Weniger Klausuren wegen Corona – Schüler unter Druck
In diesem Halbjahr sollen Schüler über weniger Klausuren nachgrübeln. Kritiker fürchten, dass gerade zurückhaltende Kinder eine schlechte Zensur nicht mit mündlicher Leistung ausgleichen können. Weihrauch/dpa
Das Kultusministerium in Niedersachsen verlangt wegen Corona in diesem Schulhalbjahr weniger Klausuren von den Schülern. Nur eine ist Pflicht, der Druck entsprechend groß. Das ruft Kritik von Eltern und Lehrern hervor.
Von Lars Laue
„Wir sehen mit Sorge insbesondere die stilleren, ehrgeizigen Schülerinnen und Schüler einem zusätzlichen Stressfaktor ausgesetzt, wenn die mündliche Leistung stärker bewertet wird als vorher. Sollte die eine schriftliche Arbeit daneben gehen, ist der Frust programmiert“, gibt Kathrin Langel, stellvertretende Vorsitzende des Landeselternrates Niedersachsen (LER), zu bedenken.
In der gymnasialen Oberstufe werden die schriftlichen Arbeiten sowohl in der Einführungsphase als auch in der Qualifikationsphase reduziert. In der Qualifikationsphase werden nur in den Prüfungsfächern Klausuren geschrieben, in allen anderen Fächern entfallen die Klausuren. „Das bietet insbesondere den Abiturientinnen und Abiturienten die Möglichkeit, sich voll und ganz auf die Abiturprüfung zu konzentrieren“, begründet Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) den Schritt.
Auch im Sekundarbereich I ist in allen Fächern und Schuljahrgängen im zweiten Halbjahr nur eine schriftliche Arbeit zu schreiben. Die mündlichen Abschlussprüfungen in diesem Bereich sind dieses Jahr erneut freiwillig statt verbindlich.
Kritik: Ungeahnter Prüfungsdruck für Schülerinnen und Schüler
LER-Vize Langel hat dafür kein Verständnis: „Wir sprechen viel über Bildungsrückstände. Schriftliche Arbeiten sind auch Kontrollen, ob sich der Lernstoff ausreichend gefestigt hat. Wie können die einzelnen behandelten Themenbereiche in einem Fach zuverlässig abgeprüft werden?“, fragt die Lehrerin an einem Gymnasium in Celle.
Ähnlich sieht das auch Torsten Neumann, Vorsitzender des Verbandes Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL). Gerade in Fächern wie Deutsch, Mathematik und Englisch nur eine schriftliche Arbeit schreiben zu lassen, führe zu einem „Spannungsfeld“. „Unabhängig der Problematik bei der inhaltlichen Gestaltung – welche Themen fragt die Lehrkraft nicht ab – entsteht bei den Schülerinnen und Schülern ein ungeahnter Prüfungsdruck, denn es gibt in diesem Halbjahr nur diese eine Arbeit.“ Habe der Schüler „Pech gehabt“, wenn er einen schlechten Tag oder ausgerechnet das Falsche gelernt habe und dies als eher stillerer Typ mündlich nicht ausgleichen könne, will Neumann wissen. Fest stehe jedenfalls, dass die Vorgabe des Ministeriums „von der breiten Mehrheit der Lehrkräfte nicht nach vollzogen werden kann.“
Und auch der Philologenverband Niedersachsen gab kürzlich zu bedenken, dass der für das zweite Schulhalbjahr angeordnete Verzicht auf Klassenarbeiten und Klausuren gerade den zurückhaltenden, aber durchaus leistungsorientierten Schülern schade. „Eine Fokussierung auf mündliche Leistungen beziehungsweise Mitarbeit ist kein echter Ersatz, zumal die Bewertungsmaßstäbe oft unklar und nicht vergleichbar sind“, hieß es von der Vertretung der Gymnasiallehrer.
Minister Tonne verteidigt die Vorgaben
Kultusminister Tonne indes zeigt sich unbeeindruckt von der Kritik und verteidigte das Vorgehen kürzlich in einem Interview mit unserer Redaktion. Darauf angesprochen, dass in der Vergangenheit überwiegend in Präsenz unterrichtet wurde und schriftliche Leistungsüberprüfungen doch gut möglich sein müssten, antwortete der Ressortchef: „Wir schauen immer auf den Gesamtzeitraum. Und gerade mit Blick auf das Abitur haben die Schüler nach zwei Jahren Pandemie natürlich eine Geschichte mit vielen Einschränkungen. Das muss fair berücksichtigt werden.“
Der Wegfall von Klausuren bedeute überdies auch nicht, dass bewertbare Leistungen komplett wegfielen. „Die Schüler können etwas vorstellen, das sie selbst erarbeitet haben, und auch die mündliche Mitarbeit ist weiterhin gefragt und wird bewertet“, erklärte Tonne. Und was ist mit möglichen Nachteilen für stillere Schüler? „Es gibt eine breite Palette an bewertbaren Leistungen, die auch stilleren Schülern die Chance geben, sich mit guten Leistungen zu zeigen“, antwortete der Minister. (yvo)