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Interview

Oliver Kohl: „Die Bundeswehr ist ein Spiegelbild der Gesellschaft“

Generalmajor Oliver Kohl , Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr. Foto: Ertel

Generalmajor Oliver Kohl , Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr. Foto: Ertel

Ein junger Soldat wartet an der Hauptwache der Clausewitz-Kaserne, so viel Militär muss schon sein, wenn der Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr, Generalmajor Oliver Kohl, empfängt. Im Gespräch bleibt keine Frage unbeantwortet.

Sonntag, 10.07.2022, 08:00 Uhr

Von Manfred Ertel

Haben Sie eigentlich schon die Geschichte vom russischen Zar „Peter der Große“ ins Ausbildungsprogramm aufgenommen?

Nein, das haben wir nicht. Was könnten wir denn für unser Handeln konkret von ihm lernen?

Vielleicht, was hinter Putins Gedankenspielen vom Großrussischen Reich stecken könnte? Anders gefragt: Welche Konsequenzen hat denn die viel zitierte europäische „Zeitenwende“ durch Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine auf die Aus- und Fortbildung an der Führungsakademie?

Für uns bedeutet es weniger, als Sie wahrscheinlich vermuten. Denn unter der Überschrift Landes- und Bündnisverteidigung geht es ja um das Kerngeschäft der Verteidigung, das militärische Handwerk. Und dies haben wir in der Führungsakademie immer ausgebildet. Wir müssen da keine großen Veränderungen unmittelbar vollziehen.

Bei einer Vorstellung von Arbeitsergebnissen der Akademie vor fünf Jahren hat der damalige Generalinspekteur gesagt, dass in Deutschland „die gesamtstaatliche Sicherheitsvorsorge gut aufgestellt“ sei. Würden Sie das heute so unterschreiben?

Durch die Zeitenwende und die Veränderungen, die es seit der Aussage gegeben hat, muss man sich natürlich noch mal anschauen, ob das, was damals aus seiner Sicht sicherlich richtig war, der heutigen Lage auch noch entspricht. Gesamtstaatliche Sicherheitsvorsorge verändert sich eben und passt sich neuen Herausforderungen an. Deshalb wird jetzt beispielsweise eine Nationale Sicherheitsstrategie entwickelt, an der wir als Führungsakademie mitarbeiten werden.

Das heißt, der Anspruch an die Führungsakademie geht über Fort- und Weiterbildung hinaus?

Seit vier Jahren ist die Akademie auch als Denkfabrik aufgestellt. Die damalige Ministerin Ursula von der Leyen hat gesehen, dass hier eine erhebliche Expertise vorhanden ist. Die wollen wir mehr nutzen. Deshalb haben wir das German Institut for Defense and Strategic Studies gegründet, kurz GIDS, zusammen mit der Helmut-Schmidt-Universität. Im Ministerium gibt es immer nur einen Referenten für einen Themenkomplex. Wenn es also darum geht, ein Thema in größerer Tiefe und Breite zu durchdenken, dann ist unsere Denkfabrik Führungsakademie der richtige Platz, das zu nutzen.

Militärs verfügten über eine „ausgeprägte Lösungskompetenz“ haben Sie mal gesagt. Was würde die der aktuellen Politik raten?

Ich maße mir jetzt nicht an, für den Generalinspekteur der Bundeswehr zu sprechen, denn der ist ja der erste militärische Berater der Bundesregierung. Für mich persönlich bedeutet diese Kompetenz eine ganz nüchterne Analyse dessen, was wir zum Beispiel jetzt gesehen und erlebt haben und klar festzulegen, was man vielleicht früher hätte erkennen können, wie wir damals reagiert haben, was wir zukünftig besser machen müssten. So profan das auch klingt: Am Ende des Tages geht es immer um die Aufgabe, Sachverhalte zu analysieren und zu Lösungsvorschlägen zu kommen.

Ist denn das, was etwa in der Russland-Politik politisch 20 oder 30 Jahre lang richtig war, weil es Frieden und Stabilität sicherte, heute falsch?

