Zähl Pixel
Landwirtschaft

TWenn das Getreide nur noch als Futter für Biogasanlagen taugt

Wenn das Getreide nur noch als Futter für Biogasanlagen taugt

Fast mit Beginn der Sommerferien setzte der Regen ein und ein Tiefdruckgebiet folgte auf das andere. Was bei Daheimgebliebenen oft für Verdruss sorgte, bereitet vielen Landwirten große Sorgen bis hin zu Existenzängsten.

Montag, 14.08.2023, 15:00 Uhr

Von Antje Holsten-Körner

Hintergrund: Die Getreideernte 2023 ist in vielen Gebieten nur noch als Viehfutter zu verwenden oder im Extremfall bleibt nur die Biogasanlage.

Auch bei Christoph Engelken aus Horstedt schwindet die Hoffnung mit jedem weiteren Regentag. Dabei sah es für das im Oktober angesäte Getreide dank des feuchten Frühjahrs noch sehr gut aus, doch ab Mai blieb der Regen aus. „Die anhaltende Trockenheit führte nicht nur zu Ertrags- und Qualitätseinbußen, sondern zu einer teilweisen Notreife“, weiß der Betriebswirt.

An eine vorzeitige Ernte im Juli war jedoch nicht zu denken, denn dafür wären mindestens drei trockene Tage in Folge erforderlich gewesen. „Im Juli waren es 170 Liter Regen“, rechnet Christoph Engelken zusammen, der das Getreide auf dem Hof einlagert und keine Möglichkeit hat, eine Nachtrocknung vorzunehmen. Nicht nur die Restfeuchte des Getreides, die daher unter 14,5 Prozent liegen muss, ist für eine Ernte wichtig, sondern auch die Befahrbarkeit der Felder.

„Wenn der Boden zu feucht ist, wird er durch Spuren und Furchen verdichtet“, sagt der Familienvater, der den Boden „als wertvolles Gut“ betrachtet, und daher viel Wert auf Fruchtfolgen legt. Er erklärt: „Das ist ungesund für den Boden, denn wenn er nicht aufgebrochen wird, kommt kein Wasser in den Boden und die Wurzeln dringen nicht durch.“ Von den 35 Hektar, auf denen Engelken Getreide anbaut, steht auf 18 Hektar Dinkel, der wieder zu leckeren Brötchen und Broten bei der Sottrumer Bäckerei Holste werden soll.

Kaum Hoffnung für den Dinkel

„Wir müssen die Fallzahlen verproben, also den Klebeeiweißgehalt im Getreide feststellen. Schlechte Fallzahlen führen beim Backen zu großen Blasen“, sagt der Horstedter Landwirt, der auch ein Probebacken in Erwägung zieht. „Wir werden alles versuchen“, betont Engelken. Viel Hoffnung hat er für den Dinkel allerdings nicht mehr.

Etwas besser sieht dagegen noch der Roggen aus, der als Viehfutter angebaut wird. Selbst wenn es jetzt einige Tage trocken bleiben sollte, ist es nicht für alle Landwirte möglich, die Ernte zeitnah einzubringen. Das liegt daran, dass sich kaum ein Betrieb einen eigenen Mähdrescher leisten kann, die selbst gebraucht bei 100.000 Euro liegen, und somit die meisten Landwirte auf Lohnunternehmer angewiesen sind. „Da jetzt alle Getreide ernten wollen, ist es schwierig, einen Termin zu bekommen“, betont Christoph Engelken.

Die derzeitige Lage belastet den Horstedter, der vor einigen Wochen zum zweiten Mal Vater geworden ist, nicht nur mental, sondern auch finanziell. „Es ist mit Einbußen im fünfstelligen Bereich zu rechnen“, befürchtet er. Sein Vorteil ist, dass sich die anhaltende Feuchtigkeit sehr positiv auf die ebenfalls angebauten 45 Hektar Mais ausgewirkt hat. „Es ist nichts längerfristig planbar, denn unsere Arbeit in der Landwirtschaft war schon immer vom Wetter abhängig“, weiß Engelken.

„Jeder Tag Regen ist ein Tag weniger Dürre“

Durch die Klimaerwärmung, führt er weiter aus, würden die Wetterereignisse aber stärker ausgeprägt sein: „Es wird viel mehr Wasser in den Wolken gespeichert als früher. Der Regen ist das Wetter, die gesamte Lage aber das Klima.“ Den Regen begrüßt er sogar zu vielen Zeiten: „Mein Leitspruch ist: Jeder Tag Regen ist ein Tag weniger Dürre.“

Durch solche extremen Wetterlagen sieht er sogar die Versorgungssicherheit mit heimischen Produkten gefährdet. „Die geht flöten. Wir sind dann auf ausländisches Getreide angewiesen“, so der engagierte Landwirt. Und in vielen Ländern werden die Vorschriften für eingesetzte Pflanzenschutzmittel und Dünger viel laxer gehandhabt.

Jörn Holste macht sich derzeit noch keine Sorgen um die Qualität seiner Backwaren. „Ich habe durch den Genossenschaftsverband Bäko Zugriff auf hochwertige Rohstoffe“, berichtet er. Dazu gehört Mehl, das er über die Rolandmühle in Bremen bezieht. „Es ist eine der besten Mühlen in Deutschland. Das Mehl kommt überwiegend aus Süddeutschland“, so der Bäckermeister. Beim Dinkel setzt er, wenn die Qualität stimmt, gerne weiter auf die seit fünf Jahren bestehende Zusammenarbeit mit Christoph Engelken.

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel