Das ist die neue Bezirksamtsleiterin
Dierk Trispel , der die Geschäfte der Harburger Verwaltung kommissarisch leitet, mit seiner neuen Vorgesetzten Sophie Fredenhagen . Foto Wahba
26 von 49 anwesenden Mitgliedern der Harburger Bezirksversammlung wählten Sophie Fredenhagen zur neuen Bezirksamtsleiterin. Eine Stimme weniger und es hätte einen zweiten Wahlgang geben müssen. Oder die Wahl wäre ein zweites Mal verschoben worden.
Wie berichtet, stand der Wahlausgang um die Nachfolge des im vergangenen November verstorbenen Bezirksamtsleiters Thomas Völsch am Montagabend auf Messers Schneide. Weil SPD-Mann Arend Wiese – angeblich urlaubsbedingt – nicht zur Wahl erschienen war, hatten SPD, Grüne und die Linke zusammen also 28 Stimmen für Fredenhagen, nur zwei Stimmen mehr als die benötigte absolute Mehrheit. Am Ende war klar: Zwei SPD-Fraktionsmitglieder haben die umstrittene Kandidatin nicht gewählt. Vor Beginn der Sitzung hatte Harald Muras, langjähriger SPD-Kreisvorsitzender, gesagt: „Wenn das heute Abend schief geht, dann liegt es an meiner Partei.“ Aus der CDU gab es für die Kandidatin offenbar keine Stimme.
Sophie Fredenhagen machte vor der geheimen Wahl noch einmal deutlich, wo sie die Akzente ihrer Arbeit in Harburg setzen will. Einen Schwerpunkt, so die künftige Chefin im Rathaus, sehe sie im Wohnungsbau, vor allem im Bau von bezahlbaren Wohnungen. „Es geht mir nicht nur um die bloße Erhöhung der Wohnungszahlen. Es geht darum, mit den Wohnungen ein lebenswertes Umfeld zu schaffen, mit der nötigen Infrastruktur, am Bedarf der Menschen orientiert“, sagte Fredenhagen bei der Sondersitzung der Bezirksversammlung. Sie werde sich für Integration und Inklusion einsetzen.
„Wir alle leiden unter der Verkehrssituation, wie sie jetzt ist. Ich werde mich dafür stark machen, dass es eine Taktverdichtung von S-Bahn und Bussen gibt, dass Baustellen besser abgestimmt werden und dass der Fahrradverkehr gestärkt wird“, sagte sie. Wirtschaft und Wissenschaft müssten enger verknüpft und die Technische Universität Hamburg in Harburg (TUHH) erweitert werden. Auf ihrer Agenda stehe zudem die Modernisierung der Harburger Verwaltung sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Einen Aspekt sieht Fredenhagen in der Schaffung von Tele-Arbeitsplätzen in der Verwaltung: „Dabei bleibt aber auch künftig die persönliche Beratung der Kunden unverzichtbar.“ Sie stehe für eine direkte Kommunikation mit den Bürgern, sagte Fredenhagen.
SPD, Grüne und Linke konnte Sophie Fredenhagen mit ihrer Vorstellung gewinnen – wenigstens in der großen Mehrheit. Bei der FDP scheinen dennoch Zweifel an Fredenhagens Eignung für den Job geblieben zu sein. Karsten Schuster (FDP) hatte vor der Wahl angekündigt, dass seine Partei Fredenhagen ihre Stimme nicht geben werde. Und auch Kay Wolkau von den Neuen Liberalen hatte verkündet, seine Fraktion werde „nach bestem Wissen und Gewissen“ wählen – auch dort gab es also offenbar Uneinigkeit über Fredenhagens Qualifikation zur Bezirksamtsleiterin und keinen Fraktionszwang. SPD, Grüne und Linke hatten betont, Fredenhagen gemeinsam wählen zu wollen.
CDU-Fraktionschef Ralf-Dieter Fischer, erklärter Gegner der SPD-Kandidatin, versuchte noch in der Sondersitzung, Stimmung gegen die parteilose Fredenhagen zu machen. Weder habe sie einen adäquaten Führungsstil noch die „nötige persönliche Qualifikation“, sagte Fischer, der mit seinem Fraktionsvize Uwe Schneider schon in den vergangenen Monaten mit aller Macht versucht hatte, Fredenhagen zu demontieren.
Am Ende hat es dann doch gereicht für die ehemalige Kurzzeit-Sozialdezernentin von Buxtehude, die zuvor Jugendamtsleiterin im Bezirk Harburg war. „Ich bin sehr erleichtert und freue mich darauf, wieder jeden Morgen zum Rathaus zur Arbeit zu fahren“, sagte Sophie Fredenhagen nach der Wahl. „Die vergangenen Monate waren sehr belastend für mich.“
Der Hamburger Senat wird Sophie Fredenhagen als erste weibliche Bezirksamtsleiterin in Harburg in wenigen Wochen in ihr neues Amt einsetzen. Wann genau sie ihren Job im Harburger Rathaus antreten kann, ist noch nicht bekannt.
Gebt Fredenhagen eine Chance
Ein Kommentar von Sabine Lepél
Die Fußstapfen, in die Sophie Fredenhagen als Nachfolgerin von Thomas Völsch tritt, sind groß. Der im November 2017 verstorbene ehemalige Bezirksamtsleiter war überaus beliebt und verstand es hervorragend, in „seinem“ Stadtteil den Bürgermeister zu geben. Doch auch Völsch musste in diese Rolle hineinwachsen, auch ihm fehlteanfangs die Akzeptanz der CDU und ihres mächtigen Fraktionsvorsitzenden Ralf-Dieter Fischer, der in dem SPD-Mann zunächst nur einen schwachen Handlanger des Senats sah. Mag Fischers Kritik damals wie heute überzogen sein, wofür der CDU-Haudegen damals wie heute von vielen Seiten gescholten wird – ihre Wirkung hat sie nicht verfehlt. Thomas Völsch ist an ihr gewachsen. Vielleicht gelingt dies Sophie Fredenhagen ja auch. Die Chance dafür müssen ihr jetzt alle geben, denn sie wurde schließlich – wenn auch mit knapper Mehrheit – in einem demokratischen Verfahren gewählt.
Doch Fredenhagen muss diese Chance auch ergreifen. Für die erste Frau an der Spitze der Harburger Verwaltung kann das nur heißen: Raus aus dem Schneckenhaus, in das sie sich nach den zum Teil persönlichen Angriffen in den vergangenen Wochen zurückgezogen hatte und rein in den rauen Alltag des Hamburger Südens. Das von verschiedener Seite als „unwürdig“ und „unerträglich“ bezeichnete Gezerre um ihre Person muss Fredenhagen schnell hinter sich lassen. Schließlich ging es um das wichtigste Amt im Bezirk. Und an Gegenwind muss sich Harburgs neue „Bürgermeisterin“ ohnehin gewöhnen. Vielleicht hilft ihr, dass sich dieser im stürmischen Hamburger Süden drehen und zu Rückenwind werden kann. So wie bei Thomas Völsch.