Schiedsrichter Patrick Ittrich: „Der Respekt gegenüber Amtsträgern ist weniger geworden“
Schiedsrichter Patrick Ittrich . Foto: Imago/Pressefoto Baumann
Hamburgs einziger Fußball-Bundesligaschiedsrichter Patrick Ittrich spricht im Interview über die Vorteile des Video-Assistenten, Vorurteile gegen die Männer und Frauen an der Pfeife und wie sich das Klima in der Gesellschaft verändert hat.
TAGEBLATT: Sie haben ein Buch über die Schiedsrichterei geschrieben. Wollten Sie Missverständnisse über den Beruf ausräumen?
Patrick Ittrich: Ja, das war tatsächlich meine Intention. Viele Menschen belächeln die Schiedsrichterei noch immer. Der Großteil der Leute im Stadion weiß immer noch nicht, dass es eigentlich eine eigene Sportart ist. Mit meinem Buch und meiner Social-Media-Präsenz leiste ich einen kleinen Beitrag, den Beruf des Schiedsrichters zu erklären.
Was machen sich viele Zuschauer nicht klar?
Die Komplexität dieser Sportart. Die mentale und körperliche Herausforderung, gerade in den höheren Klassen ist brutal. Die Leute wissen nicht, wie viel wir trainieren müssen, wie lange die Anfahrten sind, wie viel Zeit auf Videoanalysen und Lehrgängen nötig ist. Den Menschen ist auch nicht klar, was es heißt, eine falsche Entscheidung zu treffen und wie eine Sau durchs Dorf getrieben zu werden. Wie viel Druck wir aushalten müssen. Wobei ich den Druck nicht nur schlecht finde, er macht uns auch stärker.
Erreichen Sie die Fußballfans denn?
Ich habe schon das Gefühl, dass ich viele Menschen erreiche. Natürlich aber nicht jeden. Wenn ein Hardcore-Fan denkt „Der Ittrich ist doof“, dann ändere ich das nicht, wenn ich ihm mein Buch unter die Nase halte.
Wie sind Sie zur Schiedsrichterei gekommen? Ist es der einfachere Weg in die Bundesliga im Vergleich zu einer Karriere als Fußballspieler?
Der einfachere Weg ist es in der Tat. Ich selbst war früher ein sehr emotionaler Amateurspieler und habe mir auch mal wegen Sabbelei eine Gelbe Karte abgeholt. Irgendwann dachte ich mir dann: Mach es doch einfach besser. Ich bin allerdings auch von meinen besten Freunden eingeladen worden, die gerade selbst den Schiedsrichter-Schein gemacht haben und mich aufforderten, das mal auszuprobieren. Anfangs hatte ich keine Lust und wollte lieber selbst spielen. Irgendwann habe ich aber festgestellt, dass es mir Spaß macht, Entscheidungen zu treffen. Dann habe ich mich entschieden, die Schiedsrichterei zu forcieren.
Hatten Sie da schon den Glauben, dass Sie es bis ganz oben schaffen könnten?
Nein. Das passierte später. Ich habe einen Ehrgeiz entwickelt, aber ich habe in jungen Jahren nie an die Bundesliga gedacht. Erst als ich mal eine Klasse übersprungen habe und man mir auch gesagt hat: Du hast Talent, da dachte ich, ich könnte es in die höheren Klassen schaffen. Es gab aber auch immer wieder Brüche, wie den Abstieg 2003 aus der Regionalliga.
Weswegen sind Sie abgestiegen?
Ich hatte 2003 viel zu bewältigen. Meine Ausbildung als Polizist war beendet, ich musste mich in der Berufswelt zurechtfinden, meine Tochter wurde geboren, ich habe geheiratet. Als 24-Jähriger war ich reizüberflutet. Ich war zu unerfahren und habe vielleicht zu viele Dinge nicht gut gemacht und bin deswegen dann abgestiegen. Ich habe einfach keine gute Saison gepfiffen.
Sie sind Polizist und waren bei der Bereitschaftspolizei auch im Stadion im Einsatz. Gibt es Ihnen eine andere Perspektive auf wütende Zuschauer?
Nein, das sind zwei komplett unterschiedliche Aufgaben. Als Polizist muss ich Straftaten verhindern und verfolgen. Wenn ich in voller Montur im Stadion stehe, und da kloppen sich Leute, dann muss ich das unterbinden. Das ist eine andere Situation, als auf dem Platz zu stehen. Es hat mir aber geholfen, als ich zum Beispiel ein Spiel zwischen Mannheim und Uerdingen gepfiffen habe, das abgebrochen werden musste. Ich habe ein großes Hintergrundwissen über die Arbeit der Polizei und kann die Abläufe dann vielleicht auch besser koordinieren.
Jetzt sind Sie in Teilzeit in der Verkehrserziehung tätig. Wieso der Wechsel aus der Bereitschaftspolizei?
