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DFB-Mann Augustin vermisst Teamgeist beim DFB-Team

Bernhard Augustin hat die Auftaktniederlage der deutschen Mannschaft gegen Mexiko auf dem heimischen Sofa verfolgt. Der Stader DFB-Stützpunktkoordinator war entsetzt. Für das TAGEBLATT hat Augustin zwei Schlüsselszenen ausfindig gemacht.

Von Tim Scholz Montag, 18.06.2018, 17:00 Uhr

Bernhard Augustin ist niemand, der sich bei Spielen der deutschen Nationalmannschaft unters Volk mischt. „Ich genieße die Spiele lieber zu Hause im Sessel“, sagt er. Das mit dem Genießen trifft auch häufig zu, jedoch nicht am Sonntagabend. Da kassierte das DFB-Team eine verdiente 0:1-Niederlage im WM-Auftaktspiel gegen Mexiko. „Ich konnte vor Entsetzen nichts mehr sagen“, sagt Augustin. Auch seine Ehefrau Gisela sei stinkig gewesen. Was war passiert?

Der Tag danach. Bernhard Augustin erscheint im Pressehaus in Stade und greift zum blauen Filzstift. Anhand zweier Schlüsselszenen will er aufzeigen, wie die Niederlage zustande kam. Zunächst aber bemerkt Augustin, dass sich bei ihm das Gefühl breit mache, dass im Team irgendetwas nicht stimme. „Wir sind keine Mannschaft mehr wie noch beim WM-Gewinn vor vier Jahren“, sagt Augustin.

Das sei ihm schon in den letzten Vorbereitungsspielen aufgefallen und auch am Sonntag gegen Mexiko. Grundlegende Dinge, die Fußballer, die bei Spitzenclubs unter Vertrag stünden, eigentlich beherrschen müssten, hätten nicht funktioniert: das Abwehrverhalten in der Kette, die Raumaufteilung im Mittelfeld, das Zweikampfverhalten, die Genauigkeit im Passspiel und das Spiel nach vorne. „Die komplette Mannschaft hat versagt“, so Augustin.

Dann setzt er den blauen Filzstift an und kritzelt die deutsche Aufstellung auf die Tafel. Er bemerkt, dass die Viererkette sehr hoch stand, versieht den Namen des linken Außenverteidigers Marvin Plattenhardt mit einem Fragezeichen. „Er ist über 90 Minuten nicht ins Spiel gekommen.“ Und wenn der Hertha-Profi einmal freie Bahn hatte, sei er nicht angespielt worden. „Katastrophe“, sagt Augustin. „Vielleicht wäre es sogar sinnvoller gewesen, mit einer Dreierkette zu spielen.“ Im Mittelfeld habe Bundestrainer Löw bessere Optionen.

Aber zurück zu der Tatsache, dass die Deutschen hinten sehr hoch standen und damit zu Augustins erster Schlüsselszene, der Entstehung des Gegentores. Da verliert Sami Kehdira den Ball nach einem Zweikampf in der gegnerischen Hälfte. Die Mexikaner schalten um, kontern und finden Hirving Lozano im deutschen Strafraum – 1:0. Der Zehner Mesut Özil stellte sich dem Torschützen als letzter Spieler in den Weg. „Es kann nicht sein, dass Özil über 60 Meter zurücklaufen muss“, sagt Augustin. Die gesamte Abwehr war aufgerückt, Mats Hummels stolperte im Mittelkreis. Dadurch, so Augustin, sei die DFB-Auswahl sehr konteranfällig gewesen, und das nicht nur vor dem Gegentor. Auffallend: Die Mexikaner seien nach Ballgewinn vor allem über die rechte Seite der weit aufgerückten Joshua Kimmich und Thomas Müller mit viel Tempo gekommen.

Schlüsselszene Nummer zwei hängt ebenfalls mit dem Gegentor zusammen und betrifft das Zweikampfverhalten. Normalerweise, sagt Augustin, hätte Özil den Torschützen seitwärts anlaufen müssen. „Dann hätte Özil seinen Gegenspieler in eine bestimmte Richtung lenken können, und die Situation wäre entschärft worden.“ Özil aber lief nach seinem Sprint Lozano frontal an. Ein Fehler: „So kann er den Gegenspieler nicht beherrschen.“ Lozano legte den Ball mit Leichtigkeit an Özil vorbei und traf. Mehr sogar: Das schwache Zweikampfverhalten betraf auch Özils Mitspieler. „Der Wille, die Zweikämpfe zu gewinnen, war nicht vorhanden“, sagt Augustin. Viele Aktionen wirkten unüberlegt. Letztlich ist der DFB-Mann irgendwie auch froh, dass Deutschland nicht zum Ausgleich kam. „Durch die Niederlage sind viele Baustellen schonungslos aufgedeckt worden.“ Und dennoch hofft Augustin nicht, dass Deutschland frühzeitig die Segel streichen muss. „Das wäre der Super-Gau.“ Dann legt Augustin den blauen Filzstift zur Seite.

Die deutsche Mannschaft hat ihr WM-Auftaktspiel gegen Mexiko mit 0:1 verloren. Damit haben wenige Menschen gerechnet, darunter die TAGEBLATT-WM-Experten. Der Stader DFB-Stützpunktkoordinator Bernhard Augustin setzte auf einen 2:0-Sieg für Deutschland, genauso wie Lars Uder, neuer Trainer des Regionalligisten SV Drochtersen/Assel. Malte Bösch, Trainer des Landesligisten SV Ahlerstedt/Ottendorf, tippte ein 2:1 für das DFB-Team und lag ebenfalls daneben.

Bernhard Augustin (65) koordiniert bereits seit elf Jahren für den Deutschen Fußballbund (DFB) die Stützpunkte und damit das Talentförderprogramm in Norddeutschland. Zuvor war er bereits als Kreislehrwart im NFV-Kreis Stade tätig. Ursprünglich ist Augustin gelernter Sport- und Versicherungskaufmann. Dem Fußball, sagt er, sei er seit seinem 30. Lebensjahr verbunden.

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