen kennengelernt. Bei Videokonferenzen wurde er öfter auf die exklusive Tapete angesprochen. Sie stammt vom Vormieter Martin Jensen, der dort Gin verkostet hat.

Sievers ist bei der Software-Firma SAP als IT-Berater angestellt. Sein Arbeitsfeld ist speziell: Er steuert Einkaufsprozesse in Krankenhäusern. So könne etwa ein smarter Schrank Produkte wiegen und selbstständig nachbestellen. Auf die Systeme hat er aus der Ferne Zugriff. Doch wie vor Corona ist er jetzt wieder mehr vor Ort und europaweit unterwegs. Zuletzt war er in Leipzig, Dresden und Zürich. Den Coworking-Platz, den seine Firma bezahlt, nutze er künftig nur noch ein paar Tage im Monat.

www.freiraum.ole.land

Volker Weinhard und Anette Stranghöner bieten moderne Arbeitsplätze für Coworker an. Foto: Lankuttis

Volker Weinhard und Anette Stranghöner bieten moderne Arbeitsplätze für Coworker an. Foto: Lankuttis

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