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Interview

Gerhard Strate: „Ich setze mich gern für Menschen ein, denen Unrecht geschehen ist“

Gerhard Strate in der Bibliothek seiner Kanzlei in der Hamburger Innenstadt. Foto: Markus Lorenz

Gerhard Strate in der Bibliothek seiner Kanzlei in der Hamburger Innenstadt. Foto: Markus Lorenz

Der 72-Jährige Strafverteidiger ist legendär für seine erfolgreichen Wiederaufnahmeverfahren, die in Deutschland fast so selten sind wie Sechser im Lotto. Im Gespräch mit TAGEBLATT-Mitarbeiter Markus Lorenz erzählt Gerhard Strate, was er in Gerichtssälen alles erlebt hat.

Von Markus Lorenz Samstag, 30.04.2022, 12:00 Uhr

Herr Strate, sind Sie rechthaberisch?

Natürlich. Jedenfalls, wenn ich meine, dass mein Standpunkt richtig ist. Aber man muss auch offen bleiben und zuhören. Es ist wichtig, in Strafprozessen die Gegenseite zu verstehen und so die eigenen Schwachpunkte zu erkennen.

Braucht ein Verteidiger eine gewisse Streitlust?

Selbstverständlich. Juristisches Kräftemessen gehört in Prozessen dazu. Wobei die Streitlust sich nicht immer in Lautstärke niederschlägt.

Ist es auch die Lust am Detektivischen?

Ja. Wenn ich nicht Anwalt geworden wäre, dann am liebsten Leiter einer Mordkommission. Die Tätigkeit eines Kripobeamten ist der eines Strafverteidigers sehr, sehr ähnlich. Es geht immer darum, die Beweislage gründlich zu bewerten.

Führen Sie Statistik darüber, wie viele Prozesse Sie gewonnen und verloren haben?

Nein. Das wäre freudlos. Man muss sich als Strafverteidiger darauf einstellen, dass auf neun Niederlagen ein Erfolg kommt.

Warum sind Sie Jurist geworden?

Eigentlich wollte ich Soziologie studieren. Dann habe mich kurz davor aber doch für Jura entschieden. Ich wollte meiner Mutter zeigen, dass ich was Seriöses mache.

Warum gerade Strafverteidiger?

Das hatte viel damit zu tun, dass ich 1975 selbst Angeklagter in einem Strafprozess war. Wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt und versuchter Gefangenenbefreiung.

Wie kam das?

Die Polizei hatte eine Demonstration hier in Hamburg aufgelöst. Ein Demonstrant konnte wegen einer Kinderlähmung nicht schnell genug weglaufen und wurde von vier Polizisten zu Boden geworfen. Ich habe einen der Polizisten kräftig am Oberarm gefasst und gesagt: „Lassen Sie den Mann los, der ist krank.“ Der Polizist – ein Schrank von zwei Metern – sagte: „Was willst Du denn?“ und nahm mich fest.

Wie ist das ausgegangen?

Der Amtsrichter hat mich zu 100 Tagessätzen verurteilt, womit ich als vorbestraft gegolten hätte. Bei dem Urteil dachte ich: In welchem Film bin ich hier? Das hat mich sehr motiviert, Strafverteidiger zu werden. Das Urteil wurde in der Berufung auf 70 Tagessätze abgemildert. In der Revision ist es gegen eine Zahlung von 1000 Mark an Amnesty International eingestellt worden.

Muss man für den Job Gerechtigkeitsfanatiker sein?

Fanatiker nicht, man darf sich nie verrennen und muss alles mit Verstand angehen. Aber wenn ich zu der Überzeugung gekommen bin, dass jemand unschuldig ist, dann bin ich auch hartnäckig bis penetrant (lacht).

Bekannt wurden Sie vor allem mit erfolgreichen Wiederaufnahmeverfahren, die in Deutschland extrem selten sind. Was liegt Ihnen gerade an dieser Art von Fällen?

Ich setze mich gern für Menschen ein, denen Unrecht geschehen ist. Es geht mir schlicht um Gerechtigkeit. Ich gebe aber zu: Wenn sich die Erfolge in der öffentlichen Wahrnehmung sehr breit niederschlagen, verschafft mir das auch eine gewisse Genugtuung.

Ihr größter Triumph war der Fall von Monika Weimar, jetzt Böttcher, die als Mörderin ihrer beiden Töchter verurteilt war. Sie haben in der Wiederaufnahme einen Freispruch erreicht. Später ist Frau Böttcher für die Tat doch rechtskräftig verurteilt worden. Ärgert Sie das?

Nein. Nachdem die Revision gegen die neue Verurteilung verworfen war, habe ich nichts mehr unternommen. Auf eine Verfassungsklage haben wir verzichtet. Ich musste das abhaken, und das konnte ich auch.

Sie halten Frau Böttcher noch immer für unschuldig?

Ja, natürlich. Davon bin ich weiterhin fest überzeugt.

Sie waren Mitglied im Kommunistischen Studentenverband. Verstehen Sie sich als 68er?

Nicht mehr. Aber ich fühle mich der Offenheit und der Herzenswärme eng verbunden, die 1968 unter den Studenten bestand. Das war eine schöne Zeit.

Kommunismus war ein Irrweg?

