Seepocken zeigen Grenze an
Seepocken besitzen viele Merkmale von Krebstieren. Foto: Paulin
Seepocken sind im Bereich von Elbmündung und Nordsee allgegenwärtig. Ihre Kalkschalen sitzen bombenfest verankert auf Muscheln, Steinen, Hafenmauern, Uferpackungen oder an Schiffsrümpfen. Es sind Tiere, die viele Merkwürdigkeiten aufweisen.
Wissenschaftler schauten tief in die kleinen Schalen der Seepocken hinein: Die Tierchen sitzen kopfüber in ihrer Schale, sie besitzen Magen und Darm. Die Augen sind zurückgebildet; sie sind ja auch nicht nötig in der Tiefe ihrer Schale. Die dünnen Füße werden aus der Schale herausgestreckt und im Wasser hin- und herbewegt. Rankenfüße werden sie genannt. Mit ihrer Hilfe wird mit den Schwebstoffen die Nahrung in das Schaleninnere hineingestrudelt.
Seepocken sind verwandt mit Shrimps
Weitere Untersuchungen kamen zum eindeutigen Ergebnis, dass Seepocken viele Merkmale von Krebstieren besitzen. Sie sind tatsächlich verwandt mit Shrimps, Taschenkrebs, Kellerassel, Hummer oder Wasserfloh. Seepocken sind wunderbar an ihre Umgebung angepasst. Liegen sie bei Ebbe trocken, dann schließen sie ihr Gehäuse. Mit dem verbleibenden Wasser in der Kalkkammer können sie tagelang überdauern.
Seepocken leben meistens in Gruppen, denn allein sollten sie besser nicht sein. Sie befruchten sich gegenseitig und sind Zwitter. Sie nehmen die Spermien der Nachbarn auf, um sich fortzupflanzen. Dazu haben sie einen extrem langen, rüsselartigen Penis, der zur benachbarten Seepocke hinüberreicht. Ein dichter Bestand an Seepocken erleichtert also die gegenseitige Befruchtung.
Die aus dem Ei geschlüpfte Larve bewegt sich frei und setzt sich später gern an bereits vorhandene Seepocken-Flächen fest. Dann zementiert sie sich am Untergrund fest. Ihr Klebstoff ist der Ultrasuperkleber der Welt und weitaus besser als Epoxid-Kunstharz. Wie der Zwei-Komponenten-Kleber funktioniert, ist bis heute nicht völlig geklärt. Da sitzt die Seepocke nun, ihr Leben lang.
Eine Seepocken-Art verträgt das brackige Wasser in der Elbe. Sie stammt ursprünglich aus Nordamerika. Wissenschaftler nutzen sie als Zeigerart. Die Besiedlung dieser Tierchen gibt an, wo sich im Oberflächenwasser die Grenze zwischen Brackwasser und Süßwasser befindet. „Amphibalanuns improvisus“ ist ihr wissenschaftlicher Name. Aus dem Lateinischen übersetzt heißt das: die unvermutete, unvorhersehbare Seepocke. Es ist aber leider vorhersehbar, dass die Brackwasser-Grenze immer weiter in Richtung Altes Land und Hamburg voranschreitet. Das macht viele Altländer Obstbauern schon seit langem sehr nachdenklich.
Was kreucht und fleucht denn da in der Region? Wolfgang Kurtze, Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Das TAGEBLATT veröffentlicht die Artikel des promovierten Biologen in loser Reihenfolge.