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Die Börne zieht es nach Harsefeld

Die Börne zieht es nach Harsefeld

Die Börne, die gemeinnützige Gesellschaft für Soziale Dienste, plant, ihren Sprachheilkindergarten aus der Stader Innenstadt nach Harsefeld zu verlagern. Der Grund: In Stade findet die Börne nach eigenen Aussagen keinen Bauplatz. Es gibt deutliche Kritik an der Stadt.

Von Lars Strüning Mittwoch, 18.10.2017, 18:20 Uhr

Die Börne hat ihren Namen vom jetzigen Standort in der Stader Altstadt. Dort findet sich der Sprachheilkindergarten mit sechs Gruppen à acht Kindern und das Autismus-Therapiezentrum. Die Gesellschaft kümmert sich um die Betreuung von Behinderten. Die drei Gesellschafter, allen voran der Verein Hilfe für Behinderte, kommen aus Stade. Vorsitzende Inge Riedel, die lange auch Börne-Geschäftsführerin war, spricht den emotionalen Teil der neuen Entwicklung an: „Das ist extrem traurig, wir sind sehr verbunden mit der Stadt.“

Stefanie Mencke, seit gut einem Jahr die Börne-Chefin, weiß um die Gefühlslage der Börne-Mitarbeiter: „Das ist emotional schwierig, aber rational nachvollziehbar.“ Die Gebäude an der Börne seien sanierungsbedürftig, vor allem der Brandschutz brenne unter den Nägeln. Laut Mencke müsse die Börne Millionen investieren. Der Plan: Die Börne verkauft die Häuser mit den Nummern 7, 9 und 15, verlagert das Autismus-Zentrum in die Zentrale nach Ottenbeck und baut einen neuen Kindergarten. Käufer wird die Stadt sein, die Rathaus-nah dringend neue Büro-Räume für die Mitarbeiter der Verwaltung schaffen will. Das bestätigte Bürgermeisterin Silvia Nieber dem TAGEBLATT.

Damit die Pläne umgesetzt werden können, benötigt die Börne ein etwa 2400 Quadratmeter großes Grundstück für den Kindergarten-Neubau. In Stade ist sie nicht fündig geworden, auch weil – so der Vorwurf – die Stadt sich nicht sehr hilfsbereit gezeigt habe. Inge Riedel: „Wir sind enttäuscht von der Stadt.“ Ähnlich reagierten Vertreter vom Verwaltungsrat und weitere Gesellschafter.

Vor allem die Auflage der Stadt zu garantieren, dass es sich um einen Sprachheilkindergarten handeln muss und eine mögliche Änderung in einen Regelkindergarten von der Stadt genehmigt werden müsste, ärgert die Börne-Verantwortlichen. Denn: In Zeiten der Inklusion ist absehbar, dass behinderte und nicht-behinderte Kinder grundsätzlich auch im Kindergarten gemeinsam betreut werden. Die Börne will beide Formen zusammenführen. Das wiederum schürt die Sorge der Stadtverwaltung und der Politik, dass Konkurrenz zu ihren eigenen Einrichtungen entstehen könnte, zum Beispiel zum Neubau, der in der Heidesiedlung entstehen wird.

Börne-Geschäftsführerin Stefanie Mencke verweist auf die Subsidaritätsklausel, nach der Einrichtungen freier Träger von der Stadt zu unterstützen sind. Die freie Wohlfahrtspflege werde in Stade an den Rand gedrängt, sagt Inge Riedel, das sei beachtlich und frustrierend zugleich, Schließlich wolle die Börne zwei Millionen Euro in die Hand nehmen. Riedel und Mencke wundern sich, dass es so schwer ist, in der Stadt ein geeignetes Grundstück zu finden. Die Gespräche wurden als zäh beschrieben.

Was das Umfeld der Börne auch verärgert: Die Stadt will sich einen 30 Jahre alten Zuschuss in fünfstelliger Höhe zur Gründung der Aktivitäten zurückzahlen lassen, der als Grundschuld bei den Börne-Gebäuden eingetragen worden ist. „Völlig unüblich“ heißt es aus dem Verwaltungsrat. Selbst der Landkreis verfahre anders und erlasse diese Grundschuld. Stade verfährt anders, behandelt dabei aber alle Einrichtungen gleich.

Dass es auch ganz anders geht, zeigt der Flecken Harsefeld. Mencke berichtet von positiven Signalen, geeigneten Grundstücken und einem herzlichen Willkommen. Die Verwaltungsspitze sei mit ihr durch die Gemeinde gefahren und habe ihr mehrere Standorte gezeigt. Offenbar sind sich beide Seiten schon handelseinig geworden. Gesellschafter und Verwaltungsrat, so Mencke, hätten sich entschieden, die Gespräche mit der Stadt einzustellen: „Es wird Harsefeld werden.“

Vielleicht würden weitere Geschäftsfelder folgen. Erst einmal sind 30 Mitarbeiter betroffen – und die Kinder, die sich an neue, vielleicht auch weitere Anfahrtswege gewöhnen müssen. Jetzt müssen die planungsrechtlichen Voraussetzungen von der Kommune für den Neubau geschaffen werden, dann folgt noch die Bauzeit. Früher als in zwei Jahren wird der Umzug kaum erfolgen können. Bernd Meinke, Vize-Chef im Harsefelder Rathaus, bestätigt das Interesse auf beiden Seiten und geht von positiven politischen Beschlüssen aus, um die Börne im Flecken anzusiedeln.

Stades Bürgermeisterin Silvia Nieber weist die Kritik, die Stadt habe sich nicht bemüht, „entschieden zurück“. Der Börne seien Flächen in Schölisch und Riensförde (am Fredenbecker Weg bei den Obdachlosen) angeboten worden. Es habe mehrere Gespräche gegeben. Wenn die Börne nach Harsefeld aussiedle, sei das sehr bedauerlich. Mehr Möglichkeiten habe sie nicht, Bauland ist rar in der Stadt. So bittet der SPD-Fraktionsvorsitzende Kai Holm „um Geduld“, um eine Lösung zu finden. CDU-Kollegin Kristina Kilian-Klinge regt einen runden Tisch an, um das Problem zu lösen. Das scheint zu spät zu kommen.

Ein Kommentar von Lars Strüning

Ein Kernstück der Börne, der Sprachheilkindergarten, verlässt Stade. Dabei ist er ein Ur-Stader Gewächs. Er gehört zwischen Börne und Backeltrog zum Bild der Stadt – auch emotional. Seit mehr als 37 Jahren leistet die Börne gute Arbeit für die Menschen in der Stadt, sie jetzt kampflos ziehen zu lassen, ist kein Ruhmesblatt. Weder für die Politik noch für die Verwaltung.

Die wenigen aus dem Rathaus, die eingeweiht waren, haben offenbar den Ernst der Stunde nicht erfasst. Mit Geduld und runden Tischen zu kommen, ist zu wenig. Ehrliches Bemühen sieht anders aus. Auffällig ist, wie niedrig das Thema gehandelt worden ist. Viele in der Politik wussten nichts von den Verhandlungen mit der Börne. Ein weiteres Armutszeugnis in dieser für die Stadt trostlosen Geschichte.

Der Umgang mit der Börne ist auch ein Zeichen dafür, dass die Verwaltung derzeit an der Grenze ihrer Kapazitäten arbeitet, sich Themen nicht so widmen kann, wie es zu erwarten wäre. Die Unruhe mit der Straßenausbau-Beitragssatzung, die auch nach dem jüngsten Ratsbeschluss noch spürbar ist, die Qual mit dem Parkhaus, die aufwendigen Pläne für den neuen Stadtteil in Riensförde verbunden mit dem Bau von Kindergärten und Co. sowie mit einer neuen Schullandschaft in Stade, das neue Stadtmarketing-Konzept – das alles und noch viel mehr bindet die Kräfte. Schon die Blamage mit der Verwaltungsvorlage zur Obdachlosen-Unterkunft zeugte von der Überlastung im Rathaus. Auch dieses Thema wurde nicht sauber abgearbeitet.

Zu einem Streit gehören immer zwei Seiten. Stefanie Mencke ist als Gesprächspartnerin gewiss nicht einfach. Sie fordert viel, hat klare Vorstellungen und wenig Geduld. Das darf aber kein Grund dafür sein, dass eine gute Sache nicht intensiv weiter verfolgt wird. Wo ein Wille ist, findet sich ein Weg. Die Stadt hat beides nicht gezeigt. Kurzum: Der Wegzug des Börne-Kindergartens hätte ihr nicht passieren dürfen.

Sie kam, sah und räumte auf: Stefanie Mencke ist seit Juni 2016 Geschäftsführerin der Börne in Stade und damit Chefin von 240 Mitarbeitern an 13 Standorten. „Wir werden jeden Stein umdrehen“, kündigte sie im TAGEBLATT-Gespräch vor gut einem Jahr angesichts eines ständigen Minus im Jahresabschluss an. „Finanziell war es 1 vor 12“, sagt Mencke. So habe die Börne Probleme gehabt, die Gehälter der Mitarbeiter pünktlich zu zahlen.

Die Geschäftsführerin hat Wort gehalten. Sie habe jeden Stein umgedreht. Das hat nicht allen gepasst, war aber aus ihrer Sicht alternativlos. Das Ergebnis scheint ihr Recht zu geben: Bereits 2016 wurde ein sechsstelliges Plus erwirtschaftet. 2017 gestalten sich die Zahlen derart gut, dass ein Sonderbonus von 300 000 an die Mitarbeiter ausgezahlt werden konnte. Mencke: „Die Bedrohungsszenarien können wir ad acta legen.“ Inge Riedel, eine der Vorgängerinnen Menckes und Gesellschafterin über den Verein Hilfe für Behinderte, bestätigt den Aufwind: „Wir sind hochzufrieden mit der ganzen Entwicklung.“

Das A und O des Neuanfangs seien Gespräche mit den Kostenträgern gewesen. Hier sei in der Vergangenheit nicht angemessen und regelmäßig verhandelt worden. Mencke spricht von Versäumnissen. Sie habe Vergütungserhöhungen von bis zu 50 Prozent erreicht. Zu diesen externen Dialogen kam intern ein neuer Wind. In Teilen der Mitarbeiterschaft musste eine neue Kultur verankert werden mit der zentralen Frage: „Wie gehe ich mit meiner Arbeitszeit um?“. Wenn für eine Physiotherapie 40 Minuten aufgewendet, aber nur 15 entlohnt wurden, habe das die Grenzen der Wirtschaftlichkeit überschritten, so Mencke. Von den Neuerungen sei jeder Bereich der Börne betroffen. Ein Großteil, so Mencke, habe das „hervorragend mitgetragen“. Für andere sei das „der Moment der Veränderung“ gewesen. Sie haben die Börne verlassen.

Für Mencke zählt vor allem auch die Rückmeldung von den Gesellschaftern mit dem Tenor: „Schön, dass die Arbeitsplätze wieder sicher sind.“ Die Börne wird getragen von dem Verein Hilfe für Behinderte, dem Verein für Sozialmedizin und dem Gehörlosenverein Niederelbe.

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