Irgendwann war meine Arbeit in der Bereitschaftspolizei schwerer mit der Schiedsrichterei zu vereinbaren. Die Verkehrserziehung und die Arbeit mit Kindern lagen mir am Herzen. Ich habe selbst Kinder und wusste, dass ich auch das schauspielerische Talent habe, um zum Beispiel als Puppenspieler tätig zu sein. Ich arbeite dort jetzt 20 Stunden in der Woche, mittlerweile in der Hauptaufgabe als Sachbearbeiter beim Plakat- und Liederwettbewerb der Polizei.
Sind Ihre Wochenenden denn während der Saison immer verplant?
Ja. Und immer auswärts. Das bedenken viele Leute auch nicht. Als Fußballer hat man auch Heimspiele, ich bin jedes Wochenende unterwegs und reise fast immer auch am Tag vorher an.
Wie ist Ihre Erfahrung als Schiedsrichter und als Polizist: Wird der Umgangston in unserer Gesellschaft rauer?
Da wird viel drüber philosophiert. Durch die Präsenz von Medien und sozialen Medien kommt viel ans Tageslicht, was es vorher auch schon gab. Für mich persönlich gilt erst mal, dass es in der Bundesliga nicht immer so schlimm ist wie man denkt. Fußballersprache ist nicht immer schön oder gesellschaftskonform. Wenn ich meine Kollegen bei der Polizei frage, sagen die auch, dass der Ton härter geworden ist. Der Respekt gegenüber Amtsträgern und auch Menschen, die ein Ehrenamt ausüben, ist weniger geworden.
Müsste man die Kollegen und Kolleginnen besser schützen, die irgendwo in den unteren Ligen unterwegs sind?
Ja, vor allem weil man am Anfang oft ganz allein bei den Spielen ist. Natürlich sind die meisten Schiedsrichter so entscheidungsfreudig und ehrgeizig und konfliktfähig, dass sie das schaffen. Deswegen werbe ich auch so für diesen Beruf. Das heißt aber nicht, dass man sich beschimpfen oder sich verhauen lassen muss. Das muss aufhören. Und da sind alle stetig gefordert und müssen was tun und nicht nur einmal im Jahr eine Kampagne auf die Beine stellen.
Wie verständigen Sie sich auf dem Platz mit internationalen Spielern?
Auf Deutsch. Wenn ich natürlich eine halbe Stunde auf einen Spieler einrede und das Gefühl habe, der versteht mich nicht, dann rede ich natürlich Englisch mit ihm. In der Bundesliga kommuniziere ich aber in der Tat vor allem auf Deutsch. Ich spreche aber außerdem auch Polnisch.
Haben Sie Spieler auch schon auf Polnisch beleidigt, ohne zu wissen, dass sie die Sprache verstehen?
Das ist mir eher als Polizist passiert als auf dem Platz. Oft schafft das aber auch eine Basis zum besseren Verständnis, wenn man in der Sprache des anderen antworten kann. Die rotwürdigen Beleidigungen auf dem Fußballplatz verstehe ich sowieso in den meisten Sprachen und kann dann auch Konsequenzen ziehen.
Haben Sie Verständnis dafür, dass Spieler nach einer Entscheidung zu fünft um Sie herumstehen und auf Sie einreden?
Das hat sich leider eingebürgert und es nervt mich. Ich habe in meinem Podcast vor kurzem mit Rugby-Schiedsrichterinnen geredet, da darf zum Beispiel nur der Kapitän mit dem Schiedsrichter sprechen. Mit mir kann eigentlich jeder reden, aber bitte mit etwas Respekt zumindest. Wir können da in der Bundesliga auch ein Zeichen setzen, was das Verhalten in den niedrigeren Klassen angeht. Da müssen vielleicht auch Regeländerungen eingeführt werden.
Tauschen Sie sich auch mit Schiedsrichterkollegen aus anderen Sportarten aus? Kann der Fußball etwas von anderen Disziplinen lernen?
Ich tausche mich auf meinem Podcast Refitcom auch mit Kollegen und Kolleginnen aus. Man darf die Sportarten natürlich nicht vertauschen oder zum Beispiel sagen, beim American Football ist alles besser. Da wird das Spiel auch alle paar Minuten unterbrochen, da haben die Schiedsrichter ganz andere Möglichkeiten, ihre Entscheidungen transparent zu begründen. Handball ist viel zu schnell und deswegen haben die Spieler gar nicht die Zeit, ständig mit dem Schiedsrichter zu diskutieren. Trotzdem gibt es Dinge, die man vielleicht aus anderen Sportarten übernehmen könnte. Zum Beispiel eine Zehn-Minuten-Zeitstrafe.
Hat der Video Assistant Referee (VAR) Ihre Arbeit leichter gemacht? Werden die Entscheidungen eher akzeptiert?