Das würden Sie aus meinem Munde nie hören. Weil Politik letztlich immer eine Frage von verschiedenen Interessen und von Kompromissen ist. Bei so einer Komplexität, klar zwischen richtig und falsch unterscheiden zu können, halte ich für ausgeschlossen. Was heute richtig ist, kann morgen schon wieder falsch sein, sowohl auf der Zeitachse als auch inhaltlich.

Die Absolventen der Führungsakademie bekämen eine besondere „Ungewissheitskompetenz“ mit, haben Sie mal gesagt. Was heißt das?

Militärisches Handeln ist letztendlich immer Handeln ins Ungewisse hinein. Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke passiert, wie sich Herausforderungen und Lagen entwickeln. Nichts ist so sicher, wie wir glauben. Deshalb muss Ungewissheitskompetenz uns befähigen, nicht in Schockstarre zu verfallen, wenn wir vor eine neue, unerwartete Situation gestellt werden, sondern darauf zu reagieren. Auf allen Ebenen, nicht nur für die Absolventen der Akademie.

Waren Sie persönlich kurz vor einer Schockstarre, als Putin am 24. Februar tatsächlich die Ukraine angegriffen hat, was viele Experten nicht für möglich hielten?

Von Schockstarre kann keine Rede sein. Gleichwohl hat es mich persönlich sehr wohl auch überrascht, dass sich Putin in dieses Wagnis begibt. Was mich allerdings bis heute ungläubig zurücklässt, sind die Fehleinschätzungen, die dieser Entscheidung offensichtlich zugrunde gelegen haben.

Wie gewiss können Sie denn der demokratischen Werte Ihrer Offiziere sein, angesichts immer wiederkehrender Meldungen über rechtsextremistische Umtriebe in der Bundeswehr?

Die politische Bildung insgesamt hatte und hat in den Streitkräften immer einen sehr hohen Stellenwert. Und wir setzen uns mit dem Problem sehr intensiv auseinander. Aber die Bundeswehr ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, man kann niemandem ansehen, was in dessen Kopf vorgeht. Natürlich gibt es immer wieder Fälle, die ich auch nur der Presse entnehme. Dann wird entsprechend reagiert. Aber der absolut größte Anteil, nicht nur in der Akademie, sondern auch in der Bundeswehr, steht fest auf dem Boden der Verfassung. Da bin ich zutiefst von überzeugt.

Braucht Deutschland vor dem Hintergrund der aktuellen Erfahrungen einen Nationalen Sicherheitsrat unter Einbeziehung von Militärs?

Am Ende müssen der Bundeskanzler oder die Verteidigungsministerin entscheiden, ob die Beratungsqualität und -quantität ausreichend ist. Ich kann jetzt nicht erkennen, dass es mit einem „Mehr“ an Soldaten oder Stabsoffizieren deutlich bessere oder schnellere Entscheidungen geben würde.

Wird der Beitritt Schwedens und Finnlands in die NATO zu einem neuen Kalten Krieg in Europa führen?

Zunächst mal sind wir ja jeden Tag Zeuge eines heißen Krieges in Europa, auch wenn die NATO nicht involviert ist. Wie sich die Situation in den nächsten Monaten entwickelt, wäre wie ein Blick in die Glaskugel. Die Gefahr ist sicherlich da. Das hat aber nichts mit einer möglichen NATO-Erweiterung zu tun, sondern mit dem expansionistischen Bestreben Putins und Russlands. Wir werden uns entsprechend aufstellen müssen. Ob wir andere Möglichkeiten unterhalb der Schwelle eines Kalten Krieges finden, das würde ich mir als einfacher Staatsbürger wünschen. Ich bin da jedoch nur begrenzt optimistisch.

Macht ein NATO-Beitritt der beiden nordischen Länder Europa trotzdem sicherer?

Zunächst einmal gibt es diesen beiden Ländern offensichtlich ein Gefühl von mehr Sicherheit. Und wenn Europa einheitlich auftritt, dann halte ich das vom Grundsatz her auch für ein „Mehr“ an Sicherheit für Europa.

Die Ukraine muss den Krieg gewinnen, sagen die einen, Putin darf ihn nicht gewinnen, fordern die anderen. Was sagen Sie?