Das würde ich nicht sagen. Ich habe bei Marx und Engels sehr viel gelernt. Ich bin dann aus der kommunistischen Organisation ausgeschlossen worden, wegen Rechtsabweichlertum. Und danach habe ich nie mehr vorgegebene Linien verfolgt, sondern nur noch meine eigenen. In meinen älteren Jahren bin ich sicherlich konservativer geworden. Gendersprache zum Beispiel finde ich furchtbar und bin dabei, dagegen eine Verfassungsbeschwerde zu entwerfen.

Sie haben die Manager der HSH Nordbank wegen schwerer Untreue angezeigt. Am Ende sind die Verantwortlichen mit Geldstrafen davongekommen. Die Kleinen hängt man, die Großen kaufen sich frei: Ist die deutsche Justiz so?

Natürlich kommt so etwas vor. Manche große Fälle kommen gar nicht erst vor Gericht, gerade in der Wirtschaftskriminalität.

Verbittert Sie das?

Nein, ich konstatiere das nur. Ich weiß, dass wir in einem Staat leben, dessen Wirtschaft primär durch Kapitalismus bestimmt ist. Ich bin da kein Kommunist mehr, meine Rebellion hält sich in Grenzen. Ich weiß aber eben auch, dass wir in einem Staat leben, der im Gegensatz zu vielen anderen eine Insel der Glückseligkeit darstellt. Das betrifft die Rechtsstaatlichkeit und die Verlässlichkeit staatlicher Institutionen.

Sie haben auch den früheren Bürgermeister und jetzigen Bundeskanzler Olaf Scholz angezeigt, in dem Fall wegen seines Verhaltens in der Cum-Ex-Affäre. Die Ermittlungen wurden nach vier Wochen eingestellt. Ernüchternd, oder?

Naja, die Sache geht ja weiter. Ich habe Beschwerde gegen diese Entscheidung eingereicht und denke, dass da noch einiges rauskommen wird.

Was werfen Sie Scholz vor?

Er hat im Untersuchungsausschuss 100 Mal gesagt, dass er sich nicht an die Inhalte der Gespräche mit den Inhabern der Warburg Bank erinnern kann. Das ist nicht glaubwürdig. Es war schon völlig deplatziert, dass er überhaupt als Bürgermeister Christian Olearius (Miteigner der Bank, die Red.) empfangen hat, obwohl gegen diesen wegen schwerer Steuerhinterziehung ermittelt wurde. Olaf Scholz sollte als Kanzler zurücktreten.

Welche Rolle spielt Eitelkeit in Ihrem Beruf?

Das ist ein Faktor. Jeder Mensch, der ein gewisses Selbstbewusstsein hat, hat auch das Bedürfnis, das mit einer guten Darstellung umzusetzen. Der Begriff Eitelkeit gibt dem Ganzen aber einen maliziösen Beigeschmack.

Mit 72 müssten Sie nicht mehr arbeiten, tun es aber weiterhin. Warum?

Weil mir der Job so große Freude macht. Ich bin jeden Tag dankbar und denke: Schön, dass Du diesen Beruf gewählt hast. Das ist ein großes Privileg.

Trotz aller Erfahrungen, auch mit Straftätern: Sind Sie Menschenfreund geblieben?

(lacht) Natürlich. Auch wenn ich merke, dass der Anstand und die Sittsamkeit, die wir uns in unserer Zivilisation angeeignet haben, manchmal ein sehr dünner Firnis sind. Ich habe mit Verbrechen zu tun gehabt, die ich so nie für möglich gehalten hätte. Ich sage mir dann: Das sind alles Gottes Kinder. Aber wenn man merkt, welches böse Tier in jedem stecken kann, ist das schon erschreckend.

Bitte ergänzen Sie...

FC St. Pauli oder HSV? HSV

Alster oder Elbe? Alster

Kino oder Theater? Kino

Alsterwasser oder Wein? Weißwein

Klassik oder Pop? Klassik

Hafencity oder St. Pauli? Hafencity

Wenn ich richtig gut essen will in Hamburg, dann gehe ich… ins Jin Giu im Hotel Tortue.

Wenn bei mir mal alles schiefläuft, dann… höre ich Tschaikowskis 1. Klavierkonzert.

Wenn ich einen Tag Bundeskanzler wäre, dann… würde ich Urlaub nehmen.

Zur Person

Gerhard Strate ist 1950 in Zella-Mehlis in der damaligen DDR geboren und kam als Dreijähriger nach Hamburg. Er machte in Geesthacht (Kreis Herzogtum Lauenburg) Abitur und wurde nach dem Jurastudium in Hamburg Strafverteidiger.

Die Liste seiner Mandanten strotzt vor bekannten Namen: Mounir al-Motassadeq, die Unternehmer Carsten Maschmeyer und Alexander Falk, die Hamburger Kiez-Größen Ringo Klemm und Burim Osmani, VW-Patriarch Ferdinand Piëch, die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel und etliche mehr. Bekannt wurde der Klassikliebhaber vor allem, als er 1997 in einem spektakulären Wiederaufnahmeverfahren einen Freispruch für Monika Weimar (Böttcher) erkämpfte.

Zuletzt erstattete Strate Strafanzeige gegen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) wegen dessen Rolle in der Warburg/Cum-Ex-Affäre. Gerhard Strate ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Er lebt in Hamburg-Mitte.

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