Schauspieler Marc Barthel: Von der Boyband zu „Inga Lindström“
Schauspieler Marc Barthel tanzt gerne und könnte sich vorstellen, bei „Let’s Dance“ mitzumachen. Foto: Fedora
Mit neuem, noch sprießendem Vollbart traf Darsteller Marc Barthel TAGEBLATT-Mitarbeiter Manfred Ertel in einer Café-Bar am Winterhuder Fährhaus zum Gespräch. Sein Look gehöre schon zur neuen Rolle. Ein Gespräch über Karrierechancen und den Hamburger Kiez.
TAGEBLATT: Warum werden Sie eigentlich bei Wikipedia als Sänger geführt?
Marc Barthel: Ist das so? Wahrscheinlich, weil ich mit 15 Jahren in eine Casting-Boyband gestolpert bin, wir einen Plattenvertrag hatten und zwei Jahre auf Tour gegangen sind. Das war das erste Mal, dass ich öffentlich wahrgenommen wurde. Tatsächlich hat die Schauspielerei als 17- oder 18-Jähriger dann aber viel besser funktioniert.
Würden Sie gern wie Robbie Williams von „Take That“ heute als Pop-Gigant durchstarten, oder ist die Zeit der Gigs und Groupies endgültig vorbei?
Also, die der Groupies auf jeden Fall. Sonst kriege ich von meiner Frau auf den Kopf (lacht). Aber irgendwie fehlt mir das schon ein bisschen: das Touren, im Studio zu arbeiten und gerade auch im Ausland Musik zu machen. Ich bin allerdings ein Mensch, der ungern halbe Sachen macht. Wenn, dann würde ich schon gern Zeit investieren können, auch Leidenschaft und Liebe, damit das gut wird, statt Musik nur so nebenbei zu machen.
Sie sind vor kurzem zum zweiten Mal Vater geworden. Wie fühlt sich das an?
Großartig! Das Leben zu Hause ist natürlich jetzt noch mal ganz anders als vorher. Viel aufregender und herausfordernder. Aber gerade, weil ich in Hamburg wohne, kann ich abends nach dem Dreh nach Hause kommen und teilhaben an unserem neuen Familienleben. Das ist wirklich wunderschön.
Was bedeutet das für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, denn immerhin ist Ihre Frau auch viel gefragte Schauspielerin?
Es ist eine totale Herausforderung. Anna spielt unheimlich gern Theater und Musical, ist also auch gewohnt, auf Tour zu gehen. Der fehlt das jetzt natürlich, aber die Zeit kommt ja wieder. Kinder werden leider Gottes viel zu schnell groß und selbstständiger. Jetzt bin ich gerade mal der, der uns finanziell den Rücken freihält. Und Anna hält uns zu Hause unheimlich den Rücken frei, dass ich das alles machen kann und darf.
Wie hilfreich ist dabei eine wöchentliche Serie, obwohl für die fast täglich gedreht werden muss?
Sie hilft auf jeden Fall. Gerade auch in der Corona-Zeit hat man gemerkt, wie wichtig es ist, etwas Konstantes zu haben. Wir haben unter strengen Corona-Auflagen weiter hervorragend funktioniert, hatten fast keine Corona-Fälle und es war für uns ein sicheres Gefühl, auch weiter arbeiten zu können. Für mich umso besser, abends nach Hause kommen zu können, Zeit für die Familie zu haben und trotzdem zu wissen, ich kann morgen weiter arbeiten. Der Mix ist wirklich hervorragend. Sonst hätte ich mich auch nicht für Hamburg entschieden.
Sie haben bereits mit zwölf Jahren eine Ausbildung in Gesang und Choreografie begonnen. Warum sind Sie trotzdem Schauspieler geworden?
Mein großer Traum als Jugendlicher war, Sänger zu sein. Ich war nie der beste Sänger, habe das aber immer mit total viel Leidenschaft gemacht und wollte mich verbessern. Im jungen Alter hatte ich die Chance, wirklich fast jedes Wochenende und in den Ferien von Berlin nach Hamburg zu fahren und dort eine Gesangs- und Studioausbildung zu machen. Das haben meine Eltern auch unterstützt.
Sie haben sich aber trotzdem anders entschieden.
Nach zwei Jahren Karriere als Boyband-Sänger bin ich plötzlich wieder in meinem Kinderzimmer gelandet, bei Hotel Mama. Wir wurden plötzlich nicht mehr angesprochen oder gebucht, alles fiel weg. Und wir hatten fast kein Geld verdient. Alle Leute haben an uns verdient, außer wir selbst. Dann musste ich zur Bundeswehr. Einen größeren Kontrast gab es gar nicht. Aber diese Bundeswehrzeit hat mir unheimlich geholfen, mich wieder zu erden. Nach dieser sehr arroganten Jugendzeit, in der man mit 16 fast alles bekam, was man sich erträumte: Aufmerksamkeit, Reichweite, Mädchen. Danach musste ich irgendwie Geld verdienen, habe mit der Komparserie in Berlin angefangen und gemerkt: Wie cool ist das denn? Die Liebe zur Schauspielerei hat sich dann immer mehr entwickelt und hat toll funktioniert.
Sie sind vor allem in Soaps und Vorabendserien durchgestartet, sind Sie ein spezieller Serientyp?
Komischerweise habe ich als Typ in Soaps immer ganz gut funktioniert und war sehr anpassbar für solche Formate. Für mich waren die eine unfassbar geile Schule: So viel Pensum zu drehen täglich, im schlimmsten Fall auch mal 60 Seiten Text zu lernen für den nächsten Tag. Ich musste wie eine Maschine einfach abliefern. Das war für mich die beste Schauspielschule, die ich durchlaufen konnte.
Was ist für Sie das Besondere am „Notruf Hafenkante“?
Hier kann ich total ausleben, was ich liebe. Mich hinzugeben in die Rolle, meine Figur zu entwickeln, die Storys mit zu entwickeln. Und gleichzeitig den autoritären Polizisten zu geben, der tolle Geschichten über Hamburg erzählen kann. Ich trete da in Fußstapfen von Kollegen, die das schon sehr lange und erfolgreich gemacht haben. Das ist eine große Ehre.
Sind Sie wegen der Serie nach Hamburg gezogen, oder spielen Sie in der Serie, weil der Drehort für Sie als Neu-Hamburger vor der Tür liegt?
(lacht) Ich bin vorher tatsächlich Berliner gewesen und habe mich dann entschieden, meine Familie einzupacken. Hamburg ist eine wunderschöne Stadt, und ich hatte keinen Bock mehr zu pendeln. Wir sind eine Familie, ich will mit ihr zusammen sein, sie unterstützen, deshalb sind wir hierhergezogen.
Wie schwer ist es für einen Zugezogenen, sich in die Hamburgensien einzufühlen, vor der die Serie ja trieft?
Gar nicht. Ich finde den Schnack in Hamburg unfassbar sympathisch. In den habe ich mich schon gleich am Anfang verliebt. Umso mehr Spaß macht mir das auch, mir diesen Hamburger Slang und diese norddeutsche Art anzueignen. In meiner Rolle bin ich ja ein Hamburger Jung aus Wilhelmsburg. Da ist es einfach wichtig, diese Sprache auch zu beherrschen und diese Art, ich liebe das total.
Aber gerade der Hafen und St. Pauli sind sehr speziell, gab es auch mal Eingewöhnungsschwierigkeiten?
Dadurch, dass ich in Berlin mitten im Kiez im Prenzlauer Berg gewohnt habe und nicht so bürgerlich, kannte ich viele dieser Kontraste wie in Hamburg auch. Wobei die in Hamburg noch mehr Charme haben. Auf St. Pauli kommst du manchmal plötzlich in eine ganz andere Welt. Kürzlich drehten wir am „Park Fiction“ mit den Plastik-Palmen vor der St. Pauli-Kirche, mitten zwischen lauter Hamburger Urgesteinen und den verschiedensten Typen, die zugeguckt haben. Und ich als Film-Bulle mittendrin. Das war fast ein bisschen wie Venice Beach Los Angeles und für mich als Schauspieler und auch persönlich eine coole Erfahrung.
War Ihre Haartransplantation eine rein professionelle oder eine sehr persönliche Entscheidung?
In erster Linie war das absoluter Egoismus. Als ich mit Anfang zwanzig merkte, dass mir genetisch bedingt die Haare ausfallen, habe ich sie mir erst mal ganz abrasiert und gedacht: Is‘ nu‘ mal so. Aber ich wollte immer lange Haare haben, als Jugendlicher wie der Fußballer David Beckham, ich wollte coole Haare haben. Deshalb habe ich mir gesagt: Ich muss das nicht hinnehmen, es gibt andere Möglichkeiten. Und weil ich es affig fand, nicht darüber zu sprechen, habe ich das Thema komplett offen behandelt, auch bei Youtube, und dafür so viel Zuspruch bekommen, das war der Wahnsinn.