Das scheint mir nicht die richtige Wortwahl. Niemand kann den Krieg wirklich gewinnen. Der Krieg muss beendet werden. Am Ende kann es keine militärische, sondern nur eine politisch-diplomatische Lösung sein. Und ich will auch als Staatsbürger und Mensch einfach nur hoffen, dass sich schnellstmöglich irgendeine Lösung findet, mit der beide Staaten und insgesamt auch Europa in der Praxis leben können. Auch wenn ich mir das aktuell nur schwer vorstellen kann.

Braucht es dazu mehr schwere Waffen und ganz andere Waffensysteme oder mehr Diplomatie?

Das ist immer ein Ausbalancieren und bedeutet, nichts von vornherein auszuschließen, damit man nicht berechenbar wird. Aber am Ende hat die Diplomatie immer die Oberhand. Und ich bin mir relativ sicher, ohne dass ich das belegen könnte, dass auf den diplomatischen Kanälen deutlich mehr läuft, als es der täglichen Presse zu entnehmen ist.

Warum liegt die Führungsakademie eigentlich in Hamburg, wo doch die sicherheitspolitische Musik in Berlin und Bonn spielt?

Tatsächlich ist die Hardthöhe in Bonn immer noch der erste Dienstsitz des Verteidigungsministeriums. Ursprünglich wurde die Akademie sogar in Bad Ems bei Koblenz aufgestellt, und der frühere Verteidigungsminister Franz Josef Strauß hätte sie sicherlich gerne nach München geholt. Die Entscheidung fiel dann aber auf Hamburg. In Zeiten der Digitalisierung und einer ICE-Strecke, die uns von Altona unter zwei Stunden nach Berlin bringt, sind das aber alles keine Entfernungen mehr. Und das Umfeld, das wir hier vorfinden, und damit meine ich auch die Weltoffenheit, die Internationalität der Stadt, ist einmalig und großartig. Da passen wir als Akademie mit Lehrgangsteilnehmern aus unterschiedlichen Ländern sehr gut rein. Wir würden ungern von hier nach Berlin gehen.

Persönliches

Wenn ich mal keine Uniform anhabe ... dann spiele ich mit meinen Enkeltöchtern.

Meine Lieblingsplätze in Hamburg ... sind das Treppenviertel in Blankenese mit Blick auf die Elbe und dann die Landungsbrücken, da kommt Fernweh auf.

Dass Labskaus kein Fischgericht ist ..., wusste ich auch, bevor ich nach Hamburg kam.

Tucholskys „Soldaten sind Mörder“ finde ich ... muss man in seiner Zeit sehen; als pauschale Verunglimpfung von Soldaten in der Gegenwart unerträglich.

Eine erste Bundeswehr-Generalin ... wird über kurz oder lang kommen.

Pension und Ruhestand sind ... noch weit weg.

Zur Person

Hamburg zieht sich beinahe wie ein roter Faden durch sein Leben. Der in Hattingen im Ruhrgebiet geborene Generalmajor Oliver Kohl (58) studierte von 1989 bis 1992 Pädagogik an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr, von 1999 bis 2001 absolvierte er an der Führungsakademie in Blankenese seinen Generalstabslehrgang. Seit 2018 ist er Kommandeur der Akademie, die als höchste militärische Ausbildungseinrichtung jährlich etwa 3000 Offiziere aus dem In- und Ausland aus-, fort- und weiterbildet.

Kohls militärische Erfahrung ist groß. Er arbeitete unter anderem als Referent und Referatsleiter im Bundesverteidigungsministerium, kommandierte das Panzerartillerielehrbataillon 325 in Schwanewede/Munster und befehligte die Panzergrenadierbrigade 41 in Neubrandenburg. Außerdem war er bei zwei Auslandseinsätzen in Bosnien (1998) und in Afghanistan (2011). „Hamburg fasziniert mich jedes Mal wieder aufs Neue“, sagt Kohl, „unser Sohn ist hier geboren, meine Frau und ich sind sehr gerne hier. So lange habe ich noch nie an einem Ort gewohnt und gearbeitet, dafür bin ich zutiefst dankbar.“

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