TOliver Ioannou zeigt das D/A-Heiligtum
Bis Heiligabend öffnet das TAGEBLATT 24 Türen, die sonst verschlossen sind – und erzählt die spannenden Geschichten dahinter. Heute zeigt Oliver Ioannou dem TAGEBLATT das Heiligtum des Fußball-Regionalligisten SV Drochtersen/Assel.
Mit einem wasserfesten Stift hat der vermutlich beste Fußballstürmer der Welt an der Bank in der Umkleidekabine im Kehdinger Stadion in Drochtersen sein Autogramm hinterlassen. Robert Lewandowski. Die Nummer 9 des deutschen Rekordmeisters FC Bayern München. „Eine coole Sachbeschädigung“, sagt der Fußballer des Regionalligisten SV Drochtersen/Assel, Oliver Ioannou (32), und lächelt. Ioannou zeigt dem TAGEBLATT die urige Kabine und erzählt, warum so mancher Gegner das anstehende Spiel bereits in der Umkleide verloren hat.
Lewandowski schrieb seinen Namen nach dem DFB-Pokalspiel 2018 auf das Holz neben die Kleiderhaken. Die Bayern bissen sich damals beim knappen 1:0-Sieg an D/A fast die Zähne aus. Schräg gegenüber verewigte sich Corentin Tolisso. Dort, wo Oliver Ioannou seit sechseinhalb Jahren sitzt, steht seit diesem Tag im August 2018 der Name von Kingsley Coman. „Die Umkleidebänke wären später vielleicht was für ein Drochterser Sportmuseum“, sagt Oliver Ioannou. Oder der Verein versteigert die Möbelstücke für einen guten Zweck.
Keine Luxuskabine
Die Kabine hat ihre besten Tage längst hinter sich. Die Wände aus rotem Backstein stammen aus den frühen Achtzigerjahren, als die Dreifachturnhalle in Drochtersen gebaut wurde. Einige Kunststofflamellen an der Decke haben sich abgelöst oder fehlen ganz. Die schmalen Bänke sind aus Holz. An einer der Duschen geht das Wasser nur mit einem Trick aus. Es würde sonst die ganze Nacht laufen. „Aber ich wünsche mir nicht mehr Komfort“, sagt Oliver Ioannou. Die Kabine sei warm, das Wasser auch. Warmes Wasser bieten nicht alle Regionalligisten. Zuletzt hatte sich Oliver Ioannou in Norderstedt richtig geärgert. 90 Minuten Fußball bei gerade mal drei Grad plus und dann war das Wasser in der Dusche eiskalt. Eine Zumutung.
Oliver Ioannou hat seinen festen Platz in der D/A-Kabine, seit er vom Lüneburger SK Hansa nach Drochtersen gewechselt ist. Rechts neben ihm sitzt Ex-HSV-Profi Ashton Götz, links mit etwas Abstand Torwart Patrick Siefkes. Fußballer kommen und gehen bei D/A. Die Älteren, erzählt Oliver Ioannou, könnten sich einen freien Platz aussuchen. Die Jungen nehmen, was da ist. „Ich fühle mich heimisch hier. Vor allem, weil ich so lange da bin und wir so viele schöne Erfolge gefeiert haben“, sagt Oliver Ioannou.
Stimmung in der Kabine ist entscheidend
Die Freitagabende sind die schönsten. Flutlichtspiele, Siege gegen große Gegner. Enge Partien mit glücklichem Ausgang. Dann steigen legendäre Kabinenpartys. Der Mannschafts-DJ programmiert die Soundbox. Es wird laut. Die Spieler singen und tanzen. Mit ihren Stollenschuhen haben sie den Dreck mit in die Kabine gebracht. Es riecht nach Schweiß und Erde. Der Mannschaftsbetreuer baut Fleischplatten auf. Die Jungs trinken zusammen. Die kleinen Fenster über den Köpfen beschlagen von innen.
D/A-Spiele beginnen nicht mit dem Anpfiff auf dem Rasen. Spiele beginnen mit dem Betreten der Kabine. „Das Wichtigste vor dem Spiel ist die Stimmung, die in der Kabine herrscht“, sagt Oliver Ioannou. Die Spieler lachen, quatschen, haben einen flotten Spruch auf den Lippen. „In der Kabine wird die Basis dessen geschaffen, was später auf dem Platz passiert“, sagt Oliver Ioannou. Er selbst gibt als einer der erfahrensten Spieler in der finalen Ansprache in der Kabine den Ton an. Oliver Ioannou motiviert. Er kitzelt die letzten Prozent aus den Kollegen heraus. Da geht es gerne derbe zu, direkt.
Oliver Ioannou kann sich noch an die ersten Jahre in der Regionalliga erinnern. Die Gegner haben D/A unterschätzt. Wegen des Namens. Drochtersen/Assel. Asseln. Diese kleinen Krebsviecher, die gerne unter Laub, unter Steinen und Baumstümpfen leben. Viele Gegner haben die Kabine belächelt. Diese Enge, dieses Spartanische, dieses Abgewetzte. Die haben das Spiel schon lange vor dem Anpfiff verloren.