Polizeichef der Davidwache: „Haben hier überdurchschnittlich viel Gewaltkriminalität“
Polizeioberrat Sebastian Born ist seit September 2021 Herr über die weit über die Grenzen der Hansestadt bekannte Davidwache. Foto: Ulrich Perrey/dpa
Weit über die Grenzen der Hansestadt bekannt ist das Hamburger Polizeikommissariat auf St. Pauli, im Herzen vom Kiez – die Davidwache. Polizeioberrat Sebastian Born erzählt im Interview über die Arbeit auf St. Pauli und den Umgang mit seinen Bewohnern.
TAGEBLATT: Herr Born, muss man besondere Qualifikationen mitbringen, um Leiter der Davidwache zu werden?
Sebastian Born: Was man in unserem Beruf immer haben sollte, sind Kommunikationsfähigkeit und ein ausgeprägtes Maß an Empathie. Das gilt besonders für diesen Stadtteil.
Haben Sie sich speziell um die Leitung des Polizeikommissariats 15, also der Davidwache, beworben?
Nicht ich allein treffe die Entscheidung, welche Aufgaben bei der Polizei ich übernehme, sondern in erster Linie meine Vorgesetzten. Vorher war ich stellvertretender Leiter an der Caffamacherreihe, hatte Erfahrung in der Region Mitte. Also konnten sie sich sehr gut vorstellen, dass ich die Leitung der Davidwache übernehme. Als sie mich fragten, ob ich Lust dazu hätte, habe ich gern Ja gesagt. Schon mein Praktikum 2005 als Kommissaranwärter am PK 15 fand ich so spannend, dass ich gern hierher zurückkehren wollte.
Ist die Polizei auf St. Pauli näher an den Menschen dran als in anderen Hamburger Stadtteilrevieren?
Wir sind hier sehr vernetzt durch die örtliche Überschaubarkeit. Außerdem können wir die Wege auch zu Fuß erledigen, täglich sind viele Kollegen zu Fuß unterwegs. Das ist natürlich ein Plus, wenn es um den Kontakt und den Austausch im Stadtteil geht.
Bedauern Sie es manchmal, nicht mehr im Streifenwagen mit Blaulicht und Tatütata durchs Revier zu jagen, als Polizist nicht mehr an vorderster Front mitzuwirken?
Das ist ein Fakt. Man bewegt sich ein Stück weg vom Tatütata. Die Fahrt mit dem Streifenwagen steht aber ganz oben auf der Wunschliste. Genauso, wie bei den verschiedenen Dienstgruppen mal ein paar Schichten mitzumachen, um ein Gespür für eventuelle Probleme der Kolleginnen und Kollegen zu bekommen. Ich habe mich bewusst für diesen polizeilichen Weg entschieden. Das heißt aber nicht, dass ich im Elfenbeinturm sitze.
Auf der Reeperbahn nachts um halb eins – wenn es spannend wird, ist Ihr Dienst bereits beendet. Bedauern Sie das manchmal?
Grundsätzlich besitze ich ja die Freiheit, auch Freitag- oder Sonnabendnacht im Einsatz zu sein. Es gibt besondere Situationen wie Versammlungen, bei denen es erforderlich ist, dass die Führungsebene des Polizeikommissariats vor Ort ist. Es muss aber auch sinnvoll sein, nachts hier zu sein. Meine Kolleginnen und Kollegen machen ihre Arbeit schließlich auch gut, wenn ich nicht vor Ort bin.
Ist das Stresslevel hier etwas höher als in anderen Polizeirevieren?
Ja, aber nicht 24/7. St. Pauli ist ja nicht nur Vergnügungsstadtteil, sondern es gibt auch eine Wohnbevölkerung, Sie hat Sorgen und Nöte in einem ganz anderen Bereich als Menschen, die sich hier als Touristen oder als Vergnügungssuchende aufhalten. Am Wochenende müssen wir mehr Personal einsetzen als werktags vormittags. Dabei werden wir regelhaft auch unterstützt durch Kolleginnen und Kollegen der Landesbereitschaftspolizei.
Um welche Delikte handelt es sich schwerpunktmäßig auf dem Kiez?
Wir haben hier überdurchschnittlich viel Gewaltkriminalität wie Körperverletzungs- und Raubdelikte. Wo Menschen dicht beieinanderstehen, gibt es auch günstige Tatgelegenheiten für Taschendiebstähle. Seit das coronabedingte Abstandsgebot gilt, ist das allerdings etwas weniger geworden. Daneben sind wir natürlich mit Betäubungsmittelkriminalität konfrontiert.
