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Nordsee

TWeniger Seehunde: Warum macht sich die „Ikone des Wattenmeers“ so rar?

Der Bestand an Seehunden im Wattenmeer geht langfristig zurück. Das befürchten Experten. Foto: Common Wadden Sea Secretariat

Der Bestand an Seehunden im Wattenmeer geht langfristig zurück. Das befürchten Experten. Foto: Common Wadden Sea Secretariat Foto: Common Wadden Sea Secretariat

Der Bestand an Seehunden ist im deutschen, dänischen und niederländischen Wattenmeer teils gestiegen, teils aber auch weiter zurückgegangen. Experten fürchten langfristig um den Bestand. Ist auch der Mensch schuld an dem Rückgang?

Von Detlef Glückselig Samstag, 09.11.2024, 10:00 Uhr

Butjadingen. Eine trilaterale Expertengruppe für Meeressäuger hat die Ergebnisse der Seehundezählung von 2024 veröffentlicht. Diese bestätigen einen bereits bestehenden Trend: Nach einem stetigen Wachstum von 2003 bis 2012 und stagnierenden Zahlen bis 2020 ist der Bestand an Seehunden heute niedriger als noch vor zehn Jahren.

Die Seehunde, Ikonen des Wattenmeeres, werden jedes Jahr im grenzüberschreitenden Weltnaturerbe Wattenmeer und auf der Insel Helgoland gezählt. Im Juni 2024 wurden insgesamt 8.230 Jungtiere registriert - ein Rückgang von 12 Prozent gegenüber 2023, als noch 9.334 Jungtiere gezählt wurden. Dieser Trend bestätigte sich in den meisten Regionen: Schleswig-Holstein verzeichnete mit 19 Prozent den stärksten Rückgang, während für Dänemark eine Zunahme um 14 Prozent das Ergebnis der Zählungen war. In den Niederlanden sank die Zahl der Jungtiere um 15 Prozent, in Niedersachsen und Hamburg um 2 Prozent.

Auf Helgoland keine Jungtiere gezählt

Auf Helgoland wurden erneut keine Jungtiere gezählt. Die niedrigeren Geburtenzahlen könnten mit einem Rückgang fortpflanzungsfähiger Weibchen, verursacht durch eine reduzierte Überlebensrate der Jungtiere in den vergangenen Jahren, zusammenhängen, vermutet das trilaterale Wattenmeerbüro (Common Wadden Sea Secretariat) mit Sitz in Wilhelmshaven.

Regelmäßig werden im Wattenmeer Seehunde gezählt. Jetzt liegt das Ergebnis der jüngsten Zählungen vor.

Regelmäßig werden im Wattenmeer Seehunde gezählt. Jetzt liegt das Ergebnis der jüngsten Zählungen vor. Foto: Ulich

Im August, während des Fellwechsels, wurden insgesamt 23.772 Seehunde im Wattenmeer gezählt - ein leichter Anstieg von 5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der beruhigt die Experten aber nicht. Denn: Der Bestand liege weiterhin unter den Zählungen der Jahre 2012 bis 2020, was auf einen langfristigen Rückgang hindeute, so das Wattenmeerbüro. Schleswig-Holstein sowie Niedersachsen und Hamburg verzeichneten einen Zuwachs von 7 und 14 Prozent, während die Bestände in Dänemark und den Niederlanden um 6 und 2 Prozent zurückgingen. Auf Helgoland wurden 56 Seehunde gezählt - 22 Prozent weniger als im Jahr 2023.

Im vierten Jahr in Folge ein Rückgang

Damit markiert 2024 das vierte Jahr in Folge mit insgesamt rückläufigen Seehundbeständen, verglichen mit der stabilen Population im Zeitraum 2012 bis 2020. Mehrere Ursachen für den Rückgang werden derzeit diskutiert. Das Wattenmeerbüro schließt Migration und Krankheiten als Hauptfaktoren aus. Vielmehr könnten Belastungen wie Nahrungskonkurrenz und menschliche Aktivitäten in der Nordsee, einem zentralen Nahrungsgebiet der Seehunde, eine Rolle spielen, so die Experten.

Die langfristigen Auswirkungen dieser Faktoren seien noch unklar, heißt es aus Wilhelmshaven. Weitere Forschung sei notwendig, um fundierte Maßnahmen zum Schutz der Seehundepopulation zu entwickeln.

Zahlen deuten auf tiefergehende ökologische Veränderungen hin

„Wir brauchen fundierte Kenntnisse über das Überleben und Verhalten einzelner Seehunde, um die Mechanismen der Bestandsveränderungen besser zu verstehen und geeignete Schutzmaßnahmen zu erarbeiten“, sagt Dr. Anders Galatius von der Universität Aarhus, Hauptautor des Berichts. „Jährliche Schwankungen sind normal, aber der langfristige Rückgang deutet auf tiefergehende ökologische Veränderungen hin, die dringend untersucht werden müssen, um die Seehunde im Wattenmeer nachhaltig zu schützen.“

Im Zuge dieser Entwicklungen hatte das Gemeinsame Wattenmeer-Sekretariat einen Workshop mit der Expertengruppe für Meeressäugetiere sowie Vertretern der Seehundzentren im Wattenmeer organisiert. Diskutiert wurden Möglichkeiten zur Nutzung von Daten „rehabilitierter“ Seehunde, um Einblicke in die aktuellen Bestandsveränderungen zu erhalten. Als ersten Schritt entwickelten die Teilnehmer des Workshops einen Ansatz, um die Verfügbarkeit neuer Daten für zukünftige Analysen zu sichern.

Eines der größten Raubtiere im Wattenmeer

Seehunde zählen zu den größten Meeresraubtieren im Wattenmeer. Im Rahmen des Monitorings der trilateralen Wattenmeer-Zusammenarbeit koordiniert die Expertengruppe die Zählungen und gleicht die Daten aus der gesamten Wattenmeerregion ab. Die Seehunde im deutschen, niederländischen und dänischen Wattenmeer sind durch ein Abkommen (Agreement on the Conservation of Seals in the Wadden Sea; WSSA) unter der Schirmherrschaft des UN-Übereinkommens zur Erhaltung wandernder, wild lebender Tierarten (CMS) geschützt. Der Expertenbericht ist als Download verfügbar.

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