Mönchsgrasmücke verändert genetisch festgelegtes Zugverhalten
Ein Mönchsgrasmücken-Männchen . Foto: Paulin
Mönchsgrasmücken sind in den Gärten im Landkreis Stade fast alltägliche Gäste. Ihr flötender Gesang ist auffällig. Auch die dunkle Befiederung am Kopf der Männchen ist ein typisches Merkmal. Sie geben ein Beispiel für die Evolution vor unserer Haustür.
Von Wolfgang Kurtze
Mönchsgrasmücken sind im Sommer überwiegend Insektenfresser, im Winter ernähren sie sich vielfach von Früchten. Doch interessant ist dies: Sie sind Zugvögel. Die Forschung an ihnen erbrachte in den letzten Jahren überraschende Ergebnisse.
Unter Mönchsgrasmücken gibt es Vögel, die entweder nach Spanien oder nach Afrika ziehen. Der Zoologe Peter Berthold und seine Arbeitsgruppe konnten anhand von Experimenten nachweisen, dass das Zugverhalten der Mönchsgrasmücken erblich bedingt ist. Die Nachkommen von Spanienziehern zogen im Herbst ebenfalls nach Spanien, die der Afrikazieher nach Afrika.
Forschung auf den Kopf gestellt
Doch dann fand Professor Berthold heraus, dass beim Zug nach Spanien etwa ab 1960 manche Grasmücken nach England abbogen. Und es wurden innerhalb weniger Jahre immer mehr. Das milde Winterklima und die Winterfütterung in England gefielen ihnen offensichtlich. Üblicherweise vererben sich Verhaltensweisen erst nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden. Doch dass sich Merkmale innerhalb weniger Jahre so stark verändern, das stellte die Forschung total auf den Kopf. Es musste also in den Zellen der Mönchsgrasmücken einen Schalter geben, der das Zugverhalten schnell umstellen konnte. Evolution zum Zuschauen also. Der Schalter ist zwar (noch) nicht bekannt, aber es ist sicher, dass Veränderungen wie Winterklima oder Winterfütterung innerhalb von wenigen Jahrzehnten die Gene der Grasmücken verändern konnten. Inzwischen geht die Forschung davon aus, dass sich in 60 Jahren mindestens drei Gruppen gebildet haben: die „neue“ Englandgrasmücke, die „alte“ Spaniengrasmücke und die immer noch vorhandene Afrikagrasmücke.
Auch bei uns in Niedersachsen werden im Winter immer mehr Mönchsgrasmücken beobachtet. Bahnt sich hier eine Evolution auch direkt vor unserer Haustür an? Es wird spannend zu sehen sein, welche Veränderungen in den nächsten Jahren eintreten. Und es wird sich die Frage stellen, ob auch bei anderen Vogelarten die Umwelt in so kurzer Zeit, deren Gene verändern kann.
Serie: Phänomene der Natur
Was kreucht und fleucht denn da in der Region? Wolfgang Kurtze, Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Das TAGEBLATT veröffentlicht die Artikel des promovierten Biologen in loser Reihenfolge.