Normalerweise gibt es nirgendwo so viele Straftaten auf kleinem Raum wie auf St. Pauli. Laut polizeilicher Kriminalstatistik (PKS) waren die Straftaten 2020 mit 12.500 Fällen aber rückläufig…
Generell waren die registrierten Straftaten zuletzt rückläufig. Das merkt man insbesondere am PK 15 sehr deutlich. Normalerweise gibt es hier sehr viele Feiernde. Aufgrund unterschiedlicher Maßnahmen zur Eindämmung des Pandemiegeschehens hatten wir teilweise weniger zu tun, was die Prävention oder die Verfolgung von Straftaten betrifft. Dafür sind aber andere Aufgaben dazugekommen. Wir kontrollieren Dinge, die vorher nicht in unserem Portfolio waren. Maskenpflicht, Alkoholmitführ- oder konsumverbote, Abstandsgebote, Ansammlungsverbote, Ausgangsbeschränkungen…
Wie hoch ist die Versuchung bei einem Arbeitsplatz mitten im Rotlichtviertel, mit dem Kiez auf Kuschelkurs zu gehen?
Die Ausbildung der Polizei Hamburg bereitet auch auf bestimmte Situationen vor – wie verhalte ich mich als Repräsentant in Uniform? Es ist am Ende auch eine Führungsaufgabe, nicht nur von der Leitung der Dienststelle, sondern auch von den Vorgesetzten in den jeweiligen Schichten, ein Auge darauf zu haben, die jungen Kollegen vorzubereiten und gegebenenfalls zu intervenieren. Ein gewisses Maß an Distanz ist zwingend erforderlich in diesem Bereich.
Haben Sie das Gefühl, dass die Menschen auf St. Pauli einen anderen Schnack Ihnen gegenüber haben als in einer anderen Dienststelle?
Das ist so. Für die Menschen hier ist es einfach normaler, jemanden direkt mit Du anzusprechen. Für mich heißt es nicht, dass jemand, der mich duzt, respektlos ist. Es ist für mich total in Ordnung. In der Regel sind es Menschen, die älter sind als ich, zu denen ich dann sage, „lass uns doch beim Du bleiben“. Ich habe das Gefühl, dass die formelle Hürde, die das Sie für den einen oder anderen birgt, durch den Einstieg mit dem Du nicht da ist.
Die Davidwache genießt weit über die Landesgrenzen hinaus Kultstatus. Wie können Sie sich des Ansturms neugieriger Besucher erwehren?
Es kommt vor, dass Menschen, die wer weiß wo eine Straftat erlebt haben, sie bei uns anzeigen, nach dem Motto: Ich wollte schon immer mal die Davidwache sehen. Bei Junggesellinnenabschieden wollen sie oft ein Selfie mit uns machen. Wenn dann aber gerade drei Strafanzeigen aufgenommen werden, passt das nicht. Die meisten Kollegen geben ohnehin lieber einen Stempel der Davidwache.
Gehen Sie selbst nach Feierabend auch gern mal auf dem Kiez feiern?
Ehrlich gesagt nie. Es hat einfach damit zu tun, dass ich aus dem Alter des Feierns deutlich raus bin. In der Tat könnte ich mich mehr erwärmen für Musicalbesuche. Ich habe schon sehr viele Musicals in Hamburg gesehen.
Einer Ihrer Vorgänger – Ludwig Rieland – wechselte nach der Pensionierung sozusagen die Seiten und wurde Casino-Chef auf der Reeperbahn. Wäre so eine Karriere auch für Sie vorstellbar?
Nein! Das wäre für mich undenkbar.
Bitte ergänzen Sie...
Ich mag den Kiez, weil … er ein ganz besonderer Bereich von Hamburg ist.
Wenn jemand fälschlicherweise Davidswache mit „s“ statt Davidwache sagt ... gebe ich ihm Hilfestellung, wie sie richtig heißt.
In meiner Freizeit … treibe ich Sport und verbringe Zeit mit der Familie.
Wenn keine Pandemie wäre … würde ich gern mal wieder Urlaub mit der Familie außerhalb von Deutschland machen.
Mich bringt auf die Palme, wenn … Menschen unehrlich sind.
Die schönste Ecke in Hamburg ist für mich … die Elbe. Ich mag das Wasser, ich mag das Hafenflair.
Zur Person: Der waschechte Hamburger Sebastian Born kam 1981 in Wandsbek zur Welt. 2001 machte er sein Fachabitur am Wirtschaftsgymnasium „Am Lämmermarkt“ und absolvierte von 2002 bis 2005 ein Polizei-Studium an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Fachbereich Polizei. Als er 2005 am Polizeikommissariat 15 – der Davidwache – ein Praktikum als Polizeikommissaranwärter machte, ahnte er nicht, dass er dessen Geschicke 16 Jahre später einmal leiten würde.
Nach dem Masterstudium an der Deutschen Hochschule der Polizei (2015 – 2017) folgten verschiedene Führungspositionen, bis er 2021 zum Leiter des Polizeikommissariats 15 ernannt wurde.
Der begeisterte Sportler und Marathonläufer ist seit 1995 Fußballschiedsrichter des SV Bergstedt. In der Vergangenheit war er Schiedsrichterassistent bis zur 3. Liga (u.a. bei Patrick Ittrich) und Schiedsrichter in der Regionalliga. Mittlerweile ist er Schiedsrichter in der Oberliga. Sebastian Born ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt im schleswig-holsteinischen Umland von Hamburg.