Schiedsrichterei und Fußball ist eine Ermessenssportart. Ich muss als Schiedsrichter auch ein Gefühl für das Spiel bekommen und dafür sorgen, dass es ein gutes Spiel wird, ohne dass die Spieler treten wie die Karussellpferde. Jetzt kommt die Macht der Bilder dazu. Ich sehe eine Situation auf dem Platz und muss beurteilen, ob der Spieler fällt, weil ihm der Gegenspieler auf den Fuß tritt. Muss er fallen? Ist es ein Foul im Sinne der Regel und muss ich das ahnden, mit allen Konsequenzen wie Strafstoß oder Rote Karte, die das Spiel auf den Kopf stellen kann? Ja oder nein? Ich beurteile das für mich im laufenden Spiel und sage: Nein. Dann gehe ich nach draußen, weil der VAR sagt: Ich habe dieses Bild, an dem ich nicht vorbeikomme. Ich muss dann entscheiden, wie das zusammenpasst. Wir müssen uns irgendwann entscheiden, ob wir dem Schiedsrichter seinen Ermessensspielraum lassen oder uns nur auf die Bilder verlassen. Wir gucken uns in jedem Lehrgang viele Videos an, um gemeinsam einheitliche Entscheidungen zu treffen. Aber jede Situation ist ein bisschen anders. Wir müssen also trotzdem akzeptieren, dass wir nie vollständig auf diese Einheitlichkeit kommen. Allerdings: Wenn der VAR 100 Entscheidungen korrigiert, reden die Leute nur über die fünf bis zehn, die diskussionswürdig waren. Wir haben aber die anderen Entscheidungen, die korrekt korrigiert wurden und richtig waren. Die haben alle den Fußball gerechter gemacht.
In der Summe ist der VAR also ein Gewinn?
Ja!
Auch wenn manche Fans sagen, dass sie lieber mit den Fehlentscheidungen leben würden und dafür keine Entscheidungen durch den VAR langwierig zurückgenommen werden?
Das ist glaube ich Quatsch. Drei Wochen, nachdem die Leute das gesagt haben, passieren drei Fehlentscheidungen, und dann schreien alle wieder nach dem VAR. Ich kann den Spieler verstehen, der den Ball per Seitfallzieher in den Giebel knallt, und dann wird das Tor aberkannt, weil er eine Fußspitze im Abseits stand. Der rastet komplett aus. Aber so ist es. Wegen dem Tor steigt die Mannschaft nicht auf oder verpasst die Champions League. Aber es gibt eben auch eine andere Mannschaft, die ansonsten wegen der Fehlentscheidung viel Geld verliert.
Würde die Einführung des Profischiedsrichters in Deutschland Verbesserungen bringen? Würde es überhaupt etwas ändern – Bundesligaschiedsrichter verdienen bereits jetzt gutes Geld.
Profischiedsrichter in einer der besten Spielklassen der Welt müssten auch entsprechend entlohnt werden. Ich nage nicht am Hungertuch und werde gut bezahlt. Als Profischiedsrichter wäre ich noch unabhängiger, müsste nicht an meine Dienstpläne denken und hätte mehr Zeit zu trainieren. Das hat viele Vorteile. Aber es gibt auch Nachteile. Was ist, wenn ein Profischiedsrichter ein Jahr nur Grütze pfeift, fällt der dann aus dem System raus? Bundesligaprofis können immer noch in die Zweite oder Dritte Liga wechseln. Jeder Schiedsrichter müsste selbst entscheiden, ob er das Risiko eingeht. Bundesligaschiedsrichter wird man meist erst im Alter von 30 Jahren. Ich bin sogar erst mit Mitte 30 in die Bundesliga gekommen. Was hätte ich vorher machen sollen?
Das Buch: Patrick Ittrich, Die richtige Entscheidung: Warum ich es liebe, Schiedsrichter zu sein. Ein Schiedsrichter der Fußball-Bundesliga berichtet. Edel Books, ISBN: 9783841907042
Bitte ergänzen Sie...
Das beste Getränk nach dem Sport ist... was Gesundes.
Der oder die beste TV-Ermittler oder -Ermittlerin aus Hamburg ist... Rhea Harder-Vennewald vom „Notruf Hafenkante“.
Der VAR wäre außerhalb des Fußballs auch nützlich bei… Familiensituationen.
Das schönste Geräusch im Stadion… sind Fangesänge.
Der Ärger über eine Fehlentscheidung verfliegt am besten... wenn ich keine mache.
Mein sportliches Vorbild ist… Sascha Thielert, mein Assistent.
Zur Person
Patrick Ittrich wurde 1979 in Hamburg geboren und wuchs im Stadtteil Mümmelmannsberg auf. Mit fünf Jahren begann er dort beim Mümmelsmannsberger SV mit dem Fußballspielen – bis heute ist der MSV sein Verein. Mit 15 meldete sich Ittrich zum ersten Schiedsrichterlehrgang an.
Seit 2016 darf er sich Bundesliga-Schiedsrichter nennen. Im Hauptberuf ist der Hamburger Polizeibeamter, neben der Schiedsrichterei bietet Ittrich unter „Refitcom“ Trainingsprogramme für Schiedsrichter verschiedener Sportarten an, betreibt einen Podcast und tritt als Speaker auf. 2020 erschien sein Buch „Die richtige Entscheidung“.
Ittrich ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in Hamburg.