Wie wichtig ist eine volle Haarpracht für einen Schauspieler?
Ich habe schnell verstanden, dass sie zumindest nicht unwichtig ist. Gerade wenn man bei Castings abgelehnt wird, weil man zu reif wirkt. Wenn man erst 23 Jahre alt ist, aber wie 33 aussieht. Das fängt irgendwann an, auch am Ego zu kratzen. Gleichzeitig merkte ich, dass ich als Typ nicht mehr so wandelbar bin. Das ist Jürgen Vogel vielleicht auch nicht. Aber Jürgen Vogel ist eben Jürgen Vogel (lacht).
Sie spielen gern Fußball, haben Sie sich in Hamburg schon für einen Verein entschieden?
Ich bin ja nach wie vor und leider Hertha-Fan. Ich bin mit Hertha BSC aufgewachsen und ging mit dem Hauptstadtklub ganz schön durch die Hölle. In Hamburg pflege ich tatsächlich Sympathien zu beiden Vereinen und könnte mich nicht festlegen (denkt nach). Überhaupt nicht.
Sind Sie ein guter Tänzer?
Wenn man meine Zeit in der Boygroup sieht, dann vielleicht (lacht). Ich tanze schon sehr gerne und hatte neulich auch mal ein Gespräch, ob Formate wie „Let’s Dance“ für mich in Frage kämen. Da hätte ich schon Lust drauf. Meine Frau tanzt hervorragend, da kann ich viel lernen. Beim Dreh für „Traumschiff“ Anfang des Jahres habe ich ein bisschen Rumba gelernt. Das hat tierisch Spaß gemacht. Aber da ist noch viel Luft nach oben.
Bitte ergänzen Sie...
Currywurst oder Fischbrötchen... Currywurst und tatsächlich nicht die Berliner Art, sondern die Hamburger Variante.
Labskaus oder Buletten... Buletten, mein Papa macht ganz hervorragende, manchmal auch mit Feta und Knoblauch.
Alster oder Elbe... Die Alster, sie erinnert mich an richtig schöne Text-Lernzeiten beim Sonnenuntergang.
St. Pauli oder Eppendorf... Kommt drauf an: Ich finde St. Pauli viel spannender, verbringe da gern viel Zeit, aber zum Wohnen gerade mit Kids sind Viertel wie Eppendorf gemütlicher.
Elbphilharmonie oder Live-Clubs ... Kann ich schwer beantworten. Die Kosten der Elbphilharmonie finde ich nicht so toll, aber sie ist ein tolles Wahrzeichen von Hamburg, wir haben da schon gedreht. Und vor allem habe ich meiner Frau dort den Heiratsantrag gemacht, also wohl Elbphilharmonie.
Stadtpark oder Jenischpark... Stadtpark, da habe ich mit meinem besten Freund schöne Tage auf der Fußballwiese oder im Natur-Schwimmbad verbracht.
Zur Person: Nach dem Casting einer Jugendzeitschrift wurde Marc Barthel 2006 Mitglied der Boygroup „Part Six“ und nahm mit dieser zwei Singles und ein Album auf, bevor er ab 2007 eine Solo-Karriere als „Jesse D’Lane“ versuchte. Er veröffentlichte sogar ein weiteres Album und drei Singles. Erfolgreicher war Barthel (33) allerdings als Schauspieler. Über Soaps und Serien wie „Gute Zeiten Schlechte Zeiten“ und vor allem „Verbotene Liebe“ etablierte er sich als Schauspieler und spielte in etlichen Filmen und Vorabendserien.
Mit Beginn der 14. Staffel stieß er 2019 als Polizist Kris Freiberg zum Team der ZDF-Vorabendserie „Notruf Hafenkante“. Die 17. Staffel lief im September an. Im Sommer 2015 unterzog sich Barthel erblich bedingt einer Haartransplantation und stellte sich offen dazu. Später gründete er sehr erfolgreich ein Unternehmen für Haarkosmetik: „Leon Miguel“.
Verheiratet ist Barthel mit der Schauspielerin und Musicaldarstellerin Anna Hofbauer. Ihr zweiter Sohn kam im Sommer zur